ampulla
Band I, Spalte 210
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ampulla f. n-St. kleine (dickbauchige) Fla-
sche (für Öl, Wein u. a.), ampulla, lecythus, lenti-
cula, amula
(meist im Gottesdienst gebraucht),
sehr häufig belegt, aber nur in Gl. Var.: am-
polla, ampilla; ambulla, -a-, -i-; ambil (13. Jh.);
ampula, -a-, -e-; ampulle (12./13. Jh.); beim
nom. sg. ampulla läßt sich nicht immer ent-
scheiden, ob lat. oder dt., jedenfalls gehören
ahd. ampulla und seine Varianten meist dem 12.
oder späteren Jhh. an, während früher das ein-
gedeutschte ampla (s. d.) vorherrscht. Im
Mhd. wird sowohl ampulle, ampol(le) sw. f. wie
ampel sw. f. im Sinne von Gefäß wie auch von
Lampe gebraucht. Nhd. ist Ampulle, viel-
leicht unter abermaligem Einfluß des Lat., in
mediz.-techn. Sprachgebrauch auf die Bed.
bauchiges Glasröhrchen eingeschränkt.

Ahd. Wb. I, 327 f.; Starck-Wells 24; Graff I, 262;
Schade 14; Lexer I, 52; Benecke I, 31; Dt. Wb. I, 279
(Ampel); Kluge21 19 (Ampel; unkritisch); Klappen-
bach-Steinitz, Wb. d. dt. Gegenwartsspr. I, 119.

Das ahd. Wort entstammt der lat. Bezeichnung
ampulla für ein kleines zweihenkeliges
Fläschchen
(daraus auch italien. ampolla, frz.
ampoule), und wurde, wie so viele kirchliche
Ausdrücke (vgl. ahd. temparôn < temperāre),
erst nach der hd. Lautverschiebung in den dt.
Sprachgebrauch übernommen, daher lat. -mp-
nicht > -mpf-, sondern > -mp-, -mb-. Es hat
sich fast in allen germ. Sprachen eingebürgert,
z. T. wohl auf dem Weg über das Afrz., Aengl.
oder Deutsche: as. amballa (Wadstein, Kl. as.
Spr.denkm. 76 Z. 17), mndd. ampulle, häufig
ap(p)ulle, ap(p)olle Kanne oder Krug, bes. in
gottesdienstl. Gebrauch
, auch schon pulle;
mndl. ampul(l)e, ap(p)ulle (aus dem Frz.?), pulle
(so schon in Schueren, Teuthonista 1475), nndl.
ampul, pul (und mit zurückgezogenem Akzent
ampel, ampla), zum Verlust des anl. am-,
a(p)- vgl. nndl. muts < almútse, toffel < pantóf-
fel, frz. la Pouille < l’Apouille; afries. åmpel;
ae. ampella, -o-, -u-, -e; me. ampulle, -o- (beein-
flußt durch afrz. ampo[u]le); ne. amp(o)ule,
ampulla, älter ampul; die skand. Formen sind
besonders mannigfaltig: anord. ampli, -e wird,
wie so viele liturgische termini, meist auf ae.
ampelle zurückgeführt, oder auf mndd. ample
(?), könnte sich aber auch aus dem Nom. Sg. zu
einem als Kasus obliquus verstandenen adt. am-
pla erklären (so O. Höfler, Ark. f. nord. Fil. 47
[1931], 263); ähnlich anord. ampulli m., dazu
ampull(r), ampúll m. und ampulla f., die alle-
samt von der Vollform lat. ampulla herrühren,
wenn auch vielleicht auf dem Weg über
Deutschland; desgl. aschwed. und ält. ndän.
ampul m. (neben aschwed. ampla f.) und später
schwed. sowohl wie dän. ampel (s. auch ampla).

Mittellat. Wb. I, 597; Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 616;
Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr. 431; Wartburg, Frz.
et. Wb. (Neubearb.) XXIV, 488 ff.; Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. I, 1, 72. 117; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 39. 527 (pul); Vries, Ndls. et. wb. 16. 553; Holt-
hausen, Afries. Wb. 3; ders., Ae. et. Wb. 4; Bosworth-
Toller, AS Dict. 37; Suppl. 36; ME Dict. AB, 262;
OED I, 295; Vries, Anord. et. Wb.2 8; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 939; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord.
4; Hellquist, Svensk et. ordb.3 17; Svenska akad. ordb.
A1220. 1222 (ampla ); Ordb. o. d. danske sprog I,
525.

Das lat. Wort ampulla seinerseits, < *ampor-la mit
Assimilation von rl > ll (s. Leumann, Lat. Laut- u.
Formenlehre 143) und unbetontem o > u vor mehr-
facher Konsonanz (ebd. 74. 82), ist eine Diminutiv-
form des aus gr. ἀμφορεύς adoptierten amp(h)ora,
dessen Labial zunächst als unaspirierte Tenuis ge-
sprochen wurde (ebd. 159 f.). Während aber dieser
Laut sich im Laufe der Zeit in einen stimml. Spiran-
ten wandelte (vgl. Appendix Probi, Grammatici latini,
ed. Keil, IV, 199: amfora non ampora), ging das Di-
minutiv ampulla im Sprachbewußtsein nicht mehr
mit dem Simplex assoziiert seine eigenen Wege und
behielt die volkstümliche -p-Aussprache bei. Der
Wandel der gr. Endung -εύς zu lat. -a erklärt sich am
besten aus dialektischen Nebenformen auf gr. -ή
(vgl. gr. ποιητής > lat. poēta); das Fem. von ampulla
ist wohl der Analogie zu sinnverwandten Ausdrücken
wie aulla oder urna zu verdanken (s. A. Debrunner,
IF 46 [1928], 91 f.).

Thes. ling. lat. I, 2018 f.; Walde-Hofmann, Lat. et.
Wb. I, 42; Ernout-Meillet, Dict. et. lat.4 30; Leumann,
a.a.O. 456.

Während ahd. ampulla in den lebenden Mdaa. nie
heimisch geworden ist, hat die schon fürs Mittelndd.
und -ndl. belegte (vgl. mndd. pullkrōch) und auch in
den ndd. und md. Mdaa. von heute gängige Kurz-
form Pulle in der Umgangssprache weithin Eingang
gefunden (Klappenbach-Steinitz, Wb. d. dt. Gegen-
wartsspr. IV, 2895: salopp). Vgl. auch Dialektwbb.
wie Müller, Rhein. Wb. V, 1179 f.; Vilmar, Id. von
Kurhessen 307; Berthold, Hessen-Nassau. Volkswb. II,
702; Spangenberg, Thür. Wb. IV, 1306; Mitzka,
Schles. Wb. II, 1045; Woeste, Wb. d. westf. Mda. 206;
Schambach, Wb. d. ndd. Mda. 161; Dähnert, Platt-Dt.
Wb. 362; Wossidlo-Teuchert, Meckl. Wb. V, 633, u. a.

S. auch ampla, eimbar.

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