*bîl¹AWB, pîl¹AWB m.(?) a-St., nur Gl. 2, 667, 45
(bair., 11. Jh.) pil gibit: substitit ‚(der Eber)
hält stand, stellt sich zum Kampf‘. Die Stelle
ist eine Gl. zu Vergil, Aeneis X, 707—711: „ve-
lut ille canum morsu de montibus altis actus
aper ... postquam inter retia ventumst, substitit
infremuitque ferox et inhorruit armos“. — Mhd.
bîl st. m. ‚der Augenblick, wo das gejagte Wild
steht und sich gegen die Hunde zur Wehr
setzt; Umstellung durch die bellenden Hunde
(eigtl. und bildl.)‘; nhd. nur noch mdartl.
(s. u.).
Ahd. Wb. I, 1028; Splett, Ahd. Wb. I, 60; Starck-
Wells 54; Graff III, 91; Schade 63; Lexer I, 272; Be-
necke I, 123; Dt. Wb. I, 1376 (Beil); Kluge²¹ 62 f.
(beilen); Pfeifer, Et. Wb. 145; Weigand, Dt. Wb.⁵ I,
191 (beilen).
Der Ansatz im Ahd. Wb. steht unter dem Einfluß von
A. Wolf, der in seiner Monographie Die germ. Sippe
bil (Uppsala Universitets Årsskrift, 1930) dieses Wort
als bĭl mit kurzem i faßt, von mhd. bîl trennt und als
Bezeichnung für eine „außergewöhnliche, über-
menschliche, numinose Kraft“ zu anord. bila ‚versa-
gen, gelähmt sein‘, bil ‚Augenblick; schwache Stelle‘
und Verwandtem stellt (→ bilidi und vgl. E. Karg-Ga-
sterstädt, PBB 66 [1942], 305 f.). Wie es sich auch mit
dem umstrittenen Element bil- in bilidi, billîh usw.
verhält, es wäre sehr bedenklich, ahd. bil von dem in
Form und Bed. identischen mhd. Wort nur deshalb zu
trennen, weil man dabei das zur Unterstützung der
Theorie sehr gewünschte Simplex *bĭl gewinnt. (Daß
mhd. bîl ein langes î hat, wird durch den Reim bewie-
sen: bîle : wîle usw., vgl. Dalby, Lex. of Med. Hunt
21 f.).
Das Wort ist im Ndd. nicht belegt, kommt aber
im Mndl. als bile, byl, biel vor (Verdam, Mndl.
handwb. 98). Die Etymologie ist umstritten, in
erster Linie deshalb, weil die urspr. Bed. durch
den schwankenden Gebrauch dieses Jägerwortes
sowohl im Mhd. wie auch in den nhd. Mdaa.
verdunkelt wird. Beim einzigen ahd. Beleg — der
einzige Beleg überhaupt des Ausdrucks bîl ge-
ban — handelt es sich um das Verhalten des Wil-
des: der Eber gibit bîl (trotz W. Kaspers,
Zfdt. Spr. 20 [1964], 188, der, sich auf Graff III,
91: „pil gibit [canis]“ stützend, canis ‚Hund‘
zum Subjekt macht).
Auch bei einigen mhd. Belegen scheint die Beto-
nung auf der Gegenwehr des Wildes (oder bild-
lich: des Ritters) zu liegen, z. B. „der hunde lû-
tez bellen/ durchbrechen ez [das swîn] begunde
sider:/ ez warf sich hin umbe wider/ und stuont
vor im [Partonopier] en bîle“ (Konrad v. Würz-
burg, Partonopier u. Meliur 363) oder „si [die
ritter] giengen dâ ze bîle/ sam die wilden ebere
tuont:/ wan ez in umb das leben stuont“ (Kon-
rad v. Würzburg, Trojanerkrieg 4220); vgl. Dal-
by, a. a. O. 21 f. Dagegen sind es deutlich die
Hunde, die das Wild (eigtl. oder bildl.) feindlich
umstellen in Ausdrucksweisen wie: „hilf mir von
dem bîle der grimmen helle hunde“ (Hugo v.
Langenstein, Martina, hrsg. v. Keller; vgl. Lexer
I, 272); auch in der öfters gebrauchten Rede-
wendung den bîl brechen („ich sach den bîl ez
[das wilt] brechen“ Lexer I, 272). Oft ist es
nicht ganz klar, ob sich bîl auf das Wild oder
auf die Hunde bezieht, wie z. B. in Gottfrieds
Tristan (2767): „da liez er [der hirz] sich ergâ-
hen/ und stuont alda ze bîle“.
Dieses Schwanken deutet auf eine schon damals
herrschende Unsicherheit über die genaue Bed.
des Wortes bîl, das in der Jägersprache zur all-
gemeinen Bezeichnung einer Konfrontation
zwischen Hunden und Wild geworden war.
Das Wort ist viell. als germ. *ī-la- oder *ī-
đla- zur idg. Wz. *bhei̯(ǝ)- : *bhī- ‚schlagen‘ zu
stellen (→ bîhal, billi, bilidi und vgl. aksl. biti
‚schlagen‘). Zur Ableitung s. Kluge, Nom.
Stammbildung³ § 142. 156; Krahe-Meid, Germ.
Sprachwiss. III § 87. 143. So hieße bîl ‚der Mo-
ment, wo das Wild zu kämpfen, sich zu wehren
beginnt‘ (vgl. Lühr, Stud. z. Hildebrandlied 664,
die auch anord. bila, bil [s. o.] damit verbindet).
Noch beachtenswert ist E. Sievers’ Herleitung des
Wortes aus germ. *īđ-la-, idg. *bhei̯dh-lo- (IF 4
[1894], 340), zu ahd. bîtan ‚warten, harren‘ (s. d.). So
wäre bîl „der Augenblick, wo das gehetzte Wild steht
und den Angreifer erwartet“. Dagegen erhebt D. Dal-
by, a. a. O., den Einwand, daß das Wild kaum ‚warten‘
muß, denn die Hunde sind ihm schon auf den Fersen.
Wenn man aber andere Bedeutungen des ahd. Verbs
bîtan, wie ‚beharren, durchhalten‘ in Betracht zieht,
sowie das Verb irbîtan ‚standhalten‘ (Otfrid), gewinnt
der Sieverssche Vorschlag an Wahrscheinlichkeit.
Jedenfalls ist seine Deutung wohl derjenigen von E.
Schröder vorzuziehen (ZfdA. 42 [1898], 61; noch bei
Dalby, a. a. O.), wonach bîl auf germ. *īt-la-, idg.
*bhei̯d-lo-, zurückzuführen und mit ahd. bîzan ‚bei-
ßen‘ (s. d.) zu verknüpfen sei. Dagegen spricht ahd. bîl
gibit, wo vom Beißen der Hunde nicht die Rede sein
kann (auch kaum vom ‚Beißen‘, d. h. ‚das sich mit den
Zähnen gegen die Hunde Wehren‘ des Wildes).
Nur eins scheint ziemlich fest zu stehen: bîl läßt sich
kaum mit bellan ‚bellen‘ (s. d.) verknüpfen — trotz der
vielen Versuche (z. B. Dt. Wb. I, 1376; Graff III, 91;
W. Kaspers, a. a. O.) und trotz der schönen Parallele
mit nfrz. aux abois, ne. at bay (< afrz. abai), zu frz.
aboyer ‚bellen‘ — denn es gehört kein langes *-īl- in die
Ablautreihe *el : *al : *u/ ol. Daß das Verb bîlen
schon mhd. ‚bellen‘ neben ‚Wild stellen‘ bedeutete,
läßt sich als eine Art Volksetymologie leicht verstehen:
das Bellen der Hunde ist nämlich das auffallendste
Merkmal einer bîl-Situation, und dazu kommt die
lautliche Ähnlichkeit mit dem Wort bellen. So pflanzte
sich das Wort weiter fort, als frühnhd. beilen ‚bellen‘
(bes. bei Hans Sachs) und in den obd. Mdaa. von
heute als beilen, peilen.
Kehrein, Weidmannssprache 57; Schmeller, Bayer.
Wb.² I, 229 f.; Kranzmayer, Wb. d. bair. Mdaa. in
Österr. II, 861 (Peil³). 864 (peilen³).