liod
Band V, Spalte 1336
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liod n. a-St., im Abr und weiteren Gl.,
bei O, im L, in NMC, Nps, im Ph: (Preis-)
Lied, Gesang, Lobgesang; canticum, cantile-
na, carmen, hymnus, melos, tropus
Var.:
-eo-, -ie-, -i-; -th, -t. Beim Nom.Sg. leo-
den in Gl. 1,80,30 Pa ist die Endung -en
vom lat. Lemma carmen übernommen (vgl.
Splett 1976: 143). Die späten Belege mit
ausl. -t (Npw und Gl. 3,231,46 [Clm. 2612,
12. oder 13. Jh., Wien, Cod. 2400, Anfang
des 13. Jh.s]) zeigen bereits die mhd. Aus-
lautverhärtung. Mhd. liet st.n. (pl. liet und
lieder) Gesangsstrophe, strophisches Ge-
dicht, Lied
, in der Wendung (jmds.) liet
singen jmds. Willen folgen, sprw. swes
brôt man ezzen will, des liet sol man ouch
singen gerne man soll die Meinung dessen
vertreten, von dem man (wirtschaftlich) ab-
hängig ist
(Mhd. Wb. 1, 1029; latinisiert
cuius enim panem manduco, carmina canto;
vgl. H. Schwarz, PBB 75 [1953], 363 f.),
frühnhd. lied n., nhd. Lied n. auf eine Me-
lodie gesungenes (lyrisches) Gedicht, epi-
sche Dichtung
, in den Wendungen von etw.
ein Lied singen können über etw. aus ei-
gener, meist unangenehmer Erfahrung be-
richten können
, das Ende vom Lied der
Ausgang einer Sache
, sprw. wes Brot ich
ess, des Lied ich sing (s. o.).

Ahd. Wb. 5, 1036; Splett, Ahd. Wb. 1, 548; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 728; Schützeichel7 203; Starck-Wells
378; Schützeichel, Glossenwortschatz 6, 110; Berg-
mann-Stricker, Katalog Nr. 461. 747. 945; Seebold,
ChWdW8 194; ders., ChWdW9 525 f.; Graff 2, 199;
Lexer 1, 1913 f.; Frühnhd. Wb. 9, 1196 ff.; Diefen-
bach, Gl. lat.-germ. 96 (canticum, cantilena). 102
(carmen); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 87 (canticum).
309 (hymnus); Dt. Wb. 12, 982 ff.; Kluge21 440;
Kluge24 s. v. Lied; Pfeifer, Et. Wb.2 799. H.
Schwarz, PBB 75 (1953), 321356 (Erklärung der
Belege, wortfeldmäßige Einbindung von liod); ders.,
FS Trier 1954: 434438; Maurer-Rupp 19741978: 1,
65; LMA 5, 2969 f.; Röhrich 2003: 2, 966 f.; Friedrich
2006: 273.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. -lioth st.n. (in winilioth Volkslied, welt-
liches Lied; psalmus plebeius, psalmus sae-
cularis
; vgl. ahd. winiliod), mndd. lēt n. (pl.
lēt, lēde) Lied, strophisches Gedicht für Ge-
sang, Ballade
, sprw. de ende des lēdes was
noch nicht gesungen die Sache war noch
nicht erledigt
; frühmndl. liet n. (a. 1240),
mndl. liet n., nndl. lied n. gesungenes Ge-
dicht
; nwestfries. liet, saterfries. läid ge-
sungenes Gedicht
; ae. lēođ n. Lied, Ge-
sang, Gedicht
, me. lēth, leoth, leod Lied,
Gedicht
; aisl. ljóð n. Strophe eines Ge-
sangs
, nisl. ljóð Strophe, Lied: < urgerm.
*leþa- n.

Im Got. ist das Subst. als HG des Komp.
awi-liuþ (-d-) n. Dank; χάρις belegt, das die
Vernersche Variante urgerm. *-leđa- fort-
setzt. Der grammatische Wechsel ist auf eine
unterschiedliche Betonung von Simplex und
Komp. zurückzuführen (s. u.). Dass auch im
Got. ein Simplex *liuþ n. < urgerm. *leþa-
n. vorhanden war, legen das sw.v. II liuþon
lobsingen; ψάλλειν (s. liudôn) und der de-
nominale m. ja-St. liuþareis Sänger; ᾠδός
(s. liudri; vgl. auch Krahe-Meid 1969: 3,
§ 85, 1) nahe.

Fick 3 (Germ.)4 355; Tiefenbach, As. Handwb. 465;
Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 112. 247; Lasch-Borch-
ling, Mndd. Handwb. 2, 1, 795; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. 2, 673; VMNW s. v. liet; Verwijs-Verdam,
Mndl. wb. 4, 569 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 385;
Suppl. 100; Vries, Ndls. et. wb. 398; Et. wb. Ndl. Ke-
R 223; Fryske wb. 12, 273; Fort, Saterfries. Wb. 128;
Holthausen, Ae. et. Wb. 200; Bosworth-Toller, AS
Dict. 634; Suppl. 613; ME Dict. s. v. lēth; Vries,
Anord. et. Wb.2 359; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 739;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 2, 543 f.; Holt-
hausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 183; Magnússon, sl.
Orðsb. 568; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 70 (s. v. awi-
liuþ). 336 (s. v. liuþon); Lehmann, Gothic Et. Dict. A-
240. Schubert 1968: 14. 82; Casaretto 2004: 84.
157. 426.

Urgerm. *leþa- n. setzt vorurgerm. *to-
fort. Beim Komp. urgerm. *-leđa- kann die
Betonung auf dem VG des Komp. gelegen
haben: vorurgerm. *´-leto-; vgl. got. hunda-
fadi-, ai. atá-pati- m. Herr über Hundert
< uridg. *tó-pati- (s. hunno); oder das
Komp. war im Unterschied zum Simplex
endbetont: vorurgerm. *-letó-; vgl. oxyto-
niertes ai. deva-ko- m. Götterkufe ge-
genüber dem Simplex ai. a- m. Behälter,
Kiste, Kufe
(vgl. Schaffner 2001: 241 f.). Auf-
grund von fehlendem Vergleichsmaterial ist
auch unklar, ob es sich bei dem Dental in
vorurgerm. *to- um eine Wz.erweiterung
oder ein Suff. handelt (vgl. Casaretto 2004:
84).

Vorurgerm. *to- hat keine genaue Ent-
sprechung in anderen idg. Sprachen. Mög-
lich ist allenfalls eine Verbindung mit dem
auch bedeutungsmäßig nahestehenden Wort
lat. laus (-d-) f. Lob, Ruhm, Anerkennung,
Lobspruch
< urit. *la(V)d-. Gemäß der
Thurneysen-Havetschen Regel, nach der
grundsprachliches *o in Verbindung mit *
> urit. *a (vgl. lat. caveō sehe mich vor <
uridg. *koh1-ée-; vgl. Meiser [1998] 2010:
§ 61, 8), könnte das lat. Wort auf eine Vor-
form vorurit. *lo--d(h)- zurückgehen (vgl.
Schrijver 1991: 444; zuletzt B. Vine, HS 119
[2006], 238).

Zugrunde liegt wohl eine ansonsten nicht
belegte Wz. uridg. *le- mit mehreren Er-
weiterungen oder Suffixen.

Walde-Pokorny 2, 406; Pokorny 683; Walde-Hof-
mann, Lat. et. Wb. 1, 776; Ernout-Meillet, Dict. ét.
lat.4 346; de Vaan, Et. dict. of Lat. 330. Lühr 2000:
134.

Vgl. fers.

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