horn
Band I, Spalte 110
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horn m. (n.?) a-St. Ahorn, platanus, ornus:
zahlreiche Belege, nur in Gl., bei weitem am
häufigsten ahorn, fast stets im nom.sg., viermal
nom.pl. auf -a.

Daneben Varianten wie ahurn, Gl. 1, 286, 53 alem. od.
frk., 8./9. Jh., sowie aorn, hahorn, achorn, acharn mit
-ch- in Hss. aus dem Bair. und Alem., wo man noch
immer teilweise [χ] für germ. -h- spricht), mit volks-
etym. Anlehnung abhorn (was noch heute aus Kärn-
ten gemeldet wird), mit Sekundärvokal ahorin, Gl. 3,
490, 25; 11. Jh. (kaum adj. auf -în, vgl. mhd. ahör-
nîn); außerdem begegnet einmal die -n-lose Form
ahor, Gl. 3, 676, 20 (Innsbruck 711, 13. Jh.), doch ist
höchst zweifelhaft, ob in einer so späten und verein-
zelten Variante sich die sonst verdrängte subst.
Grundform ohne -n (s. u.) widerspiegelt, wahr-
scheinlicher ist es ein Schreibfehler (oder mdartl. Re-
flex?), wie ja auch in Gl. 3, 467, 13 ein korruptes hor
von zweiter Hand nachgetragen ist); einmal, Gl. 3,
596, 7 (allerdings ein Zusatz von anderer Hand), ist
das ahd. Wort übertragen auf den Holunder, sambu-
cus
, wie auch heute noch vielfach im Ndd.

Mhd. wird gleichfalls ahorn verzeichnet, dane-
ben spätere Formen wie aheren (1437). Für
die frühnhd. und nhd. Zeit sind zahllose regio-
nale Varianten, vor allem auch mit anl. an-, am-,
al-, ab- und teilweise noch mit neutr. Ge-
schlecht, zusammengestellt bei Marzell, Wb. d.
dt. Pflanzennamen I, 63 f.; noch eingehender bei
Mitzka, Der Ahorn (Gießen, 1950), vgl. dazu
Dt. Wortatlas Karte 58; weniger verläßlich I.
Nordstrandh in Rooth-Festschrift, 14860.
Hochsprachl. gilt heute Ahorn m.

Ahd. Wb. I, 69 f.; Starck-Wells 18; Graff I, 135;
Schade 7; E. Björkman, Zfdt. Wortf. 2 (1902), 213; Le-
xer I, 29; Benecke I, 14; Diefenbach, Gl. lat.-germ.
440; Dt. Wb. I, 198; Kluge21 10.

Verwandte des ahd. Wortes in den anderen
germ. Dialekten sind selten: einmal ist ahorn im
Asächs. bezeugt, dieselbe Form (mit unsicherer
Quantität des a-) gilt fürs Mndd., daneben an-,
aenhorn, alhorn, -hern. Aus dem Ndd. wurde das
Wort wohl ins Ndl., Fries. und Neudän. ent-
lehnt; Englisch ging seine eigenen Wege mit ae.
mapuldor, ne. maple. Umso auffallender ist eine
ältere dän. Form ær ohne -n und mit Umlaut
der Stammsilbe, die auf urg. *ahir zurückge-
führt wird, bestätigt nur durch dt.-mdartl. Va-
rianten wie acher (s. u.), soweit diese nicht
durch relativ späten Abfall des ausl. -n entstan-
den sind; ja, selbst für dän. ær ist mit der Mög-
lichkeit zu rechnen, daß es aus einer n-losen
dt.-mdartl. Form stammt (s. Ordb. o. d. danske
sprog XXVII, 1287).

Nimmt man diese Grundformen zusammen mit
dem aus horn erschlossenen urg. *hurnaz, so
liegt es nahe, in letzterem eine mit n-Suffix er-
weiterte ursprl. Adj.-Ableit. zu sehen. Aber ge-
rade wie Stoffadjektive sehr oft substantiviert
werden und dann wieder den Stoff selbst be-
zeichnen (vgl. lat. līneus adj. leinen zu frz.
linge Leinwand, oder mhd. lînîn adj. zu nhd.
Leinen n. u. a.), so werden auch Adj. von Baum-
namen sehr häufig dazu gebraucht, das entspre-
chende Holz und letzten Endes wieder den
Baum selbst zu bezeichnen: lat. fraxinus adj.
eschen > fraxinus, -i f. Esche (frz. frêne);
eine ganze Reihe von roman. Baumbezeichnun-
gen stammen nicht vom lat. Subst., sondern von
lat. Stoffadj. auf -eus, -ea ab, wie etwa italien.
faggio < fāgeus, span. cerezo < ceraseus u. a.
(vgl. Meyer-Lübke, Gr. comp. des langues rom. II
§ 403). Genau so wurde der ursprl. Adj.bildung
urg. *hurnaz - wohl über die Bedeutung
Ahornholz - der Sinn von Ahorn(baum) bei-
gelegt (Osthoff, Et. Parerga 18190); ja, der
einmalige Beleg bei Venantius Fortunatus 3, 9,
23 von lat. acernus im Sinne von Ahornbaum
ist wohl die naheliegendste Parallele (Thes. ling.
lat. I, 372).

Holthausen, As. Wb. 1; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 48. 55. 91; Lübben-Walther, Mndd.
Handwb. 11. 17. 94; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 12;
Vries, Ndls. et. wb. 10 f.; Falk-Torp, Norw.-dän. et.
Wb. 17. 1412 (ær).

Die außergerm. Parallelen von ahd. horn sind
wesentlich reicher vertreten: so wartet das
Griech. mit zwei lexikogr. Varianten bei He-
sych auf (I, 82 Z. 2282 und 2289): ἄκαστος ἡ
σφένδαμνος Felsahorn, wobei ἄκαστος wohl
für älteres *ἄκαρστος steht und wenige Zeilen
vorher durch die Gl. ἄκαρνα δάφνη Lorbeer-
baum
bestätigt wird; das führt auf eine idg.
Grundform *a- (**H2e-) und *an- (adj.)
zurück. Genau so steht im Lat. neben acer,
-eris f.n. Ahorn (< idg. *a-) eine Form mit
-n-, die nach Brugmann, Grdr.2 II § 193, auf
eine Adj.-Ableit. *aer-i-nos oder aber auf idg.
*a-nos (> *akor- und weiter analog zu acer
> acer-nus) zurückzuführen ist (nicht auf r/n-
Heteroklise wie Johansson, Beitr. z. griech.
Wortkunde 9. 153; Noreen, Abriß d. urg. Laut-
lehre § 53, 2; H. Petersson, IF 24 [1909], 269 ff.
wollten). Dieses Nebeneinander wiederholt
sich vielleicht in den zwei galloroman. Varian-
ten *akaros und *akarnos, die J. U. Hubschmied
aus Eigennamen rekonstruiert hat (Rev. celt. 50
[1933], 263 f.).

Die slav. Entsprechungen, russ. tschech. javor, poln.
jawor, bulg. javor, avor, die seit langem als Entleh-
nungen aus dem Dt., speziell dem angrenzenden Bair.
gelten, sind nur insofern aufschlußreich, als die -n-lo-
sen Formen möglicherweise ein ehemaliges -n-loses
Subst. des Bair., *ahor, widerspiegeln (vgl. E.
Schwarz, Arch.f.slav.Phil. 40 [1926], 284; W. Stein-
hauser, Zfslav.Phil. 18 [1963], 309 ff.; anders Berne-
ker, Slav. et. Wb. I, 34 ff., dazu R. Trautmann, Gött.
Gel. Anz. 1911, 244; Bezlaj, Etim. slovar slov. jezika I,
222. Lit. aornas ist aus dem Nhd. entlehnt.

Das früher meist hierhergezogene aind. akrá- ist
nicht einmal in seiner Bedeutung Ahorn gesichert;
dazu kommen Zweifel wegen des Gutturals, idg. -k-,
s. Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. I, 15 f.

Walde-Pokorny I, 28 f.; Pokorny 20; Frisk, Gr. et.
Wb. I, 51; Boisacq, Dict. ét. gr.4 34; Chantraine, Dict.
ét. gr. 46; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 6; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.4 6; Fick II (Kelt.)4 5; Vasmer,
Russ. et. Wb. III, 478 f.; Sadnik-Aitzetmüller, Vgl.
Wb. d. slav. Spr. Nr. 94 a; Kurschat, Lit.-dt. Wb. I, 53
(aornas).

Noch immer ist man sich nicht einig über die
Quantität des anl. Vokals im Ahd. Während die
gr. und lat. Entsprechungen kurzes a- voraus-
setzen, scheinen gewisse mdartl. Varianten von
heute, in Vorarlberg, z. T. auch in der Schweiz
und vor allem in Westfalen, auf altes langes ā-
zurückzuführen. Doch dürfte es sich bei diesen
jungen volksspr. Reflexen um volksetym. Asso-
ziationen des unverstandenen oder als eine Zss.
mit -horn analysierten Wortes handeln: daher
ja auch die zahlreichen mdartl. Verballhornun-
gen mit an-, ein-, am-, al- oder ab- sowie die
Bewahrung des unbetonten -o- in -horn. Und
wo heute -n-lose Formen gesprochen werden
wie schwäb. oder kärnt. acher, rhein. Ahre u. ä.,
entspricht der -n-Abfall den Lautgesetzen der
betreffenden Mda., s. Fischer, Schwäb. Wb. I,
120; Lexer, Kärnt. Wb. 4; Müller, Rhein. Wb. I,
83; dazu Behaghel, Gesch. d. dt. Spr.5 394 f.

Als idg. Basis ergibt sich demnach *a- scharf, spit-
zig
(> urg. *aχurna-) (so Walde-Hofmann, Wiss-
mann bei Marzell, Steinhauser a.a.O.), das sich auf
die spitzeingeschnittene Blattform bes. des Spitz-
ahorns beziehen dürfte (zum zweifelhaften Ansatz
mit Dehnstufe *ē- [> urg. *āχurna-] vgl. Osthoff,
Boisacq, Vasmer, Falk-Torp a.a.O., dazu H. Frisk, IF
56 [1938], 113 f.).

S. auch agana (zur Wz. *a-).

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