ant-
Band I, Spalte 268
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ant- präf. vor Subst. etwa mit der Bed. ent-
gegen
; vor Verben auch von ... weg, los (zur
Bed. vgl. Wilmanns, Dt. Gr. II, § 111 ff.). In No-
minalkomp., wo das Präf. betont war, blieb das
a- durchaus ungeschwächt: z. B. antfang Emp-
fang
, antheiz(a) Gelübde, antwurti Antwort
usw. (zu scheinbaren Ausnahmen s. Braune,
Ahd. Gr.13 § 73 Anm. 4; Schatz, Ahd. Gr. § 73
Ende); vor Verben dagegen erlitt das unbetonte
Präf. schon früh eine Schwächung zu int- (der
häufigsten ahd. Form), ent-, spätahd. selten
unt-; auch mit Verlust des t vor folgenden
Kons. in-, en-, un-, älter an-, wobei es manch-
mal mit dem Präf. in- zusammenfiel (s.d.): z. B.
in(t)fliohan entfliehen, in(t)lâzan loslassen,
in(t)lûchan aufschließen usw.

Auffällig sind zweisilbige Formen, nur fünfmal bei
Tatian in anta-/antelengita antwortete (auch a ein-
mal radiert in ant(a)lingonti Tat. 2, 9) neben norma-
lem ant-; auch einmal in der spätbair. Gl. 2, 184, 52
antaparun; vgl. Schatz, a.a.O.; E. Sievers, Böhtlingk-
Festschrift 110.

Dieser Wechsel von betontem Nominalpräf.
und unbetontem Verbalpräf. war mhd. noch
vorhanden: vgl. z. B. mhd. antheiz Gelübde:
entheizen geloben usw. Nhd. ist aber das be-
tonte Präf. ant- nur noch in Antlitz, Antwort
und anheischig (mhd. antheizec) erhalten, wäh-
rend das Verbalpräf. ent- noch ganz geläufig
ist.

Ahd. Wb., Schützeichel3 und Starck-Wells haben kei-
nen Ansatz ant-, sondern behandeln nur die einzelnen
Zss.; Graff I, 352 ff.; Schade 17; Lexer I, 79; Benecke
I, 47; Dt. Wb. I, 495 (ant-); III, 488 f. (ent-); Kluge21
25 (ant-). 166 (ent-). Braune, Ahd. Gr.13 § 73 und
Anm. 14; Schatz, Ahd. Gr. § 73 ff.; Wilmanns, Dt. Gr.
I, § 324. 346 (zur Betonung); II, § 111 ff.

Als selbständige Präp. ist das Wort nur im as.
ant bis zu, afries. and(a), end(a) in, an und
got. and entlang, über ... hin, auf ... hin be-
legt; das Präf. kommt aber in allen germ. Spra-
chen vor: as. and-, ant- (sowohl bet. wie un-
bet.); mndd. ant- (bet.), en(t)-, in(t)-, un(t)- (un-
bet.); andfrk. ant- (Helten, Aostndfrk. Psal-
menfrg. 95 f.); mndl. ant- (bet.), ont- (unbet.);
nndl. ont- (ant- nur noch in antwoord und dem
ON Antwerpen); afries. ond-, and- (die in un-
bet. Stellung vorkommenden Formen und-,
un(t)- sind wohl, wenigstens zum Teil, Ablaut-
varianten [< idg. *t-; s. u.] und nicht bloß ge-
schwächte Formen von ant-, wie es bei spätahd.
unt- offenbar der Fall war); ae. and-, ond-, an-
(bet.), on- (unbet.: mit on- < an- zusammen-
gefallen; ana); aisl. and-, nd- (nur bet.);
nisl. nnorw. aschwed. adän. and-; got. anda-
(bet.), and- (unbet.).

Fick III (Germ.)4 13; Holthausen, As. Wb. 3; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 33; Berr, Et. Gl. to Hel. 28; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 108 (ant-). 550
(ent-); Lasch, Mndd. Gr. § 221 III; Franck, Et. wb. d.
ndl. taal2 19 (antwoord). 472 (ont-); Vries, Ndls. et.
wb. 17 (antwoord). 485 f. (ont-); Holthausen, Afries.
Wb. 3. 119 (unt-); Richthofen, Afries. Wb. 604. 961 f.;
Holthausen, Ae. et. Wb. 5; Bosworth-Toller, AS Dict.
39; Campbell, OE Gr. § 73 und Fn. 1; ME Dict. AB,
269; OED I, 317; Vries, Anord. et. Wb.2 9; Jóhannes-
son, Isl. et. Wb. 29 f.; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awest-
nord. 4; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 27; Torp, Ny-
norsk et. ordb. 4; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 46. S. auch
G. Schmidt, Germ. Adv. § 281 ff.; R. Lühr, Mü. Stud. z.
Spr.wiss. 38 (1979), 117 ff.

Es läßt sich also eine urgerm. Grundform *and-
ansetzen, die auf idg. *ant- (**H2ent-) mit ei-
nem kurzen Endvokal und entweder Endbeto-
nung oder Tonlosigkeit in der Proklise (wegen
Verners Gesetz) zurückgehen muß. Das got.
Präf. and(a)- setzt ein idg. *-o oder *-a voraus,
das in der Nominalzss. als -a erhalten blieb (
aba) und sonst nach den Auslautsgesetzen fort-
fiel (anders aber nicht besser E. Seebold,
Zfvgl.Spr. 82 [1968], 87; G. Schmidt, a.a.O.
§ 284); bei den einsilbigen Formen der anderen
germ. Sprachen ist der urspr. Endvokal nicht
näher zu bestimmen. Die wenigen ahd. zweisil-
bigen Formen sind wohl sekundär (vielleicht in
Analogie zu ana); ebenso die afries. nach Hel-
ten, Aostfries. Gr. § 55.

Die Verwandten in den anderen idg. Sprachen,
deren Endvokal sich mit Sicherheit identifizie-
ren läßt, gehen auf -i aus: aind. ánti gegen-
über, vor, nahe
; gr. ἀντί (unsicher, ob aus
urspr. ἄντι oder ἀντί; vgl. F. Solmsen,
Zfvgl.Spr. 44 [1911], 165 Anm. 2) angesichts,
gegenüber, anstatt
(auch Präf.); lat. ante vor,
vorher
(< *anti, indem i > e im absol. Aus-
laut; vgl. Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.4 36).
Diese werden meistens als urspr. Lokativfor-
men eines idg. Subst. (urspr. wohl Wurzelno-
mens) *ant- Vorderseite, Stirn erklärt; gr.
ἄντα gegenüber, ins Gesicht ist dann am be-
sten als urspr. Akk. *ant zu fassen; ähnlich
ἄντην dss., nach Brugmann, Grdr.2 II, 2, § 558,
5 a (S. 687) aus dem Akk. Sg. F. eines Adj.
*-ām. Vgl. auch Schwyzer, Gr. Gram. II, 68.
441 f.

Daß ἀντί und ἄντα urspr. Kasusformen eines
Subst. sind, wurde manchmal bestritten: vgl.
bes. R. Günther, IF 20 (190607), 70 ff.; zwei-
felnd Brugmann, Grdr.2 II, 2, § 616 (eher aus
*an + Dentalformantien *-ti, *-ta, wie z. B. gr.
προ-τί und κα-τά); unsicher Walde-Hofmann,
Lat. et. Wb. I, 53. Da aber im Heth. nicht nur
das postulierte Wurzelnomen *ant- Vorder-
seite, Front, Stirn
vorkommt (zwar nur einmal
als Subst.: a-an-za), sondern auch allerlei ad-
verbiell gebrauchte Kasusformen belegt sind,
wie z. B. anda demnach, also, auch Postpos.
gemäß, entsprechend (direktiv); anda (post-
pos.) gemäß, entsprechend (dat. pl.?); anti
getrennt, gesondert (dat.-lok. sg.); anza
vorn (gen.?) usw., besteht kaum mehr ein
Zweifel, daß so entstandene adv. Formen schon
gemeinidg. waren. Vgl. bes. Tischler, Heth. et.
Gl. 149 ff. (mit Lit.). Verwandte Subst. (nicht
aber Wurzelnomina) sind auch aind. ánta-
Ende, Grenze; toch. A ānt, B ānte (< idg.
*anto-) Vorderseite, Fläche, Rand, Front, Stirn
(toch. A ānt hat auch einmal vielleicht die Bed.
über; vgl. W. Couvreur, IF 60 [194952],
34 f.); air. étan (< *antono-) Stirn; vgl. auch
ahd. endi Stirn (< *ántio-), enti Ende (<
*antió-) (s.d.d.). Zur Semantik (Stirn: entge-
gen
) vgl. E. Hamp, Mü. Stud. z. Spr.wiss. 40
(1981), 53 ff.

Es liegt also nahe, auch in germ. *and- (präp.
und präf.) eine erstarrte Kasusform oder so-
gar einen Zusammenfall mehrerer Kasusfor-
men zu sehen; nur das -a von got. anda- läßt
sich nicht ohne weiteres mit einer bestimmten
Kasusform in Einklang bringen (vielleicht <
idg. *-om, akk. sg. des o-Stammes *anto-, der
z. B. in aind. ánta-, toch. ānt[e] vorkommt?).
Eine scheinbare Parallele zu *anda- bietet lit.
añt auf, zum Zwecke von, nach, zu, gegen
usw.
, alit. anta (auch mdartl.), dessen ausl. -a
aber auch unerklärt ist (Schwyzer, Gr. Gram. II,
441 f. vergleicht gr. ἄντην, was aber phonolo-
gisch unmöglich ist). Arm. ǝnd mit Gen. oder
Dat. für; mit Instr. unter; mit Akk. mit,
durch ... hin, zu, gegen usw.
scheint aus meh-
reren Quellen zusammengeflossen zu sein, ge-
hört aber wenigstens z. T. hierher. Welcher Vo-
kal urspr. im Auslaut stand, ist nicht zu ent-
scheiden.

Eine Komparativbildung zu germ. *and- liegt
in ahd. enti früher, vormals vor (s. d.); eine
schwundstufige Form *und- < idg. *t- in den
Zss. untaz (< *unt + az) und unzi (< *unt
+ zi) (s.d.d.). Auch die Konj. und: ahd. anti,
enti, inti, unti, unta usw., deren Et. umstritten
ist, gehört wohl hierher ( inti).

Walde-Pokorny I, 65 ff.; Pokorny 48 ff.; Mayrhofer,
K. et. Wb. d. Aind. I, 36; Boisacq, Dict. ét. gr.4 64;
Frisk, Gr. et. Wb. I, 112 ff.; Chantraine, Dict. ét. gr.
91 f.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 53 f.; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.4 36 f.; Hübschmann, Arm. Gr.
447; N. Finck, Zfvgl.Spr. 39 (1906), bes. 536 ff.;
Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 10; Fraenkel, Lit. et. Wb.
11; Fick II (Kelt.)4 15; Pedersen, Vgl. Gr. d. kelt. Spr.
II, § 399, 2; Tischler, Heth. et. Gl. 149 ff.; Kronasser,
Et. d. heth. Spr. 160 f.; Windekens, Le tokharien I, 163.