Band I
Albert L. Lloyd, Otto Springer
Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Band 1
ISBN: 978-3-525-20767-3

Vorwort

Mehr als anderthalb Jahrhunderte schon leidet das Studium althochdeutscher Sprache und Literatur unter dem Mangel an grundlegenden linguistischen Forschungsinstrumenten, die dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft Genüge leisteten. Sowohl E. G. Graffs Althochdeutscher Sprachschatz (1834-46) wie O. Schades Altdeutsches Wörterbuch (1872-82) wurden erarbeitet zu einer Zeit, die noch vor den weittragenden Entdeckungen und präzisen Formulierungen einer historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft lag; auch war die maßgebende, von Steinmeyer und Sievers betreute Sammlung und Edition der althochdeutschen Glossen (1879-1922), die ein Großteil des althochdeutschen Wortschatzes ausmachen dürften, damals noch kaum im Erscheinen begriffen. Ein Glück, daß W. Braune mit dem unübertrefflichen Werk seiner Althochdeutschen Grammatik sowie seinem klug auswählenden Althochdeutschen Lesebuch wenigstens die nötigen grundlegenden Bücher für den akademischen Unterricht schuf. Und dazu gesellt sich nun seit allerneuster Zeit Schützeichels Althochdeutsches Wörterbuch, Lehrern und Schülern gleichermaßen willkommen als lexikalisches Hilfsmittel zur Einführung in literarische Texte des Althochdeutschen; ebenfalls von Schützeichel ist ein Ergänzungsband zu erwarten, der die Glossen und die in lateinischen Annalen, Urkunden, Volksrechten usw. auftretenden althochdeutschen Wörter enthalten soll.

In den Vereinigten Staaten ist ein Index der ahd. Glossen, schon fast vor einem halben Jahrhundert von Taylor Starck (Harvard University) geplant, zu guter Letzt in die Wirklichkeit umgesetzt worden, und zwar mit Hilfe des Computers unter der Leitung von John C. Wells: Althochdeutsches Glossenwörterbuch (mit Stellennachweis zu sämtlichen gedruckten ahd. und verwandten Glossen), Heidelberg, C. Winter, 1972ff; es fehlen nur noch einige Nachträge.

Als drittes, neben Schützeichel und Starck-Wells unentbehrliches Hilfsmittel sei schließlich das 1952 unter der Leitung von Elisabeth Karg-Gasterstädt und Th. Frings begonnene monumentale Althochdeutsche Wörterbuch (Akademie-Verlag, Berlin) erwähnt, das aber nur langsam vorwärts kommt und bisher nur die Buchstaben A, B, C, E, F und Teile von D enthält.

Aus diesen drei Hauptquellen schöpfend, wie auch den Konkordanzen, Wortlisten usw. zu den einzelnen literarischen Werken und Sammlungen (s. Literaturverzeichnis), sind wir bemüht, jedes in den ahd. Glossen und literarischen Werken (8.-11. Jh.) vorkommende Wort, einschließlich Zusammensetzungen, zu behandeln. Dem Gebrauch des umfassenden Ahd. Wörterbuchs und des Glossenwörterbuchs zufolge werden auch Wörter behandelt, die erst in späten Glossenhandschriften (d. h. nach dem 11. Jh.) belegt sind und daher eigentlich als mittelhochdeutsch zu gelten haben, die aber offensichtlich zur Glossentradition gehören. Andererseits wurden gegen den Gebrauch dieser Wörterbücher alle klar erkennbaren niederdeutschen (altsächsischen und altniederfränkischen) Glossenwörter ausgeschlossen. Ausgeschlossen wurden auch 1) Eigennamen und 2) in lateinischen Quellen der Zeit verstreute althochdeutsche Wörter, die noch nie kompiliert worden sind; diese werden hoffentlich nach Abschluß des Wörterbuchs in einem Anhang Bearbeitung finden.

Da die wichtigsten Erwägungen, die unserem Konzept des Etymologischen Wörterbuchs des Althochdeutschen zugrundeliegen, schon in unserem Beitrag „Vorläufiges zu eine Etym. Wörterbuch des Ahd.“ zu dem Sammelband Das etymologische Wörterbuch: Fragen der Konzeption und Gestaltung, hrsg. von A. Bammesberger (Eichstätter Beiträge 8), Eichstätt, 1983, S. 107-16, dargelegt sind, genüge es hier, diese nur in Kürze zu wiederholen:

1) Das Wörterbuch soll nicht nur als Nachschlagewerk dienen für jeden, der sich für die Etymologie eines bestimmten althochdeutschen Wortes interessiert, sondern auch als grundlegender Beitrag zur Wissenschaft von germanischer und indogermanischer Etymologie überhaupt. Zu diesem Zwecke werden ausgiebige Listen von verwandten Wörtern in anderen germanischen und indogermanischen Sprachen aufgeführt nebst bibliographischen Hinweisen auf Quellen so wie Erörterungen möglicher oder umstrittener Zusammenhänge. Nicht nur die germ. Grundformen, sondern auch die indogermanischen Wurzeln, die sich den Sippen sprachlicher Verwandten zugrundelegen lassen, werden soweit möglich rekonstruiert, die letztgenannten meist in der üblichen Form, mit der sie in den herkömmlichen Wörterbüchern gegeben werden; darüber hinaus erscheinen in Klammern und durch doppelte Sternchen gekennzeichnet laryngaltheoretische Ansätze zu Nutz und Frommen der Anhänger dieser vielerörterten Theorie.1

In Anbetracht der gerade während des letzten halben Jahrhunderts wieder sehr regen und mehrfach auch ertragreichen Forschung, besonders auf dem Gebiet relativ neuentdeckter Idiome (wie des Tocharischen, Hethitischen, Mykenisch-Griechischen u. a.), haben wir auch Sorge getragen, uns von einer Gruppe anerkannter Spezialisten beraten zu lassen, denen jeder fertige Artikel zur kritischen Durchsicht unterbreitet wird, um Vollständigkeit und Genauigkeit der außergermanischen Wortverwandten nach Kräften zu sichern. Mitglieder dieses sprachwissenschaftlichen Beirats, denen wir uns für ihre zeitraubende Mitarbeit und unerbittlich kritische Stellungnahme zu großem Dank verpflichtet fühlen, sind:

  • Dr. George Cardona, Professor of Linguistics and Sanskrit, University of Pennsylvania: Altindisch;
  • † Dr. Warren Cowgill, Professor of Linguistics, Yale University: Hethitisch und andere anatolische Sprachen, Tocharisch;
  • Dr. Erik P. Hamp, Professor of Linguistics, University of Chicago: Keltisch, Albanisch;
  • Dr. Henry M. Hoenigswald, Professor of Linguistics, University of Pennsylvania: Italisch und Indogermanisch;
  • Dr. William R. Schmalstieg, Professor of Slavic and Baltic Languages, Pennsylvania State University: Baltische und slavische Sprachen;
  • außerdem hat Professor Cowgill es übernommen, soweit möglich oder gerechtfertigt, anschließend an indogerm. Grundformen laryngaltheoretische Ansätze zu notieren.

Um alle diese Auskünfte einem möglichst breiten Spektrum von Wissenschaftlern zugänglich zu machen, besteht die Absicht, vollständige Wörterverzeichnisse der germanischen (einschl. Neuhochdeutsch und deutsche Mundarten) sowie der anderen indogermanischen Sprachen zu geben. Allerdings erhebt sich hier bei Wörterbüchern, die über einen größeren Zeitraum erscheinen, das Problem, daß die Benutzer bis zur Vollendung des ganzen Werkes warten müssen, um einen solchen Index vor sich zu haben; es ist deshalb geplant, schon je den Band mit einem vorläufigen Teilindex zu versehen.

2) Das Wörterbuch soll auch eine Brücke zum Neuhochdeutschen schlagen. Zwar kann ein etymologisches Wörterbuch nicht zugleich ein historisches Wörterbuch sein, das die Geschichte der einzelnen Wörter durch die Jahrhunderte verfolgt. Aber in Anbetracht der Tatsachen, daß erstens kein neues wissenschaftliches etymologisches Wörterbuch der nhd. Sprache ohne ein sicheres Fundament in der Analyse ihrer ältesten Formen unternommen werden kann, und daß zweitens ein ungewöhnlich hoher Anteil des althochdeutschen Wortschatzes nicht den Weg in die deutsche Hochsprache der Gegenwart gefunden hat, schien es angezeigt, die Frage des lexikalischen Fortlebens jeweils kurz zu streifen, – vor allem aber in einem knappen dialektgeographischen Überblick anzudeuten, wo, wie und in welcher Bedeutung das althochdeutsche Wort sich mundartlich bis heute erhalten hat. Zu diesem Zwecke wurden die großen Mundartwörterbücher, von denen freilich mehrere erst in den Anfängen stehen, fast ausnahmslos und oft mit überraschenden Funden zu Rate gezogen; wir geben uns der Hoffnung hin, daß letzten Endes auch die historische Grundlage für die Erforschung unserer heutigen Mundarten zumal im oberdeutschen Sprachgebiet durch das etymologische Sichten des althochdeutschen Wortschatzes gesichert und bereichert werden wird.

3) Dasselbe gilt schließlich vom Erfassen des Namenschatzes. Der lateinisch bedingte und inhaltlich vorwiegend theologisch-religiöse Charakter der althochdeutschen Überlieferung hat zur Folge, daß eine sehr beträchtliche Zahl von Vokabeln, welche Dinge des täglichen Lebens, der sinnlichen Welt oder der säkularen menschlichen Gesellschaft nicht ‚literarisch‘, ja, nicht einmal in den lateinisch-deutschen Glossen zur Sprache kommt, während sie in den Tausenden und Abertausenden von (auch historisch belegten) Eigennamen für Personen und Örtlichkeiten mit Händen zu greifen sind. Gewiß verbietet sich ein systematisches Ausschöpfen dieser fast überreich fließenden Quelle von selbst; im merhin lohnt sich bei vielen Stichwörtern ein kurzer Blick in die als Materialsammlung noch immer unersetzlichen Bände des ‚Förstemann‘ oder auch in das umfassende Handbuch von Adolf Bach. Wiederum ist zu erwarten, daß ein solches Zusammenwirken von Namenforschung und althochdeutscher Wortetymologie im Endergebnis der Namenforschung nicht minder zugute kommen wird, die ja gerade in puncto sprachwissenschaftlicher Erklärung noch immer viel zu wünschen übrig läßt.

Zum Abschluß dieses Vorworts bleibt uns noch die willkommene Pflicht, unsere vielfältige Dankesschuld in Worte zu fassen, und zwar an erster Stelle gegenüber dem National Endowment for the Humanities, ohne dessen großzügige und mehrmalige finanzielle Unterstützung ein wissenschaftliches Unternehmen von den Ausmaßen unseres Etymologischen Wörterbuchs des Althochdeutschen sich wohl nie in die Wirklichkeit hätte umsetzen lassen. Außerdem erfreuten wir uns von Anfang an des persönlichen Interesses und der verständnisvollen Munifizenz von Herrn Dr. Otto Haas, Philadelphia, sowie der William Penn Foundation und des Phoebe W. Haas Charitable Trust A.

Ebensosehr fühlen wir uns der Deutschen Forschungsgemeinschaft verpflichtet dafür, daß sie sich bereit erklärte, den nicht unerheblichen Betrag eines Druckkostenzuschusses für den ersten Band unseres Werkes allein auf ihre Schultern zu nehmen.

Nicht minder aber haben wir dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht zu danken und seinem Mitinhaber, Herrn Dr. Dietrich Ruprecht, dessen sprachwissenschaftliches Verständnis und verlegerischer Wagemut uns über so manche Hürde hinweghalf, und der weder Mühe noch Aufwand scheute, den linguistischen Problemen und drucktechnischen Schwierigkeiten des Werkes gerecht zu werden.

Darüber soll jedoch eine ganze Reihe von besonders verdienten wissenschaftlichen Mitarbeitern sowie besonders wohlwollend fördernden Zunftgenossen nicht vergessen sein: so darf der Name des zeitgenössischen princeps et praeceptor althochdeutscher Lexikographie, Professor Dr. Rudolf Schützeichels, in unserer Dankesliste nicht fehlen, neben den zahlreichen anderen, die als Sachverständige in weniger erforschten sprachlichen Bezirken ihre Spezialkenntnisse unserem Werk zugute kommen ließen; vor allem auch des viel zu früh verschiedenen Warren Cowgill, der unermüdlich bis zum letzten Augenblick die Probleme des Hethitischen für uns betreute, sei in Dankbarkeit und Trauer gedacht.

Dazu kommt noch eine jugendliche Schar eifrig beflissener Adepten auf dem Gebiete vergleichender germanischer Sprachwissenschaft und deutscher Sprachgeschichte, unter denen Frau Dr. Karen Purdy mit viel bibliographischem Spür sinn und unablässig ordnender Hand uns die Wege ebnete, so daß sie gleichfalls hier mit Namen erwähnt sein möge.

Zu guter Letzt – last but not least – dürfen auch die Beamten der Bibliothek der University of Pennsylvania nicht ohne ein Wort des Dankes bleiben, so das leitende Trio dieses einzigartigen bibliophilen Kosmos, Richard De Gennaro, Director of Libraries, Joan I. Gotwals, Deputy Director, und Bernard J. Ford, Associate Director, aber nicht minder die übrigen Mitglieder eines wohlinformierten und allezeit hilfsbereiten Arbeitsstabes.


Philadelphia, Pa. im Frühjahr 1987

Albert L. LloydOtto Springer



1 In diesem Punkte folgen wir Professor E. Seebold, Vgl. u. etym. Wb. der germ. starken Verben (den Haag, 1970), 34 f., dessen skeptische Stellungnahme zu manchen Hauptpunkten der Laryngalhypothese wir gleichfalls teilen.


Index (1974 Lemmata, in Reihenfolge der gedruckten Ausgabe)
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