*bioso
Band II, Spalte 84
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*bioso m. n-St. (auch *biosa f. n-St.?)
Binse, iuncus, scirpus (Juncus oder Scirpus
L.); Papyrusstaude, papyrus (Cyperus papyrus
L.) Var.: einmal in Gl., Cod. Paris 9532: bieso
(Hs. aus dem 9. Jh., aber diese Gl. von späterer
Hand; s. A. Steffen, Publications de la Sect. His-
torique de l’Institut Grand-Ducal de Luxemborg
62, 448), sonst nur Belege aus dem 13. u.
14. Jh., die ebensogut f. wie m. sein können:
bies, bisen, bisin. Mhd. biese f. (md.). Nhd.
Biese eingelegte Schmucknaht ist wohl keine
unmittelbare Fortsetzung von mhd. biese (=
mndd. bēse, s. u.), sondern über spätmndd. bīse
Einfassung, Vorstoß, Rocksaum aus dem
Niederl. hervorgegangen: mndl. bies(e) bedeu-
tete sowohl Binse als auch Nahtbesatz. In
den nndd. Mdaa. aber konkurriert biese (bies,
bēs[e], beis u. a.) mit rusch als heutige Bezeich-
nung für die Binse.

Ahd. Wb. I, 1082; Splett, Ahd. Wb. I, 67; Starck-
Wells 57; Schade 60; Lexer I, 269; Benecke I, 117;
Diefenbach, Gl. lat.-germ. 312 (iuncus). 411 (papyrus);
Dt. Wb. II, 3; Kluge21 75 (Biese). 78 (Binse); Kluge22
84. 86; Pfeifer, Et. Wb. 168 (Biese). 177 (Binse). Vgl.
auch Marzell, Wb. d. dt. Pflanzennamen II, 1057 ff.
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 282.
R. Schophaus, Ndd. Wort 7 (1967), 73 ff.; G. Lerch-
ner, Studien z. nordwestgerm. Wortschatz (Halle, 1965)
30; E. Rooth, Nordgermanische Studien II (Stockholm,
1987) 29; Dähnert, Platt-Dt. Wb. 35; Kück, Lüneb.
Wb. I, 138; Scheel, Hamb. Wb. I, 240; Bretschneider,
Brandenb.-berlin. Wb. I, 597; Mensing, Schleswig-
holst. Wb. I, 298 f.; Frischbier, Preuß. Wb. I, 75; Zie-
semer, Preuß. Wb. I, 616.

Das Wort ist aufs Dt., Ndl. und Fries. be-
schränkt: mndd. bēse; mndl. bies(e), nndl. bies;
nwestfries. biis, bies.

Lasch-Borchling, a. a. O. 237; Schiller-Lübben, Mndd.
Wb. I, 266; Verdam, Mndl. handwb. 98; Franck, Et.
wb. d. ndl. taal2 63; Vries, Ndls. et. wb. 56; Dijkstra,
Friesch Wb. I, 128.

Ahd. bioso hat keine sichere Etymologie, aber
da das synonyme Wort binuz (s. d.) wahrschein-
lich eine Zss. aus dem Präfix b- und einer Form
der Verbalwz. urgerm. *net-, idg. *ned- zu-
sammendrehen, knüpfen
darstellt, liegt es nahe,
die Herkunft von bioso auf ähnliche Weise zu
erklären. Nach H. Dittmaier, ZfdA. 89 (1958
59), 290 ff. (zustimmend Kluge21 78), handelt es
sich um die idg. Wz. *e(s)- drehen, biegen,
flechten, knüpfen
(vgl. Pokorny 1120 ff. 1133).
Trotz der Einwände von R. Schophaus, a. a. O.,
93 ff. und Marzell, a. a. O. ist diese Erklärung
lautlich möglich, wenn man annimmt, daß mit-
telsilbiges *-i- synkopiert worden ist: *b-is-
n- > *bius(n) > bioso (aber die von Ditt-
maier angeführten Ortsnamen auf Beves- gehö-
ren kaum hierher; s. Schophaus, a. a. O.). Ditt-
maier vergleicht nschwed. vese Büschel, zusam-
mengedrehter Knoten
und mit k-Erweiterung
nhd. Wisch ( wisc; weitere außergerm. Ver-
wandte sind bei Pokorny, a. a. O. verzeichnet).

Es gibt aber auch eine andere Wurzel mit der
Bed. knüpfen, binden u. dgl., die im Gegensatz
zur Wz. *e(s)- in germ. Verben noch vorhan-
den war, u. zwar *edh- (vgl. got. gawidan ver-
binden
, ahd. wetan binden [s. d.]). So ließe
sich bioso aus *bh-udh-t(n) ableiten, mit ei-
nem -t-Suffix wie in as. bigihto m. n-St., ahd.
bgiht f. i-St. Beichte zum ahd. Verb jehan,
und mit (einem hinter Diphthong vereinfachten)
-s(s)- < *-dh-t- wie in got. gawiss Verbindung
< *-edh-ti-, zur selben Wz. *edh-. Vgl. auch,
mit derselben Tiefstufe der Wz., nschwed.
mdartl. ydd Ochsenleine, Zügel (< *udhetā?
Pokorny 1116 f., wo weitere Vergleiche).

Sicherheit über die genaue Form der Zss. ist wohl
nicht zu erreichen, aber die Deutung des Wortes als ir-
gendeine Zss. dieser Art ist viel wahrscheinlicher als
die von Franck, a. a. O. vorgeschlagene Herleitung aus
*bewǝsō, zu *bheā- wachsen (s. auch Vries, a. a. O.
56: weinig bevredigend; da er keinen der etym. Ver-
suche billigen kann, erwägt er die Möglichkeit, daß
das Wort aus einer Substratsprache herstammt).
Selbstverständlich ist das Wort auch nicht, wie Kück,
Lüneb. Wb. I, 138 behauptet, die ndd. Entsprechung
von hd. Binse mit Ausfall von n vor Spirans!

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