*âbar, âber
Band I, Spalte 16
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*âbarAWB, âberAWB adj. sonnenbeschienen, schnee-
frei, apricus
; nur in Gl. Formen: aber Gl. 2,
559, 18, abren dat. pl. 2 mal, apremo, apirin dat.
sg. n. st. und sw.: alle Belege 11. Jh.. Mhd.
âber trocken und warm nach der Nässe und
Kälte
; schneefrei; auch von Geld und Gut
entblößt
. Nhd. ist das Wort in der mdartl.
österr. Form āper (mit -p- für -b- und langem
ā- für umgelautetes ǣ-) jüngst zu einem Fach-
wort des Schisports geworden; zu anderen
mdartl. Varianten s. u.

Ahd. Wb. I, 11; Starck-Wells 13; Graff I, 99; Schade
2. 4; Lexer I, 11. 605; Nachtr. 9; Benecke I, 4; Dt.
Wb. I, 31 f.; Kluge²¹ 27; Wahrig, Dt. Wb. 420.

Das Wort ist viel umstritten und noch unerklärt.
Denn immer wieder, wie vielleicht schon in ahd. Zeit,
haben die formale Ähnlichkeit sowie die auffallend
genaue Übereinstimmung einer der Bedeutungen von
ahd. âbar und seinen Nachfolgern mit lat. aprīcus
dazu verlockt, einen Zusammenhang der beiden Wör-
ter wahrscheinlich zu machen (zu aprīcus s. Walde-
Hofmann, Lat. et. Wb. I, 59). Und doch: im Gegen-
satz zu lat. aprīcus ist das anl. â- von ahd. âbar lang,
wie sich aus der mdartl. Aussprache im Bair.-Österr.,
Schweizerdt., Schwäb. u. a. ergibt (s. vor allem Kranz-
mayer, Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. I, 266 f.); außer-
dem würde man als Reflexe der Lautgruppen -pr-
und -ic- in den ahd. Gegenstücken des 11. Jhs. -pfr-
(vgl. lat. cuprum - ahd. kupfar) und -ich- (vgl. lat. tu-
nica - ahd. tunicha) erwarten (Braune, Ahd. Gr.¹³
§ 96b. 225). Dazu kommt der ungleich weitere Be-
deutungsumfang der ahd. Vokabel (s. u.).

Auch die Verknüpfung mit dem in gr. ἤπειρος Fest-
land, Ufer
, mhd. uover Ufer vertretenen Etymon
würde eine andere Ablautsstufe sowohl wie gram.
Wechsel voraussetzen, ganz zu schweigen von der
evidenten semantischen Diskrepanz der beiden Wör-
ter; außerdem fehlt auch für das letztere jede über-
zeugende Etymologie (s. Walde-Pokorny I, 47).

Wieder andere Vorschläge gehen von ahd. aba, mhd.
ab(e) präp. oder adv. aus. So meinte Fischer, Schwäb.
Wb. I, 18, daß die Wurzel von nhd. ab zugrundeliege,
das Schweiz. Id. I, 39 versteifte sich gleichfalls auf den
in āben sw.v. abgehen, abnehmen enthaltenen
Stamm, für den jedoch keine älteren Belege oder Pa-
rallelen mit langem ā- zu finden sind; ähnlich schon
I. Petters, Zfösterr. Gymn. 18 (1867), 119. Aber die
Probleme der Ablautstufe, Wortbildung und des
Sachgehalts dürften sich als unüberwindbar erweisen.
Auch ein vierter Ansatz, der wohl von sehr verein-
zelten skand. Parallelen mit af-, nnorw. dial. avberr
aufgetaut, avberra schneefreie Stelle, seinen Aus-
gang nahm und besonders von Kranzmayer, a.a.O. I,
266 ausführlich erörtert wird, operiert mit älterem
*aba-, doch nur um das anl. lange â- von ahd. âbar
im Sinne einer Kontraktion des intervok. -b- zu er-
klären (also < *aba-bar[i]); aber der spurlose
Schwund in sämtlichen Belegen aus dem 11. Jh.
macht stutzig. Dazu kommt, daß die heutige Ausspra-
che des anl. ā- in den (konservativsten) Mdaa. dt.-
österr. Sprachgebiets und anderswo sich nur aus al-
tem â- (< urg. *ǣ-) rechtfertigen läßt.

So bleibt, von ahd. *âbar/âber aus gesehen, als
formal und, wie sich zeigen wird, auch seman-
tisch befriedigendste Lösung nur eine Analyse
des Wortes im Sinne von â + bar (möglicher-
weise + ber), und zwar von â- in der Bedeutung
fehlend, abwesend, fort (s. d.) und von -bar als
einer adj. Ableit. von beran tragen (< *bher-)
(s. d.). An Parallelen bieten sich ahd. zwibar, zu-
bar
(s. d.), eigtl. Zwei-Träger, d. i. durch Zwei
getragenes Gefäß
, oder ahd. eimbar (s. d.) Ei-
mer
, das wenn auch ursprl. von gr. ἄμφορα
ausgehend doch sichtlich als Ein-Träger, d. i.
von Einem Getragenes verstanden wurde. Be-
steht diese Annahme zurecht, so ist ahd. âbar
wörtlich als Fort- oder Nicht- oder Un-Träger
zu fassen, wobei nicht ausschließlich wie etwa
bei Viehwirtschaft im Gebirge oder beim Jagen
oder im Wintersport an nicht-Schnee-tra-
gend
zu denken ist. Bezeichnenderweise mel-
den die heutigen Mdaa. fast immer auch andere
Bedeutungen und zwar: kein Getreide (mehr)
tragend
, d. h. entweder unangebaut oder leer
geerntet
(Fischer, Schwäb. Wb. I, 18 f.), frei
von Steinen, Geröll, Humus oder auch von
Wolken (Himmel)
(Schweiz. Id. I, 39 f.), ja,
selbst von fehlendem Haarwuchs, also =
glatzköpfig, kahl, kurzum, leer überhaupt,
an Geld, Vorräten und dgl. mehr.

Kranzmayer, Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. I, 268;
Schmeller, Bayer. Wb.² I, 13; Lexer, Kärnt. Wb. 8;
Schatz, Wb. d. Tirol. Mdaa. 27 (schneefrei, wolken-
los, abgeräumt
); Schöpf, Tirol. Id. 16; Jutz, Vorarlb.
Wb. I, 9; Fischer, Schwäb. Wb. I, 18 f.; Ochs, Bad. Wb.
I, 6; Schweiz. Id. I, 39 f.

Formal ist ahd. â-bar eine adj. Zusammenbil-
dung wie etwa â-herz, â-teil (s. d.), also ein a-/
ô-St., obwohl gerade ahd. in solchen Fällen die
ja-/jô-St. häufiger sind, etwa â-teili (< *ā-teil-
ja) unteilhaftig (s. d.) oder auch subst. Paare
wie â-werf â-wirfi Frühgeburt bzw. übertr.
Ausstoßung (s. d.) oder â-werk â-wirki
(Flachs)Abfall (s. d.). Tatsächlich ist im Mhd.
ein subst. æber st. n. (< *ābar-ja) schneefreier
Ort
belegt (an vielzitierter Stelle in Wolframs
Parzival 120, 5) und darüber hinaus mhd.
æbere sw. f. (< *ābar-ī-; Lexer, I, 12 verzeich-
net æberi st. f., auch das Wolframsche æber
wird oft damit identifiziert), beide mit Umlaut.
Diese Bildungen haben ihre Gegenstücke in
ahd. â-riub â-riubî oder â-bulgi â-bulgî (s.
d.). Lautgesetzliche Entsprechungen finden
sich weitgehend in den oben zitierten Mdaa.;
ja, so erklären sich auch die vielfachen mdartl.
Dubletten des Adj., mit und ohne Umlaut.

Sieht man sich in den anderen germ. Dialekten
nach Parallelen um, so stößt man im Skand. auf
die schon zitierten nnorw. avberr und avberra,
in denen das Präfix af- den negativen Sinn von
westgerm. *ǣ- übernommen zu haben scheint,
so, wie etwa ein aus mndd. āmacht entlehntes
ält. dän. amagt in ndän. afmagt umgeformt
wurde.

Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 12; Ordb. o. d. danske
sprog I, 226; Torp, Nynorsk et. ordb. 10 (avberr);
Norsk ordbok I, 282.

Problematischer ist das Verhältnis von ähnlich lau-
tenden Formen in Altengl. und Altfries.: ae. ǣbǣre,
auch ǣ-, ēbēre, gelegentlich ābǣre offenbar, manife-
stum
, afries. ābēre, āu- (āv-)bēre dss.. Die meisten
Belege des ae. Wortes sprechen für Langvokal in der
zweiten Silbe (schwerlich kurz e), also für eine Her-
kunft des zweiten Wortteils aus urg. *-bǣrja-, west-
germ. *-bǣri, ebenfalls eine Ableit. aus der idg. Wz.
*bher-, aber mit Dehnstufe -ē- und -j-Erweiterung,
die auch in mhd. -bære und zwar sehr viel häufiger
als im Ahd. vertreten ist. Dagegen führt der Anlaut
ǣ-, ē- im Ae. eindeutig auf dasselbe urg. Präfix *ǣ-
zurück wie der Anlaut in ahd. âbar (die gelegentliche
Schreibung ā- ist wohl durch Vermischung mit einer
anderen ae. Vorsilbe zu erklären). Während aber im
Afries. das urg. Präfix *ǣ- nur als ē- erscheinen
könnte (Steller, Abr. d. afries. Gr. § 12), bieten die
überkommenen Belege ā-, gelegentlich āu- (āv-), die
aus urg. *au()w-i- (vgl. afries. a(u)wia, ae. ēawian
zeigen, ahd. auui-zoraht Gl. 1, 224, 36 manifestum)
abzuleiten sind: urg. au > afries. ā (Steller, a.a.O.
§ 19); Umlaut verhindert durch folgendes -w- (Hel-
ten, Aostfries. Gr. § 35) und intervok. -w- vor i fällt
aus (Helten, ebd. § 86, 1) (die gelegentliche Schrei-
bung āu-, āv- ist durch Analogie zu Formen ohne fol-
gendes i verursacht). Nicht eindeutig sind Quantität
und Herkunft des Mittelvokals in afries. ā(u)bēre, da
der Umlaut von westgerm. langem und kurzem a sich
in afries. Schreibung gleichermaßen als e nieder-
schlägt; doch scheint das ausl. -e für älteres *-bāri zu
sprechen (so Holthausen, Afries. Wb. 1; W. van Hel-
ten, PBB 14 [1889], 233 f. Anm. 3 postuliert ein nach-
träglich gekürztes e; s. auch Steller, Afries. Gr.
§ 21). Wie dem auch sei, es handelt sich also im Alt-
engl. um eine Bildung, die nur im Präfix zu ahd. âbar
stimmt, während das scheinbare afries. Gegenstück
überhaupt nicht dasselbe Präfix enthält und wohl im
zweiten Wortteil, genau wie ae. ǣbǣre, auf eine ver-
wandte aber formal anders gestaltete Wortbildung
ausgeht; noch viel weniger decken sich die beiden Pa-
rallelen in ihrer übertr. Bedeutung offenbar mit der
von ahd. âbar/âber.

Holthausen, Ae. et. Wb. 15; Bosworth-Toller, AS
Dict. 8 (ǣbær und ǣber). 238 (ēbere-morþ homicidium
manifestum
); Suppl. 9 (ǣbǣre, æbēre, auch ābǣre);
ME Dict. E-F, 3 (ēbere); OED I, 15; III, 2, 26
( eber); Holthausen, Afries. Wb. 1. 4; Richthofen, A-
fries. Wb. 615. H. Weyhe, Streitberg-Festgabe (1924)
395 ff.; Lessiak, Dt. Konsonantismus 226 ff.

Allerdings ist eine weitere Möglichkeit für das
ahd. Wort nicht ganz von der Hand zu weisen,
nämlich eine Grundform *ā-ber-, also mit idg.
-e- statt -o-Stufe, wie sie bei aktiver Funktion
des betreffenden Wortteils häufiger aufzutre-
ten scheint, vgl. ahd. â-wert (zu werdan) abwe-
send
, oder, mit verschiedenem Präfix, ahd. un-
bera adj. nom. sg. f. nicht-tragend (d. i. nicht-
gebärend)
neben ahd. unbâri; dazu mhd. un-
ber-haft. Auch bei diesem Ansatz müßte, um die
späteren Formen mit Umlaut der Stammsilbe
zu rechtfertigen, eine -ja-Variante als Neben-
form postuliert werden, ahd. *â-biri (< *āber-
ja-), wie sie sich in dem überlieferten apirin
dat. sg. n. sw. (s. o.) möglicherweise verbirgt.
Ein solches Nebeneinander von ahd. âber und
*âbiri (mhd. âber und æber) würde gleicher-
weise auch die in den obengenannten Mdaa.
kursierenden Varianten mit und ohne Umlaut
erklären.

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