agari
Band I, Spalte 83
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agari n. (?) ja-St. Wassergefäß, Kessel, Kü-
bel, aquarium
; in der Form mit -g- nur zweimal
belegt: agari nom.sg. Gl. 3, 636, 28 (alem., 12.
Jh., also mhd.), vielleicht fälschlich dem lat.
aquarivs (das ausl. -s hochgestellt) gleichge-
setzt, obwohl es, unter Küchengeräten wie
phanna, bekchin eingereiht, dem Sinne nach das
lat. n. aquarium Wasserkrug u. dgl. glossiert
(es sei denn, auch dem Küchengerät agari ent-
spräche ein lat. mask. aquarius, s. u.), durch
das übergeschriebene ł uuazzirman deutete der
Schreiber das ihm offenbar unbekannte Wort
auf das Sternbild um
(so Ahd. Wb. I, 60 und
68); der zweite Beleg lautet eger nom.pl.(?)
Gl. 3, 373, 51 (13. Jh., rheinfrk. oder mfrk.).

Bei genauerem Zusehen finden sich auch die im Ahd.
Wb. I, 68 unter achâri Wassermann, aquarius ver-
zeichneten Belege (Gl. 3, 265, 53; 11.13./14. Jh. obd.
und 3, 294, 14; 13. Jh. obd.) in demselben sachlichen
Zusammenhang von Küchen- und Kellergeräten.
Was soll unter all diesem handfesten Hausgerät das
Tierzeichen des Wassermanns? Da die lat. Lemmata
allesamt subst. Adj. sind, denen im klass. Latein Ver-
bindungen wie aquarium vas, aquarius urceus (od. situ-
lus, -a) entsprechen, so dürfte man, wie schon im
Thes. ling. lat. II, 367 angedeutet und bei Wartburg,
Frz. et. Wb. (Neubearb.) XXV, 71 ausdrücklich ver-
merkt, auch für die Bed. Wassergefäß mit Formen
auf -us neben solchen auf -um zu rechnen haben; die
letzte Konsequenz dieser Überlegung scheint im Mit-
tellat. Wb. I, 839 f. gezogen: aquarius m. Wasserge-
fäß
Gl. 3, 265, 53 und 294, 14 (dagegen aber Frings,
Germania Romana2 I, 122 Fn. 2). Zweifelhaft bleibt
allerdings, ob man noch einen Schritt weiter gehen
darf und gar (wie ebendort) ein fem. aquaria im
Sinne von Wassergefäß akzeptieren für die Gl.stelle
3, 373, 51 Aquaria eger. Es fehlt daselbst auch sonst
nicht an pl. Formen, sodaß die Annahme eines
Nom.Pl. von aquarium (so Ahd. Wb. I, 60) nicht ohne
weiteres von der Hand zu weisen ist.

Mhd. eger, noch frühnhd. einmal als Egiern
(1571) im Bair. bezeugt (Schmeller, Bayer. Wb.2
I, 51), hat sich in der Hochsprache der Gegen-
wart nicht durchsetzen können.

Ahd. Wb. I, 60; Starck-Wells 17; Lexer I, 512.

Innerhalb des dt. und nordwestlich benachbar-
ten Sprachgebiets stehen einem hd. agari/eger
(achari?) sowohl lautlich wie bedeutungsmäßig
am nächsten mndd. āker, auch ākeren (aus dem
Adj. übernommen oder demin. -īn?) metalle-
ner Koch- und Waschkessel; kleines Gefäß aus
Messing, Kupfer, Blech
; mndl. āker(en),
ēker(en), auch ākere, hāker metallener Wasser-
eimer
(erstmals in Schueren, Teuthonista 16 be-
legt, a. 1477), nndl. aker m. Brunneneimer;
nfries. aker, oker kleiner Blechtopf.

Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 49; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. I, 46; VI, 11; Verdam, Mndl.
handwb. 32; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 12; Vries,
Ndls. et. wb. 11; Dijkstra, Friesch Wb. I, 20; Doorn-
kaat Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. I, 20; L.-E. Ahls-
son, Stud. z. ostfries. Mndd. (Uppsala, 1964), 52. 83.

Kein Zweifel: trotz geistreicher Einfälle (<
*a[ha]-kar < *ahwa-kar, so Wb. d. ndl. taal II,
14 f. und ähnlich schon J. Grimm, Dt. Rechtsal-
tertümer [1828], 646 Fn.; F. Woeste, Zfvgl.Spr. 2
[1853], 192; L. Diefenbach, ebd. 7 [1858],
443 f.) sprechen Lautform, Bedeutung und das
hauptsächliche Verbreitungsgebiet für Her-
kunft aus gallo-roman. aquarium (-us?) Was-
serkrug und dgl.
. Und zwar dürfte das Wort
mehr als einmal entlehnt worden sein: das erste
Mal meist mit unverschobenem -k- oder ver-
schobenem -ch- zurückgehend auf lat. aqu-,
aber durchgehends mit Verlust des labialen Ele-
ments nach -k-, wie in dem ON Aachen, ndl.
[a:kǝn], Aquae (Grani) (Förstemann, Adt. Na-
menbuch23 II, 1, 38) oder in ahd. kuchîna < lat.
coquīna (Kluge, Urgerm.3 § 17 c; vgl. Wilmanns,
Dt. Gr. I § 122, 2; Braune, Ahd. Gr.13 § 109
Anm. 4). Dazu kommen nun aber noch die
zwei obengenannten hd. Formen agari bzw.
eger, deren inl. -g- darauf hinweist, daß die Ent-
lehnung erst nach der westroman. Erweichung
von intervok. -k(w)- zu -g(w)- erfolgte (s.
Grandgent, Vulgar Latin § 256; Pope, From
Latin to Modern French § 335) im 5. oder 6. Jh.
n. Chr. (von der gelehrten dritten Adoption,
Aquarium, im 19. Jh. ganz zu schweigen). Die
weitere Entwicklung von lat. aquarium (-us?)
im Roman. mit den drei Hauptbed. Gußstein;
Wasserfurche; Kübel
spiegelt sich u. a. in afrz.
evier(e), prov. aiguiere (nfrz. aiguière) Kübel
(von Wallonien bis zur Franche-Comté).

Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 60 (s. v. aqua); Thes.
ling. lat. II, 366 f.; Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 786;
Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr. 576; Wartburg, Frz.
et. Wb. (Neubearb.) XXV, 70 f. (anders J.Jud,
Zfrom.Ph. 38 [1914/17], 42 Fn. 7).

Th. Frings hat, auf Grund der archäologischen For-
schungen von H. Willers, Die röm. Bronzeeimer von
Hemmoor (Hannover und Leipzig, 1901), die wort-
geographische Ausbreitung der Lehnformen von lat.
aquarium (-us?) im (vielleicht zu einseitigen) Zusam-
menhang mit der gallo-roman. Messinggießerei (ca.
100300 nach Chr.) gesehen und das Wort urspr. mit
Gefäßen aus Messing (statt Kupfer oder Keramik)
identifiziert, Germania Romana2 I, 122 ff. und Karte
13; vgl. dazu auch W. Roukens, Wort u. Sachgeogra-
phie Südostniederlands u. der umliegenden Gebiete
(Nijmegen, 1937), 169 f. (Karte 23); L. van de Kerck-
hove, Leuv. Bijdr. 36 (1944/46), 33 f.; J. Goossens,
Leuv. Bijdr. 48 (1959), 58 ff.; Hoops, Reallex. I, 322 ff.
In den Niederlanden, noch mehr in den dt. Mdaa.
spiegelt sich die ehemalige Verbreitung des Wortes
noch heute links und rechts vom Rhein, im Fries. und
teilweise tief hinein ins Ndd.: s. Müller, Rhein. Wb. I,
87; Woeste, Wb. d. westf. Mda. 4; Westfäl. Wb. I, 51;
Jungandreas, Ndsächs. Wb. I, 274.

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