*agastra
Band I, Spalte 85
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*agastra f. n-St. Elster, pica (Corvus pica L.)
Var.: agistra 11./12. Jh., agestra 10. Jh., agister
14. Jh. (Hs. hat -); einmal erscheint agaistra
(Trier, 11./12. Jh.), nach Katara, Gl. d. cod. sem.
Trev., s. v., und Ahd. Wb. I, 60 vielleicht ver-
schrieben für agistra, ist aber wahrscheinlicher
in agalstra zu verbessern in Anbetracht der hs.
Überlieferungsverhältnisse, so Neuß, Stud. z. d.
ahd. Tierbez. 61; den zitierten Formen ent-
spricht oft in anderen Hss. an paralleler Stelle
ahd. agalstra u. ä. (mit -l-), einmal aga
(s.d.d.).

Im Mhd. begegnen Formen ohne -l- wie agera-
ster, agrest, egerst selten gegenüber agelster (<
agalstra s.d.); für Frühnhd. verzeichnet Götze
egerste. Nhd. Elster ist aus dem Ostmd. adop-
tiert, aber die Mdaa. besonders im Süd- und
Nordwesten des dt. Sprachgebiets bezeugen
noch weithin Entsprechungen der -l-losen
Form (s. u.).

Ahd. Wb. I, 60; Starck-Wells 17; Graff I, 131 (nur
Formen mit -l-); Schade 6 (desgl.); Lexer Nachtr. 15;
Benecke I, 12; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 432; Schmel-
ler, Bayer. Wb.2 I, 48; Götze, Frühnhd. Gl.6 60; Dt.
Wb. I, 189.

Im Hinblick auf ahd. aga mit derselben Bedeu-
tung Elster (s. d.) wird auch der Stamm von
aga-stra auf die idg. Wz. *a- zurückzuführen
und auf den spitzabstehenden Schwanz des Vo-
gels zu beziehen sein. Dann aber ist der zweite
Teil des Wortes nicht, wie des öfteren vorge-
schlagen (vgl. die knappe Übersicht verfehlter
Deutungen bei J. W. Bruinier, Zfvgl.Spr. 34
[1897], 348 Anm. 1), mit einem ursprünglich
selbständigen Kompositionsglied identisch,
sondern mit der Ableitungssilbe idg. *-stro-,
*-strā-, die ihrerseits sich aus einer Verbindung
der Suffixe *-tro-, *-trā- mit Dental- (oder -s-)
Stämmen entwickelt hat, vgl. got. -blōstreis <
urg. *blōstrija- < idg. *bhlōd-tro-, ahd. bluo-
star Opfer (s. d.) oder got. gilstr < urg. *gel-
stra- < idg. *gheldh-tro, ahd. gelstar Tribut
(s.d.); einer der relativ seltenen fem.
ō(n)-Stämme dieser Bildungsweise ist ahd. rio-
stra (neben riostar Pflugschar, s.d.) < *reustrō
zu idg. *redh-trā(?).

Brugmann, Grdr.2 II, 1, 339 f.; H. Osthoff, Zfvgl.Spr.
23 (1877), 315 ff.; Wilmanns, Dt. Gr. II § 219.

Westgerm. Verwandte von ahd. agastra/agistra
mit seinem zwischen -a- und -i- wechselnden
Mittelvokal sind mndl. aexter (aus älterem aek-
ster < agistra), nndl. ekster, sowie as. agastria
(nom. pl. -un) und agistra, denen mndd. egester
entspricht. Die Endung des nur einmal belegten
as. agastria (Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 107,
29) ist wohl ein Überbleibsel des germ. For-
mans -astrjōn- (-istrjōn-). Zwar hat E. Schröder
einst darauf bestanden, daß das mlat. Suffix
-istria in Wörtern wie tympanistria, *meletristria
in den römisch besetzten Gebieten zum Gras-
sieren des Formans -estra beigetragen habe;
aber mit der Endung von agastria und ähnlicher
Bezeichnungen einheimischer Vögel und Pflan-
zen hat diese sprachliche Modeerscheinung ge-
wiß nichts zu schaffen.

Kluge, Nom. Stammbildung3 § 48 ff.; E. Schröder, Nd.
Jb. 48 (1922) 1 ff.; Th. Frings, PBB 56 (1932), 2340;
J. H. Kern, ebd. 364 ff.; F. Mezger, Arch.f.d.Stud.d.
neueren Spr. 168 (1935), 180 ff.; Henzen, Dt. Wortbil-
dung2 155.

Die meisten Reflexe von adt. agastr(i)a/agistra (ohne
-l-) sind auf ndd. (und ndl.) Boden lebendig geblie-
ben, wobei sich häufig Kontraktion der zwei ersten
Silben eingestellt hat sowie ein prothetisches h-, das
man wohl mit Recht einer Kontamination mit dem
Worte für Häher, mndd. heger, zur Last gelegt hat:
Schambach, Wb. d. ndd. Mda. 55: ëkster, hëkster; Woe-
ste, Wb. d. westf. Mda. 66: Ekster. 101 f.: Hiǝkster (vgl.
die Extern-Steine daselbst, a. 1093 Agisterstejn,
112633 Egesterenstein, Förstemann, Adt.
Namenbuch23 II, 1, 33; vgl. J. O. Plassmann, PBB 82
[Sonderbd. Halle, 1961], 126 ff.); Jungandreas,
Ndsächs. Wb. I, 304: Ekster, Akster (um Göttingen Al-
ster, neben Elster und Atzel!); Kück, Lüneb. Wb. I,
660 f.: Haist’r u. a.; Frischbier, Preuß. Wb. I, 283:
Hei(g)ster, Hegster, Haster u. a. (Die I, 34 vermeldete
Form Atzel ist kolonialer Import aus dem Ostmd.).
Dagegen überrascht es, im alem. Südwesten, d. h. in
der Schweiz, im Elsaß, im südl. Baden und Württem-
berg auf ein weiteres Verbreitungsgebiet der -l-losen
Varianten zu stoßen und zwar in der Form ägerst(e),
die schon C. Geßner in seiner Historia animalium
(1555) vermerkt hat (S. 666): Schweiz. Id. I, 125; Mar-
tin-Lienhart, Wb. d. els. Mdaa. I, 21: ägerste; Fischer,
Schwäb. Wb. I, 117: ägert; Jutz, Vorarlb. Wb. I, 55:
agǝt(ǝ), egitǝ, agert. Vgl. auch die Übersicht bei
Suolahti, Dt. Vogelnamen 1958 und J. W. Bruinier,
Zfvgl.Spr. 34 (1897), 3548 (spr.wiss. unzuverlässig).
Dazu die Wortkarte Elster in Mitzka-Schmitt, Dt.
Wortatlas XV (1966), Karte 3, Text 3241 (mit fast
1400 Varianten).

S. auch aga, agalstra, agaza.

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