bodam
Volume II, Column 222
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bodam m. a-St., Gl., Notker: Boden,
Grund, Schiffsboden, -kiel, -deck, fundus, so-
lum, carina, forus
Var.: pod-, bodh-, both-;
-um, -em u. a. (zum Sproßvokal vgl. Braune,
Ahd. Gr.¹⁴ § 65 u. Anm. 1). Mhd. bodem,
boden, nhd. Boden (zu -n < -m vgl. Paul,
Mhd. Gr.²³ § 125).

Ahd. Wb. I, 1243 ff.; Splett, Ahd. Wb. I, 85; Schütz-
eichel⁴ 79; Starck-Wells 68. 794; Graff III, 86 f.; Scha-
de 78; Lexer I, 321; Benecke I, 220; Diefenbach, Gl.
lat.-germ. 101. 252; Dt. Wb. II, 208 ff.; Trübners Dt.
Wb. I, 380 ff.; Kluge²¹ 88; Kluge²² 95; Pfeifer, Et.
Wb. 194 f.

Wörter mit ähnlicher Form und Bed. kommen in
fast allen germ. Sprachen vor (nur im Got. feh-
len Belege), aber problematisch bleiben die ver-
schiedenen Dentale: ahd. bodam setzt germ.
*-þ- voraus, ebenso as. *bodom, *bothom, das
nur im Dat. Sg. bodme (Hs. C bothme, Heliand
2510) vorkommt, denn germ. *-þ- erscheint oft
als -d- neben dem gewöhnlichen -th-, -đ-; um-
gekehrt ist -th- für germ. -đ-, wgerm. -d-
höchst selten (vgl. Holthausen, As. El.buch
§ 202); mndd. bōdem(e), boddem(e), bodden,
wie auch mndl. bodem, -en, boom, nndl. bodem
können auf *-þ- oder *-đ- zurückgehen
(Lasch, Mndd. Gr. § 224; Franck, Mndl. Gr.
§ 79). Afries. boden scheint dagegen germ. *-đ-
vorauszusetzen (Siebs, Gesch. d. fries. Spr.
§ 120). Alt- und Mittelengl. bieten ein Gemisch
von drei verschiedenen Dentalen (s. u.): ae.
botm, me. botme, bot(t)em (ne. bottom); ae. bo-
dan (nur einmal in einem frühen [8. Jh.?] Voka-
bular: Wright-Wülcker, AS and OE Vocabula-
ries I, 1, Z. 10), me. bodme, boden und me. bo-
them, das ein ae. *boðm voraussetzt; vgl. auch
mit Umlaut ae. byðme, neben bytme, bytne
Kiel, Talhaupt (wohl nicht dazu mit Dental-
ausfall mhd. bün[e] Brettergerüst, nhd. Bühne
[so Kluge²¹ 110; Kluge²² 113]; s. Lühr, Expres-
sivität 343 f.). Germ. *-t- haben aisl. nisl.
nnorw. botn, nschwed. botten, ält.dän. botn,
ndän. bund (< *budn).

Fick III (Germ.)⁴ 275; Holthausen, As. Wb. 9; Sehrt,
Wb. z. Hel.² 58; Berr, Et. Gl. to Hel. 59; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 304 f.; Schiller-Lüb-
ben, Mndd. Wb. I, 369 f.; Verdam, Mndl. handwb.
105; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 75; Suppl. 22; Vries,
Ndls. et. wb. 69; Holthausen, Afries. Wb.² 10; Richt-
hofen, Afries. Wb. 656; Holthausen, Ae. et. Wb. 31.
42; Bosworth-Toller, As. Dict. 118; Suppl. 102; ME
Dict. AB, 1076 f.; OED² II, 433; Oxf. Dict. of Engl.
Et. 109; Vries, Anord. et. Wb.² 51; Jóhannesson, Isl.
et. Wb. 632 f.; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord.
23; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 116 f.; Torp, Ny-
norsk et. ordb. 35; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 58.

Alle sicheren außergerm. Vergleiche sprechen
für idg. *-dh- (germ. *-đ-): aind. budhná- m.
Grund, Boden; gr. πυθμήν Boden, Fuß eines
Gefäßes
(beides nach Graßmanns Gesetz aus
*bhudh- dissimiliert); mit Metathese oder
Nasalinfix av. bna- (< *bhundh[n]o-?)
Grund, Boden; wohl daraus entlehnt arm.
bown dss. (arm. an-downd-kՙ Abgrund ist
viell. aus *-bhundh- assimiliert; vgl. A. Meillet,
MSLP 12 [1903], 430; J. Vendryes, MSLP 18
[1914], 309); lat. fundus Boden eines Gefäßes,
Grund
(< *bhundhos); air. bond, bonn Sohle,
Grundlage
(nach Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc.
B-69. 117, nicht hierher kymr. bon base, fond,
postérieur
, ir. bun souche, base, partie posté-
rieure
). Unklar ist gr. πύνδαξ Boden eines Ge-
fäßes, Knauf eines Schwerts
(zu -νδ- für -νθ-
und π- für φ- vgl. Frisk, Gr. et. Wb. II, 624 f.).

Walde-Pokorny II, 190; Pokorny 174; Mann, IE
Comp. Dict. 118; Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. II,
438; ders., Et. Wb. d. Altindoar. II, 228 f.; Bartholo-
mae, Airan. Wb. 968 f.; Horn, Grdr. d. npers. Et.
§ 229; Hübschmann, Pers. Stud. 31; Boisacq, Dict. ét.
gr.⁴ 825 f.; Frisk, Gr. et. Wb. II, 620 f. 624 f.; Chan-
traine, Dict. ét. gr. 952. 954; Walde-Hofmann, Lat. et.
Wb. I, 564 f. 867; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 385;
Hübschmann, Arm. Gr. 123 f. 430 f.; S. Bugge,
Zfvgl.Spr. 32 (1893), 5; Fick II (Kelt.)⁴ 180; Vendry-
es, Lex. ét. de l’irl. anc. B-69; Dict. of Irish B-142 f.;
Pedersen, Vgl. Gr. d. kelt. Spr. I, 188.

Aus einer idg. Grundform *bhudh-m(e)n(o)-
(zur Suffixvariation -m- : -n-, wohl aus einem
ursprüngl. *-m[e]n[o]-, âtum, wo Lit.), die
von diesen Wörtern vorausgesetzt wird, entsteht
lautgesetzlich germ. *uđ-m(n)a-, das aber nur
in ae. bodan, afries. boden vorzukommen
scheint; die germ. Formen auf *-t-, wie aisl.
botn, weisen wohl auf urgerm. *uđna-, das mit
n-Gemination zu *utta- geworden ist. Von
*utta- aus wurde *-t- in *uđna-, das daneben
weiter bestanden haben muß, eingeführt (Lühr,
Expressivität 340); gegen diese Auffassung steht
die unbeweisbare Annahme, daß die germ. For-
men auf *-t- einer schon idg. Dissimilation (vor
Nasal?) von *bhudh- zu *bhud- zuzuschreiben
sind (so u. a. Noreen, Urgerm. Lautlehre § 51, 2).
Das *-þ- der Mehrzahl der germ. Formen gilt
als unerklärt. Noch eine idg. Grundform *bhut-
m(e)n(o)- anzusetzen, die sonst nirgends be-
zeugt ist, wäre jedenfalls nur eine Notlösung.

Die Variation innerhalb des Germ. und sogar
innerhalb des Ae. allein hat man dem Einfluß
des folgenden Nasals zuzuschreiben versucht,
aber unter ganz entgegengesetzten phonetischen
Bedingungen: einerseits soll vor -m- eine anglo-
fries. Spirans *-þ- zum Verschlußlaut -t- (s. u.),
andererseits ein wgerm. Verschlußlaut *-d- zur
Spirans -þ- geworden sein (F. Kluge, Zfvgl.Spr.
26 [1883], 98 f.). Möglich wäre allerdings, daß
germ. *-đ- vor (unsilbischem?) *m im Wgerm.
seine spirantische Qualität behielt, anstatt zum
Verschlußlaut *-d- zu werden, und dann in den
wgerm. Sprachen mit dem lenierten und stimm-
haft gewordenen *-þ- zusammenfiel. So ließen
sich die flekt. Formen von ahd. bodam (z. B.
nom. pl. bodama, ursprl. *ođma, vgl. Braune,
Ahd. Gr.¹⁴ § 65) auf wgerm. *ođm- zurückfüh-
ren. Das *-đ- wurde dann auf die endungslosen
Formen wie den Nom. Sg. übertragen. Ähnliche
Ausgleiche im Paradigma könnten auch die Va-
riation im Aengl. erklären. Eine phonetische Er-
klärung für diesen assimilatorischen Vorgang
steht noch aus, aber ein Parallelfall scheint in
ahd. widamo Wittum, Mitgift: aind. vadh- f.
Braut (: ae. weotuma Wittum, Mitgift) vorzu-
liegen.

Anders Lühr, a. a. O. 341: vielleicht könnte man an
eine Angleichung des Dentals von *uþma- an den
von *uþla- Haus denken, da das Wort Boden auch
im Sinne von Grundbesitz verwendet wurde.

Lautlich problematisch ist die Erklärung Noreens
(Urg. Lautlehre § 56), ahd. bodam gehe auf urg. *oþ-
ma- < idg. *bhutmo- < *bhuttmo- < *bhudh-tmo-
zurück, mit der idg. Ableitung *-tmo- (vgl. Wilmanns,
Dt. Gr. II § 233). Abgesehen davon, daß sich das Vor-
handensein dieser im Germ. ziemlich seltenen Ablei-
tung für bodam nicht beweisen läßt, würde man bei ei-
ner Vorform *bhuttmo- ein *us(s)ma- erwarten.

Ae. botm wird von den Anglisten gewöhnlich auf ein
früheres *boþm zurückgeführt, indem für das Anglo-
fries. ein Lautwandel von *-þm- zu *-tm- angenom-
men wird (Sievers-Brunner, Ae. Gr.³ § 201 Anm. 7;
Campbell, OE Gr. § 419 f.; Luick, Hist. Gr. d. engl.
Spr. § 638). Diese Erklärung ist durchaus möglich,
aber nicht nötig, denn die aisl. Formen auf -t-, die
nicht auf *-þ- zurückgehen können, bezeugen ein
germ. *utm(n)a-.

Abzulehnen Petersson, Idg. Heteroklisie 17 f. (un-
wahrsch. heteroklit. Paradigma).

Versuche, die idg. Grundform *bhud(h)m(e)n(o)-
weiter zu analysieren, wie auch die idg.
Wz. *dheb-, *dhep- tief ( tiof) als eine
Umstellungsform von *bhud(h)- zu erklären,
bleiben rein spekulativ; vgl. Walde-Hofmann,
a. a. O., wo Lit. Zur idg. Bed.-Entwicklung vgl.
W. Porzig, WuS 15 (1933), 112 ff.; P. Kretsch-
mer, Glotta 22 (1934), 115 ff. (ganz hypothe-
tisch).

Zum Namen Bodensee (nach der kaiserl. Pfalz,
Bodman, a. 839 Bodoma, am Nordwestende des
Sees) vgl. Hoops Reallex.² III, 125 ff.; Förste-
mann, Adt. Namenbuch2-3 II, 1, 505 f.; Bach,
Dt. Namenkunde II § 311. 713.

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