rzzri
Band VII, Spalte 591
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rzzriAWB m. a-St., ab dem 10. Jh. in Gl.:
‚Ohrenbläser, Aufschneider, einer, der mit dem
Zirkel arbeitet; circu(m)lator, sculptor‘ 〈Var.: -z-;
-are, -ere〉. Von den zehn Belegen des Worts
werden drei mit -z- (2,389,19. 410,8. 509,48),
sieben mit -zz- geschrieben (2,450,32[?].
556,51. 563,8 [in 2 Mss.]; 4,113,31. 125,38.
135,63). Alle Belege glossieren lat. circu(m)la-
tor ‚Marktschreier, Aufschneider, Angeber‘,
die beiden Belege in 2,563,8 auch lat. sculptor
‚Bildhauer‘. Keiner der Belege zeigt ein Dia-
kritikum über dem -i- der Wurzelsilbe. Mithin
sind zwei St.ansätze möglich: rîzri (so etwa
Schützeichel⁷ 263; ders., Glossenwortschatz
7, 453 f.) und rizzri (so etwa Splett, Ahd. Wb.
1, 761 [deverbal zu ahd. rizzen ‚einritzen,
kratzen‘]. 762 [deverbal zu ahd. *rizzen (vgl.
ahd. rizzalôn ‚die Stimme erklingen lassen‘)]);
eKöbler, Ahd. Wb. s. v. rizzāri; Starck-Wells
490). Das Übergewicht (7:3) der Belege mit
-zz- weist auf eine Form rizzri. Für -zz- spricht,
dass frühnhd. ritzer m. übertragen ‚Ehrab-
schneider‘ bedeuten kann. Andererseits ist auch
nhd. Reißer m. ‚einer der etw. zerreißt, Gerät
zum Zerreißen‘ eine reguläre Bildung. Eine sol-
che kann jederzeit gebildet worden sein, weil das
Suff. ahd. -ri (s. d.), nhd. -er in der gesamten
Sprachperiode des Deutschen produktiv zur
Bildung von Nomina agentis und Nomina in-
strumenti verwendet wurde. Es kann somit nicht
eindeutig entschieden werden, ob der Wz.vokal
lang oder kurz war.
Die beiden Gl. zu lat. sculptor sind sicher von
ahd. rizzen ‚einritzen, kratzen‘ (s. d.) bzw. rîzan
‚einritzen, schreiben‘ (s. d.) abgeleitet, weniger
wahrscheinlich ist eine Ableitung von ahd. rîza
f. ‚Zirkel‘ (s. d.). Zur Etym. der lat. circu(m)la-
tor ‚Marktschreier, Angeber‘ glossierenden Be-
lege s. u. Es scheint möglich, dass die Bed.an-
gabe ‚der mit dem Zirkel arbeitet‘ in den
Wörterbüchern eine gelehrte Volksetym. ist,
wobei das Missverständnis durchaus schon im
Mittelalter aufgekommen sein könnte, wenn
circu(m)lator fälschlich auf circulus ‚Kreis,
Kreislinie‘ und circinus m. ‚Zirkel‘ (s. zirkil) be-
zogen wurde.

Ahd. Wb. 7, 1117; Splett, Ahd. Wb. 1, 762; eKöbler, Ahd.
Wb. s. v. rizzāri; Schützeichel⁷ 263; Starck-Wells 490;
Schützeichel, Glossenwortschatz 7, 453 f.; Graff 2, 559;
Diefenbach, Gl. lat.-germ. 121 (circu-, circumlator); Dt.
Wb. 14, 763 f.
1084. – H. Thoma, PBB 73 (1951), 237
Anm. 5.

Entsprechungen der ahd. Bildung fehlen in
den anderen germ. Sprachen. Zur Sippe von
rz(z)ri ‚Aufschneider‘ (zu ahd. *rizzen als
Ableitungsgrundlage auch von ahd. rizzalôn
‚die Stimme erklingen lassen‘ [s. d.]) sind aber
folgende Verben zu stellen: as. writolon* ‚plap-
pern‘ (nur gen.pl. part.präs. húuitolónthíon),
mndd. writ ‚Streit‘ (?); nndl. wrijten sw.v.
‚streiten, krakeelen‘; ae. writian, wreotian
sw.v. ‚piepen, zirpen, schwätzen‘ (der Ansatz
ae. wrítian mit -ī- bei Holthausen, Ae. et. Wb.
409 [writian²]; Bosworth-Toller, AS Dict. 1276
[wrítian²] ist unzutreffend, es liegt -i- vor, wie
auch schon Bosworth-Toller, AS Dict. Suppl.
750 vermerkt), me. writelinge ‚zwitschernd
(von der Nachtigall)‘ setzt letztlich dieselbe
Form voraus wie ahd. rizzalôn, as. writolon*;
nnorw. vritast ‚sich zanken‘: < urgerm. *rit-
([a/ul]ō)e/a-.

Tiefenbach, As. Handwb. 479; Wadstein, Kl. as.
Spr.denkm. 249; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 5, 782;
Vries, Ndls. et. wb. 851; WNT s. v. wrijten (Bed. 7, 8);
Holthausen, Ae. et. Wb. 409 (writian²); Bosworth-Toller,
AS Dict. 1276 (wrítian²); Suppl. 750; eMED s. v. writelinge
(ger.); eOED s. v. †writeling; NOBFM s. v. vritast.

Urgerm. *rit-([a/ul]ō)e/a- geht auf vorur-
germ. *rid- zurück. Bezeichnet wurde im wei-
testen Sinne eine Lautäußerung, weshalb die
Verbindung dieser germ. Wortformen mit der
Sippe von ahd. rîzan ‚einritzen, aufreißen,
schreiben‘ (s. d.) unwahrscheinlich ist. Außer-
halb des Germ. ist eine Wz. *reid- nicht greif-
bar. Kroonen, Et. dict. of Pgm. 596 setzt für das
urgerm. st. V. „*wrīnan-“ ‚heulen‘ eine Wz.
uridg. *reH- an, die wohl auch in ahd. reinno
(bei Kroonen ebd. fälschlich „reinnio“) ‚Hengst‘
(s. d.) fortgesetzt ist.
(Möglich wären wie im Falle von rîzan [s. d.]
verschiedene Erweiterungen uridg. *re-d- :
*re-H- einer Wz. *re- mit einem Übergang
*d > *h₁ [vgl. uridg. *di-dt-ih₁ > *(d)i-
h₁t-ih₁ > urit. *īkentī > lat. vīgintī ‚20‘;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 788; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 735; de Vaan, Et. dict.
of Lat. 678]. In diesem Fall wäre vorurgerm.
*re-H- noch genauer als *re-h₁- zu be-
stimmen.)

Ein *r-e- als Erweiterung von uridg. *erh₁- ‚sagen‘
(*r-e- : *er-H-) und damit eine Vorform *er- ‚eine
Lautäußerung tun‘ ist nicht erweisbar.

Auch eine nur germ. onomatopoetische Wz.
käme in Frage.

Walde-Pokorny 1, 283 f.; Pokorny 1162 f.; LIV² 689 f.

HB

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