*anutrecho
Band I, Spalte 293
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*anutrecho m. n-St. Enterich, anas, anetus,
nur im Nom.Sg. und nur in Gl. (7 mal, aber in
fast doppelt so viel Hss.) belegt mit geringfügi-
gen Modifikationen wie anet-, anit-, ant- im er-
sten und fast immer -recho oder -reche im zwei-
ten Wortglied, außer einmal -roch (mfrk./
rhfrk.) und einmal -rache (böhm.-obd.?), des-
sen Vokal wohl der obd.-velaren Aussprache
des -ch zuzuschreiben ist. Im liter. und späte-
ren Mhd. wird das in seiner Zss. nicht mehr
verstandene Wort regelmäßig zu antreche
sw.m.; daneben begegnen antrach, antreich, ent-
rech (mit Umlaut) und, wohl in Analogie zu
ganserich, auch schon entrich. Nhd. gilt Ente-
rich, doch bestehen daneben zahlreiche wort-
geographische Varianten, s. Mitzka-Schmitt,
Dt. Wortatlas II, Karte 4851: Enterich im SW,
Enter(er) SO, Erpel NO, Woerd, Waard, Woord
NW.

Ahd. Wb. I, 611; Starck-Wells 32; Graff I, 336;
Schade 19 (anetrëcho); Lexer I, 81; Benecke I, 193;
Dt. Wb. I, 502; III, 512; Kluge21 167. Vgl. Suolahti,
Dt. Vogelnamen 423 f.

Das Wort scheint nur auf deutschspr. Boden
beheimatet, so mndd. neben ānde-, ēnderik
meist āntreke, ān(t)drāke, davon abstrahiert
mndd. drāke; im Ndl. findet sich, aber erst bei
Kilian (Ende 16. Jh.), die Form endtrick für
männl. Ente, die stark an mndd. Formen erin-
nert; im Engl., das überhaupt keine Zss. kennt,
kommt erst im 13. Jh. das Wort drake auf, das
gleichfalls dem Mndd. entspricht und bis heute
gilt. Die ostskand. Bezeichnungen dürften al-
lesamt aus dem Mndd. entlehnt sein, so ält.
dän. anddrage (auch nur drage), ndän. andrik,
nschwed. andrake; dagegen aisl. andarsteggi,
nnorw. andestegg, aber auch andrik.

Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 108 f.; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. I, 108 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 175; ME Dict. CD, 1273; OED III, 639; Falk-
Torp, Norw.-dän. et. Wb. 27; Ordb. o. d. danske sprog
I, 567; Kalkar, Ordb. til æ. danske sprog I, 378. V, 34;
Hellquist, Svensk et. ordb.3 19; Cleasby-Vigfusson,
Icel.-Engl. Dict. 764; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 718.

Die Erklärungen des Wortes fallen in zwei
Gruppen, je nachdem man für den problemati-
schen zweiten Teil des Komp. eine mit Dental
beginnende Vokabel oder eine solche mit anl. r-
zugrundelegt. Für die erstere Möglichkeit hat
man, ohne viel Belege, ein westgerm. *drako-
Männchen, männl. Ente angesetzt, das nach
manchen mit dem aus lat. draco entlehnten ahd.
dracho Drache kontaminiert worden sein soll
(s. B. Liebich, PBB 23 [1898], 230; Trübners Dt.
Wb. II, 235), oder man zog das nur nordgerm.
belegte aisl. drák (mit -ā-) Streifen samt dem
mdartl. nschwed. drākig und ndän. drāget ge-
streift
heran, Skeat, Et. Dict. of Engl. 181, oder
man setzte gar ahd. *-trecho voraus, ein nir-
gendwo bezeugtes nomen agentis zu trechan
st.v. IV schieben, stoßweise ziehen, das auch
bed.mäßig fernesteht, Vorschläge, die weder
formal noch semantisch und ebensowenig vom
Gesichtspunkte der Wortbildung überzeugen.
Im einzelnen ist zu bedenken, daß sich in der
gesamten verhältnismäßig reichen ahd. Überlie-
ferung kein einziger Beleg mit den zu erwarten-
den zwei Dentalen in der Kompositionsfuge
findet; der Stammvokal des zweiten Wortglieds
ist, mit zwei Ausnahmen (s. o.), germ. -e-, das
auch durch mdartl. Aussprache der Gegenwart
bestätigt wird (schwäb. --, -ǝ-, Fischer,
Schwäb. Wb. I, 276 f., sowie Jutz, Vorarlberg.
Wb. I, 721: Enterich [entǝrǝx] heutiges -ǝ-
ist auffallend
); und schließlich: die konse-
quent belegte Schreibung -ch- führt auf germ.
-k- (idg. -g-) zurück. Kein Zweifel, die wahr-
scheinlichste Grundform ist ahd. -recho, ein no-
men agentis zu einem in dem ahd. Kausativum
recchen ausrichten, extendere (s. d.) sowie as.
rekōn richten, ordnen, ae. racian leiten, len-
ken
, recen adj. bereit vertretenen Stamm *rek-
(< idg. *re-, s. F. Holthausen, IF 20
[190607], 329; Walde-Pokorny II, 364; See-
bold, Germ. st. Verben 373 f.); der ahd. Bildung
entspricht in Form und Funktion das zweite
Wortglied in anord. nautreki m. Kuhhirt,
sauðreki Schaftreiber, landreki Land(es)füh-
rer
u. a. (während anord. -rekr, bes. in PN, auf
älteres -ríkr zurückgehen kann, s. Hj. Falk,
Ark. f. nord. fil. 5 [1889], 264 f.); auch im A-
nord. ist das Wort nur als zweiter Teil von Zss.
belegt. Als Simplex *reki hat es wohl dem hom-
onymen und recht häufigen reki Strandgut das
Feld geräumt, so wie ahd. *recho wer ausrich-
tet, ordnet, leitet, (an)führt
dem Gleichklang
mit recho Rechen, Harke (s. d.) zum Opfer ge-
fallen sein mag.

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