firina
Band III, Spalte 287
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firina f. ō-St., im Abrogans und weiteren
Gl., Murb. H., Musp.: Sünde, Frevel, Verbre-
chen, crimen, facinus, piaculum, scelus
Var.:
uirina; verschrieben Gl. 2, 401, 17 fint. Mhd.
virne Missetat, Schuld, Sünde.

Ahd. Wb. III, 904; Splett, Ahd. Wb. I, 237; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 275; Schützeichel5 134; Starck-Wells
156; Schützeichel, Glossenwortschatz III, 177; See-
bold, ChWdW8 128; Graff III, 679; Schade 198; Le-
xer III, 366; Benecke III, 327; Götz, Lat.-ahd.-nhd.
Wb. 159 (crimen). 253 (facinus). 491 (piaculum). 592
(scelus).

Das Wort ist urgerm. Alters: as. firina böse
Tat, Sünde, Frevel
; afries. firne, ferne Verbre-
chen
; ae. firen Verbrechen, Schuld, Sünde,
Gewalttat, Qual, Leiden
; got. fairina Schuld,
Vorwurf
: < urgerm. *ferinō-.

Daneben finden sich im Nordgerm.: aisl., nisl.
firn n. etwas Außerordentliches, Frevel, Wun-
der
, fär. (nur in der Weiterbildung) fi(r)n-dar-
außerordentlich, nnorw. firne, firn: < urgerm.
*ferinu-.

In den einzelnen germ. Sprachen haben die
Fortsetzer von urgerm. *ferinō- eine ins Ethi-
sche weisende Konnotation. Im Ahd., As. und
Ae. bedeutet das Wort Verbrechen, Sünde im
kirchlichen Sinn. Dagegen bezieht sich got. fai-
rina nicht nur auf die Schuld Christi, die Pilatus
ihm unterstellt, sondern auch auf die Schuld des
Ehebruches als Scheidungsgrund und letztend-
lich auf den Vorwurf überhaupt (wobei diese
Bedeutungserweiterung durch das danebenste-
hende Verb fairinon tadeln bedingt ist). Und
im Aisl. bezeichnet firn Handlungen, die im Wi-
derspruch zur Sitte stehen im überwiegend
rechtlichen Sinn, wie etwa Totschlag, Freiheits-
beraubung, Ehrenkränkung oder Abfall von der
Religion. Da sich die aisl. und got. Bedeutungen
berühren, ist urgerm. *ferinō- Vorwurf, Schuld
ein Wort der Rechtssprache (eigtl. das Außer-
gewöhnliche, aus dem Althergebrachten Her-
ausfallende
), das im Westgerm. im kirchlichen
Gebrauch zur Bezeichnung der Ursache der
Schuld, z. B. des Lasters, gebraucht wurde.

Weil Handlungen, die im Gegensatz zur Sitte stehen,
als außerordentlich schlimme Handlungen betrachtet
werden, konnten die Fortsetzer von *ferinō- als Kom-
positionsvorderglied auch lediglich zur Verstärkung
des Zweitgliedes dienen, wie etwa in: ahd. firinlust, as.
firinlusta, ae. firenlust zunächst außergewöhnliche
Lust
, dann Geilheit, Üppigkeit, aisl. firinillr sehr
böse
(C. Biener, PBB 67 [1944], 56 ff.; J. Weisweiler,
IF 41 [1923], 29 ff.; Ilkow, Nominalkomposita
125 ff.).

Fick III (Germ.)4 231; Holthausen, As. Wb. 20; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 132 f.; Berr, Et. Gl. to Hel. 122; Wad-
stein, Kl. as. Spr.denkm. 239; Holthausen, Afries.
Wb.2 27; Richthofen, Afries. Wb. 43; Holthausen, Ae.
et. Wb. 105; Bosworth-Toller, AS Dict. 288; Vries,
Anord. et. Wb.2 121; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 545;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog I, 418; Holthau-
sen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 62; Torp, Nynorsk et.
ordb. 106; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 139 f.; Lehmann,
Gothic Et. Dict. F-13. Wißmann, Älteste Postverbalia
70 f.

Die Etymologie ist unsicher. Es stehen sich zwei
Vorschläge gegenüber:

1. Das Wort ist eine Ableitung mit dem Verbal-
substantiva bildenden Suffix urgerm. *-inō- von
der uridg. Verbalwurzel *per- versuchen, pro-
bieren, riskieren
( fâra), die nur nominal in gr.
πεῖρα Versuch (vorurgr. *pera- < uridg. *pe-
riǝ- [**periH2-]) und arm. pcorj Versuch (ent-
weder < uridg. *poro- [Olsen, Noun in Bibl.
Arm. 14] oder < *por-ho- [Klingenschmitt,
Altarm. Verbum 167]) auftritt; vgl. auch lat. pe-
rīculum Gefahr (< *perī-tlo- [**periH2-tlo-]).
Unklar ist die Zugehörigkeit von toch. A pare, B
peri Schuld, da dies vielleicht eher Lehnwort
aus einer iran. Sprache (vgl. av. pāra- Schuld)
ist (vgl. W. Thomas, Zfvgl. Spr. 100 [1987], 61;
Adams, Dict. of Toch. B 395 f.). Falls die toch.
Wörter aber doch zugehörig sind, läge dieselbe
semantische Entwicklung wie im Germ. vor.

2. Urgerm. *ferinō- ist von urgerm. *fer- über -
hinaus
( fir-) in der Bedeutung über das
Recht/Übliche Hinausgehende
abgeleitet.
Zwar sind substantivische Ableitungen mit dem
Suffix *-(i)nō- von Präpositionen und Adver-
bien sonst nicht bezeugt, doch wäre die semanti-
sche Seite dieser Verbindung plausibel.

Walde-Pokorny II, 29. 31; Pokorny 818; Mann, IE
Comp. Dict. 923; Boisacq, Dict. ét. gr.4 756 f.; Frisk,
Gr. et. Wb. II, 489 f.; Chantraine, Dict. ét. gr. 870;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II, 288 f.; Ernout-Meil-
let, Dict. ét. lat.4 498 f.; Windekens, Lex. ét. tokh. 93.
Krahe-Meid, Germ. Sprachwiss. III § 94; Grienber-
ger, Unters. z. got. Wortkunde 63; Solta, Stellung d.
Arm. 342.

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