freisa
Band III, Spalte 544
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freisa f. ō- und n-St., Otfrid, Notker und
in Gl. seit dem 8. Jh.: Gefahr, Gefährdung,
Bedrängnis, Verderben, Schaden, discrimen,
dispendium, erumna, exitium, interitus, pericu-
lum, pernicies, temptatio
Var.: vr-, ur-; -ai-.
Mhd. vreise st. sw. f., sw. m. dss., auch
Angst, Schrecken, frühnhd. freis(e), nhd.
mdartl. freis(e), frais, freisch usw., z. T. mit der
Bed. (Kinder-)Krampf.

Ahd. Wb. III, 1236 ff.; Splett, Ahd. Wb. I, 262; Köb-
ler, Wb. d. ahd. Spr. 327 f.; Schützeichel5 140;
Starck-Wells 177. 811; Schützeichel, Glossenwort-
schatz III, 291 f.; Seebold, ChWdW8 135; Graff III,
398; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 426 (periculum). 428
(pernicies); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 202 (discrimen).
203 (dispendium). 228 (erumna). 240 (exitium). 349
(interitus). 389 (malum). 480 (periculum). 482 (perni-
cies). 648 (suspendium); Dt. Wb. IV, 1, 1, 119.
Schweiz. Id. I, 1331; Fischer, Schwäb. Wb. II, 1731;
Schmeller, Bayer. Wb.2 I, 826; Lexer, Kärnt. Wb. 102
(frâs); Schöpf, Tirol. Id. 149; Schatz, Wb. d. tirol.
Mdaa. I, 187 (froas); Müller, Rhein. Wb. II, 774;
Christmann, Pfälz. Wb. II, 1584; Mitzka, Schles. Wb.
I, 339 (fras). 341 (freise).

Dem ahd. Subst. freisa entsprechen: as. frēsa f.
Gefahr, Schaden (daneben viell. frēso sw. m.;
vgl. Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 242; Schlüter,
Gesch. d. as. Spr. 50 Anm.), mndd. vreise f.m.
Gefahr, Schrecken, Furcht; andfrk. freisa, frē-
sa f. Untergang, Vernichtung, interitus, mndl.
vrese, vreese, vreise f. Gefahr, Schrecken,
Angst
, nndl. vrees; afries. frāse, frēse f. Gefahr.
Sonst sind nur Verben belegt: ae. frāsian sw. v.
erforschen, fragen, versuchen ( freisôn); got.
fraisan red. v. versuchen, πειράζειν; mit t-Er-
weiterung aisl. freista sw. v. versuchen, erpro-
ben
(vgl. got. fraistubni f. Versuchung),
nnorw. freista, nschwed. fresta, ndän. friste.

Fick III (Germ.)4 245; Seebold, Germ. st. Verben 207;
Holthausen, As. Wb. 22; Sehrt, Wb. z. Hel.2 150;
Berr, Et. Gl. to Hel. 136; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 993; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. V,
527; Helten, Aostndfrk. Psalmenfrg. 99; Kyes, Dict. of
O. Low and C. Franc. Ps. 27 f.; Verdam, Mndl.
handwb. 750; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 761 f.;
Suppl. 187; Vries, Ndls. et. wb. 803 f. 804 (vrezen);
Holthausen, Afries. Wb.2 31; Richthofen, Afries. Wb.
758; Holthausen, Ae. et. Wb. 115; Bosworth-Toller,
AS Dict. 331; Suppl. 262; Vries, Anord. et. Wb.2 141;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 544 f.; Holthausen, Vgl. Wb.
d. Awestnord. 72; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb.
275 f. 1463; Torp, Nynorsk et. ordb. 134; Hellquist,
Svensk et. ordb.3 236; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 162;
Lehmann, Gothic Et. Dict. F-75.

Germ. *fraisō(n)- hat keine Entsprechungen au-
ßerhalb des Germ. Die Etymologie ist umstrit-
ten:

1) Die Grundbedeutungen der germ. Wortgrup-
pe: versuchen, erforschen, in Gefahr bringen
stimmen fast genau mit denen der Sippe von der
idg. Wz. *per- in lat. experior mache einen Ver-
such, erprobe, prüfe
, perīculum Versuch, Pro-
be, Gefahr usw.
überein (vgl. Pokorny 818 und
fâra). Als Grundlage für die germ. Wörter
käme eine erweiterte Wz. *p(e)r-, -, - in
Frage (vgl. Hirt, Idg. Ablaut 121; O. Wiede-
mann, BB 28 [1904], 48; Falk-Torp, a. a. O.;
Seebold, a. a. O.; etwas anders, aber lautlich
nicht möglich S. Bugge, PBB 24 [1899], 435 f.:
< *porǝso-; anders L. A. Connelly, IF 85
[1980], 112: < *pre-Ai-s- ??). Solche Wurzeler-
weiterungen kommen öfters vor (vgl. z. B.
*bh[e]re- zu *bher- aufwallen; Pokorny 133,
brîo; *[s]k[e]re- zu *[s]ker- schneiden; Po-
korny 949 f., rîtera, [h]reini). Diese an sich
ganz glaubhafte Etym. wird nur deshalb bestrit-
ten, weil es keine sichere außergerm. Stütze für
die Existenz einer Wz. *p(e)re- gibt; lat. perīcu-
lum, perītus können zwar aus dieser Wz. stam-
men (so Hirt, a. a. O.), können aber auch (mit
sekundärem langem ī aus den Zss. mit -perior)
von einer o-Ableitung (wie gr. πεῖρα < *περα)
aus gebildet sein; vgl. Walde-Pokorny II, 29;
Pokorny 818; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II,
289.

2) Wie bei anderen germ. Wörtern auf fr- be-
steht die Möglichkeit einer Zss. mit fra- ( fra-
vali, frâza, frêht, frêhten[?], freidi, frezzan);
vgl. C. C. Uhlenbeck, PBB 30 (1905), 277. Nach
Brugmann, Grdr.2 I, 925 und Fr. A. Wood,
MLN 16 (1901), 309 aus *fra- und *ais- in aisl.
eisa heftig vorwärts eilen, zur idg. Wz. *es-
(sich) heftig, ungestüm, schnell bewegen (Po-
korny 299 ff.); hierher auch ae. of-ost, as. o-ast
Eile, Eifer; ähnlich gebildet aind. préa- m.
Antrieb, préyati treibt an, sendet aus, fordert
auf
usw. Der Bed.unterschied scheint aber
schwer zu überbrücken.

Nach O. Hoffmann, Fick-Festschrift 38 dagegen
aus *fra- und *ais- < idg. *as- [**H2es-]
wünschen, begehren, aufsuchen (Pokorny 16);
vgl. aind. éati sucht. Von der semantischen
Seite her ist diese Deutung möglich, aber diese
Wz. scheint sonst im Germ., Slaw. und Balt. nur
mit -s-(-sk-)Suffix vorzukommen (wie auch
meistens in den anderen idg. Sprachen; vgl. aind.
iccháti [< *is-só-] [**H2is-só-] sucht,
wünscht
; arm. aicc [*ais-s-] [**H2is-sáH2-]);
eiskôn.

Trotz des Mangels an genauen Vergleichen
scheint der Anschluß an die Wz. *per- am wahr-
scheinlichsten.

S. auch freisîg, freislîh, freisôn, freis(s)am, frei-
sunga
, hellifreisa, woroltfreisa.

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