ir
Volume V, Column 148
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irAWB pers.pron. (2.pl.), seit dem 8. Jh. in
Gl. und liter. Denkmälern: ihr; vos Var.:
h-; ier, aer; ger; gi; ge; cher. Mhd. ir
ihr, nhd. ihr.

Ahd. Wb. 4, 1703 f.; Splett, Ahd. Wb. 1, 426; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 602 (ir¹); Schützeichel⁷ 166 (ir¹);
Starck-Wells 308; Schützeichel, Glossenwortschatz 5,
72 ff. (ir¹); Seebold, ChWdW8 170; ders., ChWdW9
448; Graff 1, 571 ff.; Lexer 1, 1448; Frühnhd. Wb. 8,
196; Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 720 (vos); Dt. Wb. 10,
2049 ff.; Kluge²¹ 324; Kluge²⁵ s. v. ihr; Pfeifer, Et.
Wb.² 572. Bergmann 1991: 397.

In anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
gi, gī, mndd. gi, je, ī; andfrk. gi, mndl. g(h)i,
je, nndl. gij, jij; afries. i, nwestfries. y, jy, jo,
jou, saterfries. jie; ae. g, nordh. gīe, me. ye,
nordme. gie, yie, ne. veraltet ye; aisl. ér, nisl.
þér, arch. fär. tær, adän., ndän. i, nnorw. i,
(bm., veraltet) de, (nn.) de, aschwed. í, ír,
nschwed. i, ni, nschwed. dial. ir, er, eir; got.
jus (wohl [jūs]), juz- (vor Enklitika, z.B.
juzei die ihr; vgl. Braune-Heidermanns
2004: § 150 und Anm. 2a): < westgerm. *iz
neben nordgerm. *īz neben ostgerm. *ūs.
Urgerm. ist von *ūs/z auszugehen, die west-
und nordgerm. Formen sind analogische
Neuerungen nach dem Pron. der 1.Pl. ur-
germ. *īz (s. wir).

Der Ablösungsprozess von me. nom. ye
durch die Form des Dat.Akk. you begann im
14. Jh. und war im 16. Jh. weitgehend abge-
schlossen.

Der Dental in nisl. þér, fär. tær und norw. de
beruht auf dem doppelten Einfluss des Pron.
der 2.Sg. nisl. þú, fär. tu, norw. du und der
Metanalyse enkl. Formen nach Verbformen
mit der Endung der 2.Pl., aisl. -ið, -uð. Der
Vokalismus von aisl. ér, nisl. þér ist zudem
nach dem Pron. der 1.Pl. aisl. vér geneuert.

Die nschwed. Form ni entstand durch Meta-
nalyse von enkl. Formen des Pron. nach der
Endung -en.

Fick 3 (Germ.)⁴ 330; Tiefenbach, As. Handwb. 420
(s. v. thū); Sehrt, Wb. z. Hel.² 618 (s. v. thu); Berr, Et.
Gl. to Hel. 156; Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 183;
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 2, 109 (gi). 407
(ie). 481 (jē); ONW s. v. gi; VMNW s. v. ghi; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 2, 1943; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal² 199; Suppl. 58; Vries, Ndls. et. wb. 207; Et. wb.
Ndl. F-Ka 572 f.; Hofmann-Popkema, Afries. Wb.
242; Richthofen, Afries. Wb. 1080; Fryske wb. 9, 181
(y²); 10, 44 f.; Dijkstra, Friesch Wb. 2, 27. 29. 31;
Fort, Saterfries. Wb. 116; Holthausen, Ae. et. Wb.
141; Bosworth-Toller, AS Dict. 364; Suppl. 284; ME
Dict. s. v. yē pron.; OED² s. vv. ye pron., you pron.,
adj. and n.; Vries, Anord. et. Wb.² 103; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 99; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3,
1050; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 51. 314
(þér²); Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 456; Magnús-
son, sl. Orðsb. 155. 425; Nielsen, Dansk et. ordb.
203; Ordb. o. d. danske sprog 9, 1 ff. (i²); Torp, Ny-
norsk et. ordb. 59. 240; NOB s. v. (bm., nn.) de;
Hellquist, Svensk et. ordb.³ 397; Svenska akad. ordb.
s. v. i pron.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 305; Leh-
mann, Gothic Et. Dict. J-15. Guchman 196266: 3,
307 f. 346 f.; Seebold 1984: 16. 26. 30 f. 99.

Urgerm. *ūs/z < vorurgerm. *ūs hat nur
im Iran. und Balt. genaue Entsprechungen.
Meist haben Umgestaltungen stattgefunden:
Entweder sind Pkl. angetreten oder der An-
laut analogisch nach anderen Formen des Pa-
radigmas verändert.

Über die Gestalt der uridg. Grundform be-
steht keine Einmütigkeit. Sowohl uridg. *uHs
als auch *uH ist möglich, wahrscheinlich ist
*uH-s die Erweiterung bzw. Verdeutlichung
von *uH um das Pl.zeichen *-s.

Das Ai. setzt die ältere Form uridg. *uH
verbaut in dem analogisch nach vay-ám wir
umgestalteten yū-y-ám fort. Das Ai. zeigt
weiter die Form 2.du. yuvám, die lautgesetz-
lich auf uridg. *uH + pkl. uridg. *(H)óm zu-
rückgeht. Darüber, ob die Pl.form kollek-
tivisches uridg. *u-h₂ ihr (alle) fortsetzt,
während dem Du. uridg. *u-h₁ zugrunde
liegt, kann keine sichere Aussage getroffen
werden, systeminterne Erwägungen legen
dies aber nahe. In diesem Falle wäre uridg.
*u- als Wz. anzusetzen. Formen mit Refle-
xen von uridg. *-u- basieren dann auf die-
ser Wz., während Fortsetzer, die Reflexe ei-
nes *-ū- zeigen, letztlich auf dem Pl. bzw.
Du. basieren müssten. Formen wie urgerm.
*ūs/z < vorurgerm. *ūs, aav. yūǝ̄m, enkl.
yū, jav. yūǝm, lit. js etc. wären folglich
doppelt markiert.

Bei aav. yūǝ̄m, jav. yūǝm muss das mittlere
-- in urspr. antevokalischer Stellung oder in
der Komposition entstanden sein, inlautend
wäre -- erhalten geblieben. Der Antritt der
Pkl. uriran. *(H)am muss also erst inneriran.
erfolgt sein. Bei der Bildung der av. und der
ai. Formen handelt es sich demnach um
getrennte Vorgänge. Da man also kein ur-
indoriran. *ūam o.ä. ansetzen kann, entfällt
auch die Notwendigkeit, für ai. yūyám mit
einer Umbildung aus jenem zu rechnen, wie
es in älterer Literatur oft geschah.

Gr. att. ὑμεῖς, äol. ὔμμες kann auf zwei
Vorformen zurückgeführt werden, urgr. *us-
mes oder urgr. *us-mes mit Hauchumsprung,
wobei *us- die Schwundstufe der obliquen
Form *es sein kann. Je nach Interpretation
ist der alte Nom. an der überlieferten Form
beteiligt gewesen oder nicht.

Im Slaw. wurde der Nom. uridg. *uH-s >
urslaw. ū > gemeinslaw. y durch den im
Vokalismus späturslaw. lautgesetzlich ohne-
hin schon gleichlautenden Akk. uridg. *ons
> urslaw. *uns > gemeinslaw. *vy ersetzt;
vgl. aksl. vy, (a)russ. vy, poln. wy etc.

Derselbe Ersetzungsvorgang hat auch in an-
deren idg. Sprachgruppen stattgefunden, et-
wa im It. (vgl. lat. vōs etc.), aber ohne durch
eine solche lautliche Ähnlichkeit motiviert
zu sein.

Der remotivierte Nom.Du. lit. jù-du kann
theoretisch ebenso den alten St. uridg. *u-
fortsetzen, wie er auch was wahrscheinli-
cher ist eine erst innerlit. Neubildung aus
dem Nom.Du. urbalt. * sein kann, der im
Lit. zu * gekürzt worden wäre, wie es bei
stoßtonigen ausl. Längen normalerweise ge-
schieht, und dem Num. lit. nom.m. <
urbalt. *d() < uridg. *doh₁ 2. Die balt.
Pl.formen lit. js, lett. js, apreuß. ioūs set-
zen uridg. *uH-s direkt fort.

Arm. dowkՙ ist nach dem Sg. dow du um-
gebildet, die obliquen Kasus zeigen einen
Anlaut je-, der aber nicht lautgesetzlich sein
kann, da uridg. *- sonst durch arm. - fortge-
setzt ist. Ausgehend von einer Form vorur-
arm. *ū-s wurde der Vokalismus beibehal-
ten und der Anlaut analogisch an die 2.Sg.
angeglichen.

Die Etym. von alb. ju, u ist umstritten: Wenn
der Anlaut j- alt ist, ist eine Herleitung aus
uridg. *uH- möglich; da j- aber auch eine
Art Hiattilger sein könnte, bleibt die Erklä-
rung aus einer obliquen Form *es oder *us-
m- ebenfalls denkbar.

Toch. B yes, toch. A yas zeigen den alten
Anlaut, sind aber sonst nach dem Pron. der
1.Pl. toch. B wes etc. umgestaltet.

Walde-Pokorny 1, 209; Pokorny 513 f.; Mayrhofer,
KEWA 3, 22 (yuvám). 24 (yumá-). 26 (yūyám);
ders., EWAia 2, 414 (yuvám). 416 (yūyám); Rastor-
gueva-Edelman, Et. dict. Iran. lang. 4, 138 f.; Bar-
tholomae, Airan. Wb.² 1304 f.; Frisk, Gr. et. Wb. 2,
963 f.; Chantraine, Dict. ét. gr. 1155 f.; Beekes, Et.
dict. of Gr. 2, 1530 f.; Untermann, Wb. d. Osk.-Umbr.
851. 865; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 836 f.; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 753; de Vaan, Et. dict. of
Lat. 691; Demiraj, Alb. Et. 209; Orel, Alb. et. dict.
159 f.; Martirosyan, Et. dict. of Arm. 243; Trautmann,
Balt.-Slav. Wb. 110; Derksen, Et. dict. of Slav. 533;
Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 4, 309 f.; Snoj, Slov. et.
slov.² 818; Vasmer, Russ. et. Wb. 1, 238; ders., t.
slov. russ. jaz. 1, 366 f.; Fraenkel, Lit. et. Wb. 199;
Smoczyski, Słow. et. jz. lit. 240; Mühlenbach-
Endzelin, Lett.-dt. Wb. 2, 123; Karulis, Latv. et. vārd.
1, 364; Trautmann, Apreuß. Spr.denkm. 451; Ma-
iulis, Apreuß. et. Wb. 4, 202; Windekens, Lex. ét.
tokh. 166. 169; Adams, Dict. of Toch. B 302 (s. v.
tuwe). G. Schmidt 1978: 207233; V. Blaek,
Dhumbadji! 2/3 (1995), 115; Sihler 1995: 379383;
KS Klingenschmitt 2005: 527 f.; Babaev 2008: 4751.
201205; L. Dokalová, V. Blaek, in Kümmel 2011:
1334; Orel 2011: 1, 210.

S. iuwêr.

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