âz
Volume I, Column 406
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âz [a: s] n. a-St., zweimal aaz geschrieben,
beide in K (8. Jh.), zwischenvokalisch auch -zz-
[ss] (s. Braune, Ahd. Wb.13 § 191 unten): Speise,
Nahrung, Gericht, cibus, esca, edulium, esus
;
Aas, Fraß (für wilde Tiere: nur bei Otfrid 2,
17, 4); Essen, comestio; daneben *âza [s] f. ō-
St., geschrieben azza Gl. 2, 176, 42 Essen, co-
mestio
.

Der Ansatz eines zusätzlichen ahd. *âz m. a-St. (Ahd.
Wb. I, 762) beruht einerseits auf der höchst zweifel-
haften Interpretation von azza 2, 470, 44 und dessen
lat. Lemma farra ..., das aus dem Textzusammenhang
zu farragines Futterkörner emendiert wird, als Akk.
Pl. eines m. a-St. (sodann auch bei 4, 142, 23 und
dem verstümmelten .zza von 4, 126, 66) und anderer-
seits auf dem mehrfach im Mhd. bezeugten atz(e);
aber da die ahd. Formen doch wohl zu *âza f. ō-St.
(s. o.) gehören und mhd. atz(e) Affrikata und wohl
kurzes a- hat (so Lexer I, 104), so entfällt ein sonst
nicht belegtes ahd. *âz [-s] m. a-St.

Mhd. ist âz st. n. weiterhin im Sinne von Speise
für Menschen und Tiere, Köder
gebräuchlich,
außerdem atz(e) st. m. Speise, Beköstigung so-
wie atzunge st. f. dss., wodurch wohl ahd. âza
entbehrlich wurde. Auch frühnhd. as(s), aas(z)
hat noch die Bed. Fraß (für Tiere), aber auch
schon Leiche von Tier und Mensch; Luther
übersetzt damit ad devorandum Ez. 29, 5. In der
Hochsprache von heute aber gilt Aas nur noch
für (verwesende) Tierleiche sowie als Schimpf-
wort, da seit dem wohl spätmittelalt. Zus.fall
von ausl. spirant. -z und altem -s ahd. mhd. âz
st. n. mit dem (wohl zufällig ahd. nicht beleg-
ten) mhd. âs st. n., das nur Kadaver bezeich-
nete (Lexer I, 99), identifiziert wurde. (Wenn
die Handbücher wie Graff, Trübner u. a. wie-
derholt ein ahd. âs zitieren, so hätte schon ein
Blick in Grimm, Dt. Wb. I, 6, sie eines besseren
belehren können.)

Ahd. Wb. I, 763 ff.; Schützeichel3 12; Starck-Wells
38 f. (âz). 39 (âza); Graff I, 528 ff.; Schade 35; Lexer
I, 107; Benecke I, 760; Götze, Frühnhd. Gl.6 14; Dt.
Wb. I, 6 (aas; aasz); Kluge21 1.

Nur die Mdaa. haben großenteils die ursprl.
Reichweite der Bed. bis heute bewahrt, vgl.
etwa Müller, Rhein. Wb. I, 7 ff. (Speise, At-
zung, Weide; Köder; Biertreber; Kaffeesatz;
Kadaver
; Schelte für eine Person); Schweiz. Id.
I, 497 ff.; Fischer, Schwäb. Wb. I, 335; Schmel-
ler, Bayer. Wb.2 I, 157; Maurer-Mulch, Südhess.
Wb. I, 1 (Speise, Köder, Kadaver und Schelte);
Vilmar, Id. von Kurhessen 17; Westf. Wb. I,
331.

Dem ahd. âz (teilweise auch âza) entsprechen
in den anderen germ. Dialekten as. āt (s. auch
Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 57, 25), mndd. āt
(Speise, Futter bes. für Schweine); andfrk. āt
(Helten, Andfrk. Psalmenfrg. 59, 38), mndl. aet
m. (auch in der Zss. orāte, -ēte Viehfutter =
hd. mdartl. [urʃ] Krippe, s. Fr. J. Beranek, Teu-
thonista 4 [1927/28], 285 f.), nndl. aet; afries.
ēt; ae. ǣt m. f. Speise, Nahrung, Fleisch, Fütte-
rung
, me. ēt, auch āt(e), pl. ētes, ne. eats pl. (um-
gangsspr.); aisl. át n., áta f. Fressen, Speise,
nisl. áta Fressen, Speise; (Pferde)Fleisch; Kö-
der, Aas
, anorw. áta, nnorw. åt(e) (daraus lapp.
ha[h]tto Aas und oatto Köder, Quigstad,
Nord. Lehnw. im Lapp. 190 bzw. 250), ndän.
aadsel, aschwed. āzl (< *ātisla-), nschwed. dial.
åt, daneben nskand. aas bzw. as (aus mndd.
entlehnt); im Got. sind nur zwei Zss. belegt, die
aber direkt auf die verbale Stammform mit
Dehnstufe (urg. *ǣt-) zurückgehen mögen: uz-
ēta m. n-St. Krippe (woraus das Vieh frißt)
und af-ētja m. jan-St. Fresser.

Fick III (Germ.)4 24; Holthausen, As. Wb. 4; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 37; Berr, Et. Gl. to Hel. 37; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 128; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. I, 135; Verdam, Mndl. handwb. 21. 444
(orate); Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 7; Vries, Ndls. et.
wb. 6; Holthausen, Afries. Wb. 22; Richthofen, Afries.
Wb. 717; Holthausen, Ae. et. Wb. 13; Bosworth-Tol-
ler, AS Dict. 20; Suppl. 21; ME Dict. EF, 271; OED
III, 2, 23; Vries, Anord. et. Wb.2 17; Jóhannesson, Isl.
et. Wb. 53; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 7;
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 9 (Aate). 2 (Aadsel);
Torp, Nynorsk et. ordb. 13; Hellquist, Svensk et. ordb.3
1427 (åtel); Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 5. 296 f. 538.

Die germ. Belege führen allesamt auf die Dehn-
stufe der idg. Wz. *ed- (**H1ed-) zurück (
ezzan), die neben der Abtönung *ōd- auch au-
ßergerm. sehr vielfältig vertreten ist, wie etwa
in aind. ādyá- genießbar (= anord. ǣtr <
*ēd--o; allerdings ist die aind. Form in diesem
Falle kein sicherer Beweis für langen anl. Vokal
im Idg., da speziell im Aind. bei Guastufe a
vor einfachem Kons. auch als lang erscheint);
gr. ἐδωδή Speise; arm. utem esse (< *ōd-);
aksl. jadь Speise, obě Mahl, russ. ēd’, ē
Speise, Essen, jasá (< *ēdsu) dss.; alit.
(d)mi, lit. du esse, da f. Essen, ė̃desis Fres-
sen; Futter; Köder
, ė̃dis m. Fressen, drà Fut-
ter
; lett. ę̄da Köder, ę̄das f. pl. Fraß; apreuß.
īdis m., īdai f. Essen (da aber im Balt. nach der
Winterschen Regel alle Vokale vor einfachem
stimmhaftem Verschlußlaut gedehnt wurden,
so brauchen manche der verzeichneten Formen
nicht auf Dehnstufe zurückzugehen); bes. reich
vertreten ist die Dehnstufe im Lat.: athemat.
Formen ēs, ēst, ēstis (s. F. Skutsch, Glotta 3
[1912], 385 f.), dazu mit dem Partizipialsuffix
-to: ēsus (< *ēd-to-) samt Ableit. wie co-
mēs(t)us, ēsito, ēsurio; ferner mit -s-Erweiterung
in ēsca Speise, Futter (< *ēd-s-kā). Eine Ab-
leit. von diesen alten s-Stämmen, *ēd(o)s-,
*ēd(e)s-, die schon Joh. Schmidt postulierte
(Idg. Neutra 379), findet sich auch in mhd. âs
(s. o.), as. mndd. ās, mndl. aes, nndl. aas, afries.
ēs, ae. ǣs food, meat, carrion (< *ēd-s-om).
Andererseits sind ahd. âz/âza, germ. *ǣt-am/-ō
(< *idg. ēd-om/-ā) zwei durch Themavokal -o-
bzw. -ā- erweiterte Wurzelstämme mit Dehn-
stufe vom Typ ahd. mâz n./mâza f. oder anord.
nám m. n./ahd. nâma f., s. Brugmann, Grdr.2 II,
1 § 92; Hirt, Handb. d. Urgerm. I, 66.

Walde-Pokorny I, 119 ff.; Pokorny 287 ff.; Mayrho-
fer, K. et. Wb. d. Aind. I, 74; Frisk, Gr. et. Wb. I,
444 f.; Hübschmann, Arm. Gr. 485; Trautmann, Balt.-
Slav. Wb. 66; Berneker, Slav. et. Wb. I, 271 ff.; Vas-
mer, Russ. et. Wb. III, 495; Fraenkel, Lit. et. Wb.
124 f.; Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. I, 572;
Trautmann, Apreuß. Spr.denkm. 345; Walde-Hof-
mann, Lat. et. Wb. I, 392 (edō); 420 (ēsca). Zur
Quantität des Wurzelvokals s. W. Winter in Recent
Developments in Historical Phonology (The Hague
etc., 1978), 431 ff.

S. auch ezzan.

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