beizen
Band I, Spalte 524
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beizen sw. v. I, in Gl. und bei Notker: beizen,
Jagd mit Vögeln treiben, conmordere
(in dieser
Bed. nur einmal im Ahd. als Glosse zu conmor-
sum (gruarium) in der Lex Ribuaria 40, 11: gi-
beizdan gebeizten (Kranich) Gl. 2, 354, 11
(10./11. Jh.); das Gebiß anlegen, aufzäumen,
bespannen, infrenare
; (übertr.) antreiben, an-
spornen, agitare, exercere; erproben, bewähren,
spectare
Var.: p-; da die Glossen-Schreibung
mit -z- nicht zwischen Spirans und Affrikata
unterscheidet, so beweisen nur die Boethius-
Stellen bei Notker mit ihrer ausnahmelosen -z-
Schreibung für Spirans (nicht -zz-) die spiranti-
sche Aussprache (s. Braune, Ahd. Gr.13 § 160
Anm. 1): peizen Notker Boethius 318, 16 (<
*bait-j-), beizet 319, 9. 20 (< *bait-V-), beize
318, 5 (< *bait-V-), gebeizet 309, 17 (< *bait-
V-); auch in Notkers Psalmen mit ihrer weniger
verläßlichen Orthographie steht ih ... uuerde
gebeizet 118 C, 24. Mhd. beizen (nach Paul,
Mhd. Gr.20 § 61 häufiger ohne Kons.gemination
und daher mit einfachem spirantischem z, wie
allerdings erst durch spätere Schreibungen mit
-s[s]- erwiesen wird) vom Pferde steigen (um
es grasen, eigtl. beißen zu lassen); Vögel mit
Falken jagen
(eigtl. beißen oder niederstoßen
lassen) mit -ss- 13.15. Jh.; (mit Hunden) ja-
gen
; (mit Beizmittel) behandeln, ätzen, auch
übertr. mürbe machen. Nhd., aber erst im
Laufe des 17. Jh.s, hat sich in der Hochsprache
die Variante mit Affrikata durchgesetzt (s. u.),
und zwar in der zwiefachen Bedeutung (mit
Falken) auf die Vogeljagd gehen
und mit ei-
nem beizenden (ätzenden) Mittel behandeln
.

Ahd. Wb. I, 859; Schützeichel3 13; Starck-Wells 45;
Graff III, 230; Schade 47; Lexer I, 610; Benecke I,
192 f.; Dt. Wb. I, 1410 ff.; Kluge21 63; Trübners Dt.
Wb. I, 272 f.

Das Verb ist eine kausative Ableitung zu germ.
*bītan- ( bîzan). Das Nebeneinander von
beizen (mit Affrikata) und beiʒen (mit Spirans)
geht auf einen Unterschied in den Flexionsfor-
men zurück, je nachdem auf den Wortstamm
unmittelbar ein -j- folgte wie im 1. sg. und 1. 2.
3. pl. präs. und im inf.: *bait-j-, oder unmittel-
bar ein Vokal wie im 2. 3. sg. präs. und im part.
perf.: *bait-V-. Daraus ergaben sich über die
westgerm. Kons.gemination Formen mit -tt-
(allerdings wohl nur im Obd.) und solche mit
einfachem -t- und darnach im Zuge der
hochdt. Lautverschiebung Formen mit Affri-
kata bzw. solche mit Spirans. Durch paradig-
matischen Ausgleich kam es dann zu konkur-
rierenden schwachen Flexionssystemen von bei-
zen mit [-ts-] und von beiʒen mit [-s-] (s. o.
Notker), ähnlich wie im Falle von reizen/reiʒen,
heizen/heiʒen, weizen/weiʒen u. a., s. d. d., sowie
Wilmanns, Dt. Gr. I § 143, 1; Braune, Ahd. Gr.13
§ 96. 159 f.; Paul, Mhd. Gr.20 § 61 und Anm. 2.

Obwohl es noch immer an gründlichen und umfas-
senden Untersuchungen fehlt (die vor allem auch den
mdartl. Bestand von heute mit zu berücksichtigen
hätten), ist man geneigt, für das Mhd. bis zum Ende
des Mittelalters wohl mit Ausnahme des südlichen
Oberdt. ein Vorwiegen der Formen mit Spirans an-
zunehmen: kausativ beizen. Erst mit der Zeit, da mhd.
-î- in bîzen diphthongiert wird und damit auch noch
der Unterschied im Stammsilbenvokal der beiden
Verben schwindet, wird die Form mit Affrikata, bei-
zen mit [-ts-], für das Kausativum bevorzugt. Wäh-
rend noch bei Ulrich von Hutten (14881523), Joh.
Pauli (1522), Seb. Franck (1. Hälfte d. 16. Jh.s) das
Kausativum beiszen, beiszte, gebeiszt (so die bevor-
zugte Schreibung für [-s-]) an der Tagesordnung war
(s. Dt. Wb. I, 1401 f.) Seb. Helbers Teutsches Sylla-
bierbüchlein (1593; hrsg. von G. Roethe, 1882) mit
seinem Nebeneinander von mit Essig beizen und
vgelbeissen (S. 25) verrät Unsicherheit , macht
die Form mit Spirans im Laufe des 17. Jh.s dem
durchgehends differenzierenden beizen mit Affrikata
Platz, und zwar in der Doppelbedeutung von mit
Vögeln jagen
wie von ätzen, einweichen, mürbe ma-
chen
(s. Dt. Wb. I, 1410 ff.).

Ahd. beiʒen/beizen hat fast in allen germ. Dia-
lekten Entsprechungen, die sich aber bedeu-
tungsmäßig teilweise verschieden entwickeln:
as. (und)bētian absitzen, -steigen (eigtl. nur,
um das Pferd grasen zu lassen; s. Wadstein, Kl.
as. Spr.denkm. 114, 16: umbette desiluit; Stein-
meyer-Sievers, Ahd. Gl. 2, 718, 54); mndd. bēi-
ten (1) mit Falken jagen, (2) (seit der Neuzeit)
mit einem scharfen Mittel wegbeizen; mndl.
beten (beiten, beeten) absteigen (um das Pferd
zu weiden); (um selbst vorübergehend Quartier
zu nehmen) einkehren; nndl. nur noch beitsen
beizen (im 19. Jh. als tech. Fachausdruck aus
dem Dt., wie ndl. etsen < dt. ätzen); ae. bǣtan
beizen, jagen, zäumen, gegen den Wind se-
geln
; me. baiten, auch betenn u. ä. bait an
animal, harass; put a horse to feed; graze
usw.,
von awestnord. beita beeinflußt (s. Björkman,
Scand. Loanwords 41); ne. to bait to prepare
with bait; to harass; to give food to (horses
etc.), esp. during a journey
; nur noch brit. to
stop for refreshment during a journey
; aisl.
beita zu fressen geben, weiden; (mit Hunden
oder Falken) jagen, beizen; Gebiß anlegen, an-
spannen; gegen den Wind segeln
u. a., nnorw.
beite, ndän. bede, nschwed. beta mit ähnlichen
Bedeutungen; das Wort wurde aus dem Nord.
auch ins Finn. entlehnt als pait-, peittoan bei-
zen, prügeln
, ins Lapp. als (seemännisch)
bajtam die Luv halten.

Fick III (Germ.)4 270; Holthausen, As. Wb. 6; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 257; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. I, 299; Verdam, Mndl. handwb. 90. 379
(nederbe[e]ten einen Jagdvogel auf seine Beute her-
niederstoßen lassen
); Vries, Ndls. et. wb. 40; Holt-
hausen, Ae. et. Wb. 15; Bosworth-Toller, AS Dict. 67;
Suppl. 62 (wichtige Korr.); ME Dict. AB, 612 f.;
OED I, 628 (bait); Vries, Anord. et. Wb.2 30 f.; Jóhan-
nesson, Isl. et. Wb. 602; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske
spr. I, 122; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 13;
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 69 (beitse); Torp, Ny-
norsk et. ordb. 20; Hellquist, Svensk et. ordb.3 67;
Ordb. o. d. danske sprog II, 43 f.; Svenska akad. ordb.
B-1911 ff.

S. auch âzen, ezzen (sw.v.).

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