anker
Band I, Spalte 260
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anker m. a-St.; ankero m. n-St. Anker, an-
cora
; erst in Glossen des 12. und 13. Jh. belegt
Var.: anch-, -ir. Mhd. auch sonst als anker, en-
ker, selten ankel (s. Weinhold, Mhd. Gr.2 § 211)
st. m. bezeugt. Nhd. Anker m., mdartl. auch
n. besonders in ndd. Mdaa., aber auch in Neu-
enheim bei Heidelberg (vgl. Trübners Dt. Wb. I,
86; L. Sütterlin, Zfdt. Wortf. 6 [190405], 69).
Eine Pluralform mit unechtem Umlaut kam
früher gelegentlich in der Hochsprache vor;
seit spätmhd. Zeiten ist enker mdartl. (bes. am
Oberrhein) auch als Sg. belegt (vom Pl. beein-
flußt oder in Analogie zu den Nomina agentis?
vgl. Paul, Dt. Gr. II, 16 f.; Weinhold, a.a.O.
§ 28; Schweiz. Id. I, 300; Fischer, Schwäb. Wb. I,
224 f.; Martin-Lienhart, Wb. d. els. Mdaa. I, 55).

Ahd. Wb. I, 529 f.; Starck-Wells 29; Graff I, 350;
Schade 20; Lexer I, 74; Benecke I, 46; Diefenbach,
Gl. lat.-germ. 34; Dt. Wb. I, 379 f.; Kluge21 23; ders.,
Seemannssprache (Halle, 1911), 16 ff.

Dieses Lehnwort aus lat. ancora f. (oft anchora
geschrieben), seinerseits aus gr. ἄγκυρα f. ent-
lehnt, beschreibt den zweiarmigen eisernen An-
ker, der vermutlich von den Griechen erfunden
wurde. Das Wort gehört zur idg. Wz. *ank-
(**H2enk-, neben *ang- **H2eng-) biegen (
ango1, angul; anka1). Über die Römer kamen
Wort und Sache schon sehr früh zu den Ger-
manen am Niederrhein und an der Nordsee
und verdrängten die einheimischen steinernen
Anker: ahd. senkil, sinkila (s.d.d.), aisl. stjóri.
Am frühesten wird das Wort im Ae. belegt: an-
cor, ancer, ancra m. (me. anker, ancre, ancher
usw.; ne. anchor, eine gelehrte Schreibung nach
dem Muster von lat. anchora). Man nimmt an,
daß es fast gleichzeitig die Küstengebiete des
Festlandes erreichte, obgleich die frühesten Be-
lege mndd. anker n. m., mndl. anker m. (auch
n.?: nndl. anker n.), afries. anker, onker m. sind.
Das Wort ist dann nach Skandinavien gewan-
dert, wo es den westnord. (teilweise auch ost-
nord.) Übergang von nk > kk noch mitmachte
(der aber nach L. Moberg, Om de nord. nasalas-
similationerna [Uppsala, 1944], 183 ff. kaum
vor 900 stattfand): aisl. akkeri n., aschwed. ak-
kare neben ankar(e). Dagegen ist es erst sehr
spät ins hochdt. Gebiet eingedrungen. Noch
um das Jahr 1000 war es Notker wohl unbe-
kannt, da er lat. ancorae mit suâriu îsen über-
setzte.

Ob das anord. Wort aus dem Ae. (so Fischer, Lehnw.
d. Awestnord. 46) oder, wie heutzutage meist behaup-
tet wird, aus dem Fries. entlehnt wurde (s. E. Wad-
stein, Fries. Lehnw. im Nord. [Uppsala, 1922], 7; O.
Höfler, Ark. f. nord. fil. 47 [1931], 265), läßt sich
kaum entscheiden. Das Genus gibt trotz Wadstein
und Höfler keinen zuverlässigen Fingerzeig, denn
nicht nur die ae. sondern auch die afries. und mndl.
Belege waren mask. Nur das nndl. Wort läßt viel-
leicht auf eine neutr. Variante schließen.

Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 91; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. I, 93; VI, 18; Verdam, Mndl.
handwb. 41; Verwijs-Verdam, Mndl. Wb. I, 420;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 18 f.; Suppl. 7; Vries,
Ndls. et. wb. 17; Holthausen, Afries. Wb. 4; ders., Ae.
et. Wb. 5; Bosworth-Toller, AS Dict. 38 f.; Suppl. 38;
ME Dict. AB, 286 f.; OED I, 312; Oxf. Dict. of Engl.
Et. 35; Vries, Anord. et. Wb.2 4; Jóhannesson, Isl. et.
Wb. 936; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 2; Falk-
Torp, Norw.-dän. et. Wb. 30; Torp, Nynorsk et. ordb.
6; Hellquist, Svensk et. ordb.3 22. Walde-Pokorny I,
61; Pokorny 46; Boisacq, Dict. ét. gr.4 7 (s.v. ἀγκών);
Frisk, Gr. et. Wb. I, 11; Chantraine, Dict. ét. gr. 11;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 45; Ernout-Meillet,
Dict. ét. lat.4 31. Hoops Reallex.1 105 ff.; 2342 ff.;
Schrader, Reallex. d. idg. Alt.2 I, 51.

Die gr. Benennung des eisernen Ankers hat sich
mittelbar oder unmittelbar über große Teile
von Europa verbreitet. Das Irische hat das lat.
Wort sogar zweimal übernommen: zuerst als
ingor, dann als ancaire, angcaire; ein drittes
Wort accaire wurde aus dem Skand. entlehnt
(Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. A74). Auch aus
dem Germ. (wohl aus dem Anord.) stammt
finn. ankkuri (vgl. E. N. Setälä, Finn.-Ugr.
Forsch. 13 [1913], 60 ff.; anders T. E. Karsten,
IF 26 [1909], 248; Zfdt. Wortf. 12 [1910], 89 f.;
GRM 6 [1914], 76. 86 f.: aus dem Ae.); lapp.
aŋŋkar, āŋkar (Quigstad, Nord. Lehnw. im Lapp.
91); russ. jakor’ (wohl aus dem Aschwed.); da-
gegen stammen aksl. ankυra, serb.-ksl. anьkira
unmittelbar aus dem Gr. (Berneker, Slav. et.
Wb. I, 29; Vasmer, Russ. et. Wb. III, 487;
Thörnqvist, Stud. über d. anord. Lehnw. im Russ.
98 ff.). Aus dem Dt. entlehnt sind wohl lit. iñka-
ras (mit volkset. Umdeutung; vgl. Fraenkel, Lit.
et. Wb. 185), lett. añkurs, ȩñkurs (Fraenkel,
a.a.O.; Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. I,
570).

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