arzât
Band I, Spalte 358
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arzât m. a-St. (auch n-St.) Arzt, Heilkundi-
ger, medicus, chirurgus
; daneben Quacksalber,
Gewürzkrämer, Einbalsamierer, pigmentarius
,
seit dem 9. Jh. belegt, zunächst noch neben dem
einheimischen lâchi (s. d.), den er aber bald,
wohl weil überlegen, verdrängte, bei Otfrid II
14, 11, auch bei Notker und öfters in Gl.; in Gl.
3, 187, 29 (12. Jh. obd.) steht arzate für medicus,
was doch wohl als sw. nom. sg. zu deuten ist:
gen. dat. sg. und der ganze pl. sind im Bair.
noch lange mit schw. Dekl. bezeugt (s. u.).
Mhd. arzât, arzet. Nhd. Arzt, bes. im ausge-
henden Mittelalter vielfach mit verächtlichem
Nebensinn (Kurpfuscher), so daß das im
16. Jh. aufkommende Doktor zunächst den
fachlich besser ausgebildeten Mediziner be-
zeichnete. Doch hat sich das Verhältnis der bei-
den Ausdrücke seitdem so verschoben, daß in
der Umgangssprache Doktor das Wort Arzt
überhaupt ersetzte und, bes. in Zss., es auf den
fachlich trainierten Spezialisten beschränkte
(s. u.).

Ahd. Wb. I, 669 f.; Schützeichel3 11; Starck-Wells 35;
Graff I, 477; Schade 32; Lexer I, 98; Benecke I, 63;
Adelung, Gr.-krit. Wb. d. hd. Mda. I, 400 (Markt-
schreier, Quacksalber, Pfuscher
); Dt. Wb. I, 577;
XIV, 2, 1769 ff.; Kluge21 33.

Wie manche anderen medizinischen Termini,
Balsam, Büchse, Pflaster, geht auch ahd. arzât
über lat. Vermittlung auf gr. Ursprung zurück.
Gr. ἀρχιατρός, zunächst Leibarzt am Seleuki-
denhof in Antiochia, war zum Titel der beamte-
ten Gemeindeärzte hellenistischer und im 5. Jh.
italienischer Städte, auch des Leibarztes der rö-
mischen Kaiser geworden, und von da fand die
Bezeichnung ihren Weg an den Hof der fränki-
schen Könige, doch wohl nicht vor dem 7. oder
8. Jh., da die eingedeutschte Form mit -z- auf
mlat. arciāter zurückgeht mit -c-, gesprochen
[ts] vor Palatal, ein Lautwandel, der nördlich
der Alpen nicht vor Ende des 6. Jh.s angesetzt
werden kann (Grandgent, Vulgar Latin § 260);
Umlaut unterblieb vor r + Kons., Braune, Ahd.
Gr.13 § 27 Anm. 2 b. Auch war die Entlehnung
von mlat. arciāter als Bez. für den gewöhnli-
chen Arzt auf den germ. Teil des Frankenrei-
ches beschränkt; im roman. Teile, für den
aprov. archeadre, mfrz. nfrz. archiâtre (spätere
Entlehnungen?) im Sinne eines Bezirksarztes
belegt sind, haben sich die sprachlichen Nach-
fahren von lat. medicus durchgesetzt.

Daran ändert sich auch wohl nichts durch H.
Schuchhardts Hinweis auf acheter Arzt im
Baskischen (Zfrom.Ph. 16 [1892], 521 f.), eine
wie lautlich nachweisbar sehr frühe und ver-
einzelte Entlehnung von mlat. arciāter, von der
aus nicht auf eine ehemals ausgedehnte Ver-
breitung des Wortes in der Westromania ge-
schlossen werden darf (W. Meyer-Lübke, Arch.
f. d. St. d. neueren Spr. 126 [1911], 186 ff.).

Thes. ling. lat. II, 460 f. (qui habeat summam in arte
notitiam
); Mittellat. Wb. I, 879 f. (1. Oberarzt; 2.
Arzt); Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 815; Wartburg,
Frz. et. Wb. (Neubearb.) XXV, 2, 95. Vgl. auch G.
Richter, PBB 88 (Halle, 1966), 262 ff.

Die Herleitung von ahd. arzât aus mlat. arciāter
wird schlagend bestätigt durch überlieferte For-
men aus dem sonstigen adt. Sprachgebiet:
aostndfrk. ercetere (mit Anlehnung an das Suf-
fix ahd. -ri, andd. -eri, -ere; Helten, Aostndfrk.
Psalmenfragmente 66 und Anm. zu Z. 200; auch
mit Umlaut im Ndfrk. trotz folgendem r +
Kons., ebd. 117 § 3), mndl. arsatere mit Neben-
formen wie aers-, ers-, aerts-, -arte, -ater, -eter;
arsete, arsate, arste, arst; eersitter, aertser, artzeder
(zum anl. Vokal vgl. Franck, Mndl. Gr. § 33. 46.
65), die allesamt gegen die früher vertretene
Herleitung aus lat. artista sprechen, während
nndl. arts wohl aus dem Hd. entlehnt ist; nicht
eindeutig geklärt ist die Herkunft von mndd.
arste, arzste, erste u. ä., nndd. arste. Für Afries.
wird ein sw.v. ersedia heilen gemeldet. Im
Engl. (ae. lǣce), Skand. (aisl. lǽknir) und Got.
(lēkeis) fehlt jede Spur dieses lat. Lehnworts.

Verdam, Mndl. handwb. 45; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 21 f.; Vries, Ndls. et. wb. 20 f.; Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. I, 1, 124; Schiller-Lübben, Mndd.
Wb. I, 130; Holthausen, Afries. Wb. 21.

Der gr. Prototyp ἀρχιατρός ist eine Zss. aus ἀρχ- an-
führend, oberst, erst
( archengil) und -ιατρός
Arzt, einer Ableit. von ἰάομαι (< *sā-o-mai) heile
(trotz schwankender Quantität des anl. ι, s. Frisk I,
705); dagegen bleibt umstritten, ob es weiter zu
ἰαίνω erwärmen, erquicken gehört und damit zu ei-
ner Basis *is-: *es-: *os-.

Walde-Pokorny I, 106 f.; Pokorny 299 ff.; Frisk, Gr.
et. Wb. I, 702. 704 f. 712 ff. (ἱερός); Chantraine, Dict.
ét. gr. 452. 783; Boisacq, Dict. ét. gr.4 362 f.

In den heutigen Mdaa. ist das Wort Arzt fast allge-
mein durch das umgangssprachliche Doktor ersetzt;
wenn gebraucht, bes. in spezialisierenden Zss., wird
es als hochsprachlich empfunden, außer in Mühlarzt,
das vor allem im Mitteldt. für einen Ausbesserer von
Mühlen
verwendet wird. Vgl. Schweiz. Id. I, 434 (Ar-
chiater noch als offizieller Titel des ersten Stadtarz-
tes
). 496; Ochs, Bad. Wb. I, 73 f.; Fischer, Schwäb.
Wb. I, 335 (im 16. Jh. ... ist D. der gelehrte, A. der
ungelehrte
); Schmeller, Bayer. Wb.2 I, 153 (= Kur-
pfuscher
, auf Jahrmärkten, daher: er kann reden wie
ein Arzt
); Kranzmayer, Wb. d. bair. Mdaa. in Österr.
I, 382 (früher auch oft schw. Dekl.; auch war Bader
noch weitverbreitet, II, 76 f.); Maurer-Mulch, Südhess.
Wb. I, 355 (Mühlarzt); Jungandreas, Ndsächs. Wb. I,
506 f. (Arst[e]); Wossidlo-Teuchert, Mecklenb. Wb. I,
443.

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