abbat
Band I, Spalte 19
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abbat, wohl auch abbât, m. a-St. Abt, abbas
Var.: abbat, abbet, einmal abbeth. Im Mhd.
lautet das Wort meist abbet mit Nebenformen
wie abbât, abet, abt, apt (so noch in PN) und ap-
pet (pl. ebbete, epte); nhd. Abt. Während aber
die auch in ON schon früh bezeugte st. Dekl.
(Abbatesteti a. 985, heute Abstetten westl. von
Wien) sich ins Mhd. hinein fortsetzt, neigen die
Mdaa. vielfach zur sw. Dekl. (s. Kranzmayer,
Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. I, 49), was sich
auch in den späteren ON-Formen gelegentlich
zeigt: Abbetesrode a. 1077, Appederode a. 1253,
heute Abterode, oder Abtenham, kl. Dorf in Bay-
ern (B. A. Laufen).

Ahd. Wb. I, 12; Schützeichel3 1; Starck-Wells 13;
Graff I, 92; Schade 1; Lexer I, 1; Benecke I, 2; Die-
fenbach, Gl. lat.-germ. 1; Dt. Wb. I, 136 f.; Kluge21 5.
Bach, Dt. Namenkunde II § 177, 1; Schröder, Dt.
Namenkunde2 274. 279 (aber ohne zutreffende Erklä-
rung); Förstemann, Adt. Namenbuch23 II, 1, 6.

Das Wort, das auf die Kasus obliqui von spät-
lat. abbas, abbatis (< spätgr. ἄββας < syrisch
abbā Vater, Mönch) zurückzuführen ist, bietet
in seiner ahd. Form zwei lautliche Schwierig-
keiten. Während das -a- der zweiten Silbe für
das kirchenlat. Stammwort, wenn überhaupt, so
meist als lang angesetzt wird, geben die Schrei-
bungen des ahd. Lehnwortes dafür keinerlei
Anhalt. Allerdings läßt der Lautstand slav. Ent-
lehnungen wie sloven. opāt, die noch ins späte
8. oder ins 9. Jh. datiert werden, auf ein früh-
ahd. abbât schließen (s. Kranzmayer, a.a.O.);
auch W. Franz, der ahd. abbât mit Lehnwörtern
wie arzât und zendâl zusammenstellt, sieht in
abbât ein Beispiel der anfänglichen Bewahrung
von unbetontem langem -ā- (Lat.-rom. Elemente
im Ahd. 55).

Und weiter: das ausl. -t der ahd. Form könnte
nur dann dem -t- von lat. abbāt- entsprechen,
wenn sich die Entlehnung des Wortes erst nach
Abschluß der hd. Lautverschiebung ansetzen
ließe. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß man mit
der Erweichung des intervokalischen -t- in
spätlat. *abbāde (5. oder 6. Jh. nach Grandgent,
Vulgar Latin § 286) und der hd. Verschiebung
dieses -d- zu -t- zu rechnen hat. Dafür spricht
auch die ae. Entlehnung des Wortes als abbod
(abbad, abbud) mit -d-, vergleichbar ae. læden
aus latīn-, ladīn- (Sievers-Brunner, Ae. Gr.3
§ 197 Anm. und A. Pogatscher, Gr., lat. und rom.
Lehnw. im Ae. § 319). Auf dieses ae. abbod
gehen dann auch ihrerseits skand. Lehnformen
wie adän. abbod, aschwed. ab(b)ot(e), abbot
und, mit einer bemerkenswerten Volksetymolo-
gie, aisl. ábóti m. n-St. eigtl. (Sitten)Verbesse-
rer
zurück, angeglichen an aisl. bót, vgl. ábóta-
vant verbesserungsbedürftig. Vgl. Kahle, A-
nord. Spr. im Dienste d. Christ. 316. 340; Fi-
scher, Lehnw. d. Awestnord. 10. 52 ff. 100. 122.
Die vorausgesetzte spätlat. Form *abbāde wird
durch die weiteren Entwicklungen in den rom.
Einzelsprachen bestätigt, allwo mit Ausnahme
von italien. abbte sich im Span., Port. und Frz.
Varianten durchsetzen, die ein spätlat. -d- re-
flektieren: span. abad, port. ab(b)ade, afrz. abes,
abé.

Thes. ling. lat. I, 49; Du Cange I, 9 ff.; Mittellat. Wb. I,
8 ff.; Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 11; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.3 Nr. 8; Wartburg, Frz. et. Wb. (Neube-
arb.) XXIV, 15; Gamillscheg, Et. Wb. d. frz. Spr.2 2.
E. Hauler, Arch. f. lat. Lex. 2 (1885), 292314.

Aber gerade das isl. Exempel legt nahe, daß, wie bei
anderen kirchlichen Wortentlehnungen, so auch im
Falle von lat. abbat-/d-, die sprachliche Entwicklung
noch weiterhin dadurch kompliziert wird, daß mit
wiederholter Entlehnung, jedenfalls mit einer zwei-

ten, oft mehr literarisch-gelehrten Adoption des lat.
Originals zu rechnen ist: nur so erklärt sich aisl. ab-
báti (aus adt. abbat), das wenn auch weniger üblich
im Neuisl. mit ábóti konkurriert und das im Färö-
ischen die alleinherrschende Form ist; nur so erklärt
sich ne. abbot (mit -t), das in me. Zeit unter litera-
risch-lat. Einfluß langsam den Formen mit -d (abbod,
abbed) den Rang abläuft (1123 erster Beleg mit ausl.
-t); nur aus einer späteren Anleihe dürften auch die
afries. Varianten abba, abbet(e), abbit, ebbete zu ver-
stehen sein. So ist auch über die Herkunft des ausl. -t
(bzw. -d) in as. abbat, mndd. abbet, mndl. abbet (mit
-t oder -d!), nndl. Abt wohl noch immer nicht das
letzte Wort gesprochen, ebensowenig wie über das
vermutlich aus mndd. abbet entlehnte ältere dän. ab-
bat sowie ndän. und nnorw. abbed Abt.

Holthausen, As. Wb. 1; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 1; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I, 1;
Verdam, Mndl. handwb. 1; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 7; Vries, Ndls. et. wb. 6; Holthausen, Afries. Wb.
1; Richthofen, Afries. Wb. 586; Holthausen, Ae. et.
Wb. 1; Bosworth-Toller, AS Dict. 2; Suppl. 1; ME
Dict. AB, 10 f.; OED I, 12; Vries, Anord. et. Wb.2 1;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 935; Holthausen, Vgl. Wb.
d. Awestnord. 1; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 9;
Hellquist, Svensk et. ordb.3 1. Wie verwickelt die
Dinge im einzelnen sind, zeigt ein Blick in die Adop-
tionsgeschichte
von schwed. abbot: A. Kock, Ark. f.
nord. Fil. 9 (1893), 159 ff.; Svenska akad. ordb. A7;
A. Noreen, Vårt språk III (Lund, 1905), 141.

Auch zu den Nachbarvölkern im Osten hat das
kirchenlat. Wort abbat- fast immer den Weg
über die frühmittelalterliche deutsche Form ge-
nommen. So erklären sich, neben dem oben ge-
nannten sloven. opāt (ápat), auch tschech. opát,
poln. opat, außerdem magyar. apát als Adoptio-
nen von adt. abbat.

S. auch abbateia, abbatissa.

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