affoltra
Band I, Spalte 60
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affoltra f. ō- oder n-St. und, nur einmal si-
cher nachzuweisen, ahd. affaltar m. a-St. (Gl. 2,
159, 5; 8.9. Jh.) Apfelbaum mit folgenden Va-
rianten, die nicht immer eindeutig auf die zwei
Stammklassen zu verteilen sind: affol-, affal-,
af(f)el-, ap(p)hol-, aphal-, ap(p)hel-, apfol-, apfal-;
-t(e)r(a), -d(e)r(a). Wie die Mehrzahl der über-
kommenen Schreibungen nahelegt, gehen sie
auf eine germ. Grundform mit -p- zurück, das
vom folgenden -l- durch Vokal getrennt
auch westgerm. keine Gemination erlitt, also <
urg. *apul-drō (s. E. Sievers, PBB 5 [1878], 525;
Brugmann, Grdr.2 I, 2 § 807; Kluge, Urgerm.3
§ 159), im Gegensatz zu ahd. apful (< *ablu-)
mit westgerm. Konsonantengemination; durch
Angleichung an ahd. apful (mit [pf]) entstan-
den dann Kontaminationen wie apfoltra u. ä. (s.
Braune, Ahd. Gr.13 § 132 Anm. 4); über o für äl-
teres u s. Schatz, Abair. Gr. § 43; doch ist die
ahd. Vokalfärbung in Mittelsilben vor l oft
schwer zu beurteilen, s. Schatz, Ahd. Gr. § 98.
Mhd. heißt es meist affalter, apfalter, nhd. in
Mdaa. Affalter (s. u.).

Ahd. Wb. I, 33. 35; Starck-Wells 15; Graff I, 174 f.;
Schade 4 (aff-). 23 (aph-); Lexer I, 23. 86; Benecke
III, 31; Dt. Wb. I, 185; Kluge21 27.

Dem ahd. affoltra/affaltar entsprechen in den
übrigen westgerm. Sprachen as. apuldra (analo-
gisch zu appul auch appuldra), Apuldaro-, Apol-
dere-, apeldere (Gl. 3, 720, 11), apeldre, sowie
apalder (Gallée, As. Gr. § 133, 2. 271, 3), mndd.
āpeldēr(n), -dere, appeldorne; andfrk. und mndl.
nur noch im ON Apeldoorn (< Apuldriun, För-
stemann, Adt. Namenbuch23 II, 1, 173) bezeugt,
sonst appelær mit verschiedenem Suffix; aengl.
heißt es æppelder, -dor st.m. neben apuldre sw.f.
(auch æp[p]uldre-tūn Epinal-Erf.Gl. 636 erweist
den oft zwischen d und r auftretenden Vokal
als sekundär; s. Sievers-Brunner, Ae. Gr.3 § 109.
152 Anm. 2), me. nur noch appel-trē, -treo. Die
skand. Gegenstücke, fast stets mit ablautendem
-a- in der Mittelsilbe, sind meist den m. a-
Stämmen zugeordnet, so aisl. apaldr (gen.sg.
-drs, -ds oder -dar, nom.pl. -drar, Noreen, Aisl.
Gr.4 § 51, 2 b [ápàldr]. 358, 2), desgl. anorw.
apaldr, woraus sich nnorw. (mit Assimilation)
apal(l) entwickelte; ähnlich aschwed. apal(d) f.
(Noreen, Aschwed. Gr. § 165 Anm.: apul(d) ist
ae. Eindringling; 180 Anm. 1: apil Spätbildung;
292, 1: ld > ll), nschwed. apel, nnorw. apal,
ndän. (veraltet) abild; im Gotischen ist das
Wort nicht belegt.

Lange Zeit wurde die Erklärung der Ableitungssilbe
dieses Wortes von J. Grimms verlockendem Vor-
schlag beherrscht, das -dr-/-tr-Element in Baumna-
men als eine Verstümmelung von germ. *trewa-
Baum aufzufassen (Dt. Gr.a II, 315. 516 f. und Dt.
Wb. I, 185), ja, so steht es noch immer bei Schröder,
Dt. Namenkunde2 185 oder bei Bach, Dt. Namen-
kunde II § 317. Und doch spricht das -d-, sowie die
weitere lautliche Gestaltung der skand. und ae. For-
men dagegen. Auch Mangel des *u/w; vgl. E. Hamp,
Chicago Ling. Soc. Parasession on the Lexicon 1978,
1856 und 1914.

Kein Zweifel, es handelt sich um ein im Idg.
weitverbreitetes Morphem -tro-, das germ. als
-þra- oder, mit grammatischem Wechsel, als
-dra-, ahd. -tra- erscheint, keineswegs aus-
schließlich aber doch mit Vorliebe in Baumna-
men, wie etwa in ahd. riostar Pflugschar, mal-
tar Malter und vor allem ahd. maz(z)oltra,
wecholtra, ae. mapuldre nebst männlichen Va-
rianten auf -dar, -der, ahd. -tar, -ter wie ae. ma-
pulder, ahd. hiufaltar, mazzolter, und, mit -n- vor
dem Suffix, ahd. holuntar, as. holondar: dem
entsprechen ahd. affoltra und affaltar. Vgl. E.
Sievers, Das Nominalsuffix tra im Germ.
PBB 5 (1878), 51938, bes. 523 f.; Wilmanns,
Dt. Gr. II § 219, 2; Kluge, Nom. Stammbildung3
§ 946.

Auch K. Brugmanns These (PBB 43 [1918], 3179),
daß die Gewächsnamen auf ahd. -ltar, -ltra durch
Komposition mit germ. *aldra-, *aldrō- im Sinne von
Gewächs, Strauch, Baum entstanden seien, ist wenig
überzeugend. Da ahd. affaltar und seine Verwandten
sich im Germ. am weitesten verbreitet zeigten, sah er
in ihm den Prototyp, nach dem sich fast ein Dutzend
anderer Gewächsnamen geformt hätten ein Proto-
typ, der aber erst durch Haplologie aus einem ursprl.
*apal-aldra vereinfacht werden müßte; dabei ist die
dem zweiten Kompositionsglied aufgenötigte Bedeu-
tung sowohl wie der häufige -u- (-o-) Vokal der Mit-
telsilbe nur schwer zu begründen, und Gewächsna-
men wie mhd. heister, nhd. Rüster, as. *fliodar, nhd.
Flieder, fallen sowieso aus der Reihe. Es geht eben
nicht an, wie Brugmann will, idg. -tro, -trā auf die
Funktion eines primären Suffixes zu beschränken.

Fick III (Germ.)4 14 f.; Holthausen, As. Wb. 3; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 115; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. I, 119; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 19 f.;
Vries, Ndls. et. wb. 18; Bosworth-Toller, AS Dict. 17;
Holthausen, Ae. et. Wb. 6; ME Dict. AB, 325; Vries,
Anord. et. Wb.2 11; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 21; Holt-
hausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 5; Torp, Nynorsk et.
ordb. 6; Hellquist, Svensk et. ordb.3 26 f.; Svenska
akad. ordb. A1973 ff.; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb.
10.

Ganz besonders häufig lebt ahd. affoltra/affal-
tar in (meist unverstandenen oder entstellten)
Orts- und Flurnamen fort wie Àpólda (in Thü-
ringen), 1128 Apoltre, 1148 Appolde, oder Affol-
dern bei Waldeck, Affoltern bei Zürich (dazu
der PN Affolter, s. A. Senn, JEGP 32 [1933],
507), Àffáltrach (in Württemberg), 1255 Affel-
trach (mit Kollektivsuffix -ahi), anderwärts
noch Affalterbach und Altfalterbach (sic!), au-
ßerdem Affeltrangen in der Schweiz, 779 Affal-
trawangas, 827 Affultarwanga; dementspre-
chend nndl. Apeldoorn, engl. Appledore (älter æt
apuldre). S. Förstemann, Adt. Namenbuch23 II,
1, 172 ff.; Bach, Dt. Namenkunde II § 45. 142.
193.

Das Wort, in der Hochsprache längst durch die
Neubildung Apfelbaum verdrängt, ist mundart-
lich noch weitgehend im Gebrauch als Bezeich-
nung für den Apfelbaum wie auch für allerlei
andere Bäume und Sträucher, z. T. mit apfelar-
tigen Früchten (Mistel, Ahorn); doch wird das
Wort neuerdings auch in der Volkssprache vie-
lerorts, zumal von der jüngeren Generation,
durch Apfelbaum ersetzt und nur noch in be-
sonderen Bedeutungen wie blühender Apfel-
baum
oder mit einem gewissen Stimmungs-
wert gebraucht: Kranzmayer, Wb. d. bair.
Mdaa. in Österr. I, 270 f.

S. auch Schweiz. Id. I, 106 (nur noch in EN); Ochs,
Bad. Wb. I, 25 (nicht mehr in der lebenden Spra-
che
); Fischer, Schwäb. Wb. I, 107 (Apfelbaum, aber
auch Mistel, Maßholder); Schmeller, Bayer. Wb.2 I,
41 f.; Lexer, Kärnt. Wb. 8; Castelli, Wb. d. Mda. in
Österr. u. d. Enns 40 (noch als Appellativ gebraucht);
Lux. Wb. 59; Christmann, Pfälz. Wb. I, 307 (nicht
mehr als Appell.); Müller, Rhein. Wb. I, 75 (Bed. Mi-
stel
); Vilmar, Id. von Kurhessen 5 (nur noch in EN);
Jungandreas, Ndsächs. Wb. I, 459 f. (Äpeldern noch le-
bendig im Sinne von Feldahorn, Eberesche, Holun-
der
, über das Verhältnis von Äpeldern zu Mapel- s.
E. Schröder, Ndd. Jb. 48 [1922], 912).

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