dûsunt
Band II, Spalte 890
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dûsunt f.n. Kard.zahl, seit dem 8. Jh.: tau-
send, mille
Var.: thûsunt, thûsont, dûsont,
dûsent, dûsint, spätahd. tûsent, tiusent.
Mhd. tûsent, tûsunt, tûsint, tûsen, alem., md.
tûsinc, nhd. tausend. Spätahd. tûsunt mit an-
lautendem t (mit Weiterverschiebung?; s.
Braune, Ahd. Gr.¹⁴ § 167 Anm. 8) hat sich ins
Mhd. und weiter ins Nhd. fortgesetzt. Das
Wort flektiert im Ahd. mit adjektivisch vorge-
setzten Kardinalzahlen als fem. Konsonanten-
stamm; vgl. auch Otfrid manago thūsunt. Bei
Tatian flektiert der Pl. dagegen nach der ō-
Deklination: 53, 10 zua thúsunta. Als Neutr.
driu dûsent erscheint es in der Gl. zu Notker
Ps. 101, 15. Der Dat. Pl. ist meist auf -un, -on
(neben Tatian thûsuntin) gebildet, doch
kommt der Gen. Dat. Pl. häufig (stets bei Not-
ker) auch unflektiert vor. Der gezählte Gegen-
stand steht im Gen.; vgl. Tatian 31, 5 thúsunt
scrito. Vereinzelt beginnt der adjektivische Ge-
brauch durchzudringen: Otfrid finf thûsonton
mannon; Notker, Bo. 115, 15 ze zên dûsent jâ-
ren. Auch im Mhd. kommt tûsent mit dem
Gen. vor; daneben tritt es unflektiert und attri-
butiv mit dem zugehörigen Subst. im gleichen
Kasus auf.

Splett, Ahd. Wb. I, 159; Schützeichel⁴ 95; Starck-
Wells 113. 801; Graff V, 230 f.; Schade 120. 934 ff.
973; Lexer II, 1590; Benecke III, 154; Diefenbach,
Gl. lat.-germ. 361 (mille); Dt. Wb. XI, 1, 1, 215 ff.;
Kluge²¹ 774; Kluge²² 724; Pfeifer, Et. Wb. 1791 f.;
Braune, a. a. O. § 275; W. Scherer, Zur Gesch. d. dt.
Spr.¹ (Berlin, 1868) 457; Behaghel, Dt. Syntax I,
430 ff.

Ahd. dûsunt entsprechen: as. thūsundig (mit Suf-
fix -ig nach twentig zwanzig), mndd. dūsent,
dūsunt, dūsint, dusentich; mndl. dusen(t), du-
sant, duust, duyst, dusentich, nndl. duizend
(fläm. duust, brabant. duzet mit Schwächung
von -end > -et); afries. thūsend, dūsent, nost-
fries. dūsend, nwestfries. tūzen; ae. ðūsend, me.
þūsend, þousend, ne. thousand; aisl. þúsund,
þúshund f. 1200, selten 1000, nisl. þúsund,
nnorw. tusund, aschwed. þūsund(a), þūsæn,
þūsund, þusand, ndän., nschwed. tusen, dane-
ben aisl., runenschwed. (Stein von Saleby II)
þūshundrað; got. þūsundi, pl. þūsundjos f. (die
Lesung Neh. 7, 19 twa þūsundja neutr.pl. ist un-
sicher; s. Braune, Got. Gr.¹⁹ § 145 Anm. 1): <
urgerm. *þūs-unðī f. (zum h im Aisl. s. u.).

Fick III (Germ.)⁴ 186; Holthausen, As. Wb. 79; Sehrt,
Wb. z. Hel.² 622; Berr, Et. Gl. to Hel. 417; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 499; Schiller-Lüb-
ben, Mndd. Wb. I, 602; Verdam, Mndl. handwb. 155;
Verwijs-Verdam, Mndl. wb. II, 475; Franck, Et. wb.
d. ndl. taal² 142; Vries, Ndls. et. wb. 144; Holthausen,
Afries. Wb.² 113; Richthofen, Afries. Wb. 696. 1081;
Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. I, 366;
Dijkstra, Friesch Wb. II, 355; Holthausen, Ae. et. Wb.
372 f.; Bosworth-Toller, AS Dict. 1081 f.; Suppl. 731;
Stratmann-Bradley, ME Dict.³ 641; OED² XVII,
987 f.; Oxf. Dict. of Engl. Et. 919; Vries, Anord. et.
Wb.² 628; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 427 f.; Heggstad,
Gamalnorsk ordb. 735; Holthausen, Vgl. Wb. d.
Awestnord. 322; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 1300;
Torp, Nynorsk et. ordb. 819; Hellquist, Svensk et.
ordb.³ 1248; Noreen, Aisl. Gr.⁴ § 453; ders., Aschwed.
Gr. 494; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 505 f.; Lehmann,
Gothic Et. Dict. þ-61; A. S. C. Ross-J. Berns, in Indo-
European Numerals 621; Kluge, Urgerm.³ § 300;
Schönfeld, Wb. d. agerm. PN 238; Thomsen, Einfluß
d. germ. Spr. 3.

Das auf dezimaler Rechnung beruhende idg.
Zahlensystem hat sich nur bis zum Begriff 100
einheitlich entwickelt; nach der Aufspaltung in
die idg. Einzelsprachen bildeten sich unter-
schiedliche Benennungen für die Zahl 1000
heraus (s. Szemerényi, Stud. in IE Numerals 1).
Während aind. sahásram, npers. hazār, gr. χίλιοι
(äol. χέλλιοι < *χέσλιοι), lat. mille (< *smī-
heslī) auf der Basis von uridg. *heslo- entstan-
den sind, verhält es sich beim germ. Wort 1000
anders. Ein Anschluß findet sich nur im Balto-
slav.: aksl. tysti, tysti (< *tyst’-, *tyst’- mit
Wandel von palatalem *t’ > südslav. t; dazu
Arumaa, Urslav. Gr. II § 371), aruss. tsjaa,
serbo-kroat. dial. tȉsua; lit. (alit. gen. sg. tû-
stanczios) túkstantis, tkstantis m. i-, jo-St., f.
i-, jā-St., lett. tũkstuotis Tausendzahl, apreuß.
akk. pl. tūsimtons.

Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 332; Vasmer, Russ. et.
Wb. III, 161 f.; Fraenkel, Lit. et. Wb. 1135 f.; ders.,
Die balt. Sprachen (Heidelberg, 1950) 58; ders., Balti-
coslavica 2 (Wilno, 1936), 60; Mühlenbach-Endzelin,
Lett.-dt. Wb. IV, 258. 279. 282 f.; Trautmann, Apreuß.
Spr.denkm. 452; A. Meillet, MSLP 14 [190608], 372
Anm. 1; Th. V. Gamkrelidze-V.V. Ivanov, Indoevro-
pejskij jazyk i indoevropejcy (Tbilisi, 1984), 848.

Das Wort 1000 ist für die Frage nach germ.-
baltoslav. Isoglossen von hervorragender Be-
deutung und hat so zu einer Reihe kontroverser
Beurteilungen geführt. Den heutigen vier
Haupterklärungen die erste etymologische
Deutung stammt von Notker, der das Wort si-
cher zu Unrecht als Verderbnis von roman.
dêscent auffaßte wird im folgenden eine Deu-
tung gegenübergestellt, die mit mehr Recht als
bisher das Wort 1000 als germ.-baltoslav. Iso-
glosse erweist.

1) Das Wort ist eine Zusammensetzung aus ur-
idg. *tūs- stark, kräftig, viel und uridg. *t-
a, *t-om, das wiederum von der Wurzel
von uridg. *tóm 100 abgeleitet ist. Wegen
des Ablauts im Aksl. und Aschwed. wäre eine
Vorform *ts-omt-ī [**túHs-omt-iH₂], *ts-
t-ā-s [**túHs-t-eH₂-s] Krafthundert
anzusetzen, die mit Ausgleich ein Nebeneinan-
der von *ts-omt-ī und *ts-t-ī ergeben
hätte (vgl. B. Comries [in Indo-European Nume-
rals 792] Ansatz *tū[s]-t-, wobei das erste
Element mit aind. tuvi- sehr verwandt sei). Die
germ. Akzentuation *ts-ktī werde dabei
durch lit. túkstantis, tkstantis und russ. tsjaa
bestätigt (K. Verner, Zfvgl.Spr. 23 [1877], 118).

S. Bugge, PBB 13 (1888), 326 f.; H.Jensen, ZfPhonetik
6 (1952), 55 f.; Porzig, Glied. d. idg. Spr. 142; E. Po-
lomé, in F. van Coetsem-H. L. Kufner, Towards a
grammar of Proto-Germanic (Tübingen, 1972), 51.
G.-J. Pinault, LALIES. Actes des session de linguistique
et de littérature 7 (Paris, 1989), 63 verweist für die Be-
deutung fort-cent von germ. thus-hundi auf toch.
A wälts, B yaltse < *w’ältsa < *eldhom force (zur
Korrektur des vorurtoch. Ansatzes s. jedoch H. Rix, in
Windekens-Festschrift 226 Anm. 4). Anders Szemer-
ényi, Einf. in d. vgl. Sprachwiss.⁴ 241: *tūso-kt-ī mit
einem adjektivischen Element *tūso- stark (zu *tū-
mo- stark in ahd. dūmo Daumen, *tū-ro- ge-
schwollen
in lat. obtūrō verstopfe), wobei nach der
Lautverschiebung im Germ. der Bindevokal in *þū-
sa- geschwunden und *-sh- zu -s- vereinfacht worden
sei (zustimmend Rix, a. a. O. 225 f.: germ. *þūsa-hundi
< *tūso-[d]tī [**tuHso-(d)tiH₂]).

Doch bestehen folgende Einwände:

a) Gegen den Lautwandel von uridg. *s zu balt.
-st- (M. Leumann, IF 58 [1942], 126 f.; E. P.
Hamp, Papers from the ninth regional meeting,
Chicago Linguistic Society, April 1315, 1973,
174 ff. und Anm. 4) spricht das bekannte Gegen-
beispiel alit. íeka (neulit. íeko) sucht, lett. is-
kâju lause, aksl. isk (neben it mit -t- aus
der 2. Sg. itei < *i-) suche (auf), fordere <
urbaltoslav. *ˈéske/ a- < vorurbaltoslav. *ēs-
e/ o- (dazu Klingenschmitt, Altarm. Verbum
67 Anm. 5; zum Lautlichen s. C. S. Stang, Das
slav. u. balt. Verbum, Skrifter utg. av Det Norske
Videnskaps-Akademi i Oslo, II. Hist.-Filos. Kl.
1942, No. 1 [Oslo, 1942], 37; S. Shevelov, A
prehistory of Slavic [Heidelberg, 1964], 141).

Anders Endzelin, Lett. Gram. 111; H. Bräuer, Slavi-
sche Sprachwiss. I (Berlin, 1961), 172: uridg. *s >
slav. s und lit. , lett. s, wodurch sich ein Zusammen-
fall mit den Fortsetzungen von uridg. * ergibt. Doch
sind auch in anderen Palatalsprachen die Vertretungen
von uridg. *s und * verschieden (Arumaa, Urslav.
Gr. II § 329). Lit. aũti tagen, dämmern, dessen --
Brugmann, Grdr.² I, 568 wegen aind. uccháti leuchtet
von einer Lautfolge *-s-s- herleitet, kann < *s wie
in lit. au Morgenröte, Morgendämmerung aufwei-
sen. Ebensowenig ist aksl. pas weide ein eindeutiges
Beispiel für den Wandel von *s zu aksl. s.

Fälle wie lit. pa-stu (Infinitiv paìnti), lett. pa-zĩstu
kenne, erkenne (vgl. lat. nōscō, ap. xnāsa-, arm. a-
naՙem < uridg. *n̥̄ǝ-se/ o- [**H₃-se/ o-] er-
kennen
), lit. gìmstu, lett. dzìmstu werde geboren
(vgl. gr. βάσκω, aind. gácchati < *g-se/ o- kom-
men
) sind sekundäre Bildungen, die sich dem Präsens-
typ nasaler Wurzelauslaut + st-Suffix (rìmstu, rìmti
ruhig werden) angeschlossen haben; mit lit. gìmstu
vgl. das danebenstehende aus dem Aorist hervorge-
gangene Präs. gemù werde geboren (Infinitiv giti)
(Stang, Vgl. Gr. d. balt. Spr. 337 ff.).

b) Aus *ts-omt-ī hätte sich im Slav. (vor vela-
rem Vokal) aksl. *tyskti ergeben (vgl. aksl.
isk) und aus *ts-t-ī (vor palatalem Vokal)
aksl. *tytti (vgl. ksl. votanъ wächsern <
*voskěnъ, eine Ableitung von aksl. voskъ
Wachs, lit. vãkas).

c) Im Germ. wäre die Fortsetzung von *s- wie
inlautendes *s behandelt worden, und *sk
(*s) bleibt unverschoben; vgl. an. lskr schlaff,
träge
(air. lasc; Krahe-Meid, Germ. Sprachwiss.
III § 147). Zwar könnte *-t- in vorurgerm.
*ts-t-ī auf das Wort 100, *tóm, bezo-
gen worden sein, *-- dann Anlautsbehandlung
(> *χ) erfahren und so ein urgerm. *þūs-χundī
ergeben haben (dazu s. u.). Da die Fortsetzung
von *χ aber nur in aisl. þúshund, aisl., runen-
schwed. þūshundrað auftaucht und das Wort
sonst kein inlautendes h aufweist, ist h eher wie
in anord. líkame, ae. līcuma lautgesetzlich ge-
schwunden (Kluge, in Grdr. d. germ. Phil.² 491;
ders., Urgerm.³ § 66) und im Anord. teilweise
restituiert das von Grimm, Gesch. d. dt. Spr.³
253 f. als Stütze angeführte salfrk. thūschunde,
thuis chunde, tos chunde Großtausend, 1200
bleibt fern, weil ch nur steht, wenn chunna vor-
ausgeht (W. L. v. Helten, PBB 25 [1900], 515).
Daher sind aller Wahrscheinlichkeit nach die al-
lein ein -s- aufweisenden Formen, die die über-
wiegenden Lautungen sind, alt, h-haltiges aisl.
þúshund und aisl., runenschwed. þūshundrað
dagegen volksetymologische Angleichungen an
das Wort 100 (H. Hirt, IF 6 [1896], 345).

Anders W.J.J. Pijnenburg, Hist. Spr.forschung 102
(1989), 101 f.: h erscheine nach Konsonant; vgl. got.
þuthaurn Trompete und alle Präfixbildungen mit der
Fortsetzung des Präfixes *uz-. Doch kann h hier
ebenso restituiert sein.

2) Nach der Ableitungstheorie wird Ableitung
angenommen:

a) durch ein nt-Suffix in verstärkender, elati-
vierender Funktion
, die im Baltoslav. in Wör-
tern wie russ. bol’uij sehr groß, lit. graiñte-
lis wunderschön, seniñtelis steinalt, jauniñte-
lis blutjung noch vorhanden sei (R. Aitzetmül-
ler, in Slavistina Revija. Ramov-Festschrift
[Ljubljana, 1950], 291; Aitzetmüller, Abulg.
Gr. § 58 und Anm. 205);

b) durch ein Adjektivsuffix wie in got. neƕundja
der Nächste (Hirt, a. a. O. 347);

c) durch ein Partizipialsuffix *-t-: Die Form
sei ein Part. Präs. von einem Präs. auf *-s-,
*tū-s-ont- (Hamp, a. a. O. 174 ff.) oder nach
Pijnenburg, a. a. O. 101 ff. ein Part. Präs. *tūt-
st-ī dasjenige, was eine Menge bildet; eine
große Quantität bildend
(vgl. W. L. van Hel-
tens, IF 18 [1905], 121 f. Ansatz *st-ī = aind.
sat für das Hinterglied mit einem wie lat. flōs
Blume gebildeten Vorderglied *tūs-: *tūs-son-
tā, *tūs-stā in Masse Vorhandenes, Massen-
haftes
) oder ein Part. Präs. *tūstī (Szemerényi,
Einf. in d. vgl. Sprachwiss.⁴ 209). Alle diese The-
sen sind ohne Zusatzannahmen nicht haltbar
(s. u.). So hätte bei einem Ansatz *tūsontī,
*tūstī das *s hinter u-Laut möglicherweise
balt. *, aber auf jeden Fall aksl. x vor velarem
Vokal und vor palatalem Vokal ergeben; nt-
Suffixe in elativierender Funktion sind auf das
Baltoslav. beschränkt; ebenso unbegründet ist
die Annahme einer Bildung *tū-s-ont-; und ge-
gen Pijnenburgs Auffassung spricht, daß es für
ein als Wurzelnomen aufzufassendes *tūt- in
*tūt-st-ī keine Parallele gibt (das von Pijnen-
burg verglichene þut- in got. þuthaurn Trom-
pete
ist wie dt. tuten vermutlich onomatopoeti-
schen Ursprungs; Feist, a. a. O. 506). Außerdem
entspricht eine Zusammensetzung aus einem
Wurzelnomen und einem Part. des Verbs sein
keinem geläufigen germ.-balto-slav. Komposi-
tionstyp.

Krahe-Meid, a. a. O. III § 31 ff.; Senn, Hb. d. lit. Spr.
I, 340 f.; Brugmann, Grdr. II, 1, 67 f. Im Aind. fungie-
ren Komposita mit einem Part. Präs. im Hinterglied
als verbale Rektionskomposita, z. B. aind. divi-
spant- den Himmel berührend, oder das Vorder-
glied ist ein Präfix, z. B. aind. sú-vidvās- wohlkun-
dig
; vgl. Wackernagel, Aind. Gr. II, 1, 193 f.

Wenig wahrscheinlich ist Brugmanns, Grdr.² II, 2, 1,
48 f. Ansatz zweier Formen für das Wort 1000, einer
Zusammensetzung *tūs-to- Krafthundert und ei-
ner Adj.-Bildung nach Art von aind. mahnt-, mahat-
groß: Das Adj. (got. þūsundi usw.) habe mit dem
Subst. *tóm kräftiges, starkes Hundert eine syn-
taktische Verbindung gebildet, deren Subst. elliptisch
wegfiel (ders., IF 21 [1907], 12 Anm. 1).

3) Das Wort ist eine Entlehnung, sei es des
Germ. aus dem Slav. (z. B. Lexer, a. a. O.;
M. Kawczyski, Zfslav. Ph. 11 [1888], 607 f.;
A. Sobolevsky, Arch. f. slav. Phil. 33 [1912],
480), sei es des Slav. aus dem Germ. (H. Hirt,
a. a. O. 348; PBB 23 [1898], 340; A. Vaillant,
Rev. des ét. slav. 24 [1948], 184; Franck,
a. a. O.; H. Leeming, Slavonic and East European
Review 56 [1978], 163); und lit. tkstantis sei
aus *tūsant- (Vaillant, Gr. comp. des langues sla-
ves 647 f.) umgestaltet (Szemerényi, Einf. in die
vgl. Sprachwiss.⁴ 241). Oder: Die slav. Formen
stammen aus dem Germ., die balt. aus dem Slav.
(C. C. Uhlenbeck, Tijdschrift 25 [1906], 300 f.).
Zugunsten der Entlehnungsthese sprechen zwar
Fälle von Entlehnungen von Zahlwörtern für
höhere Zahlen; z. B. alb. mijë 1000 aus dem
Lat., arm. hazar 1000 aus dem Iran., air. mīle
1000 aus dem Lat. (Lehmann, a. a. O.). Doch
bereitet bei der Annahme einer Entlehnung aus
dem Germ. zum einen der im Slav. auftretende
Suffixablaut Probleme (Kiparsky, Gemeinslav.
Lehnw. aus d. Germ. 88); denn urgerm. *þūsun-
dī hätte ebenso wie urgerm. *þūsandī eine Lau-
tung mit aksl. ergeben; zur Vertretung von ur-
germ. *an als aksl. vgl. aksl. xdoьstvo Er-
fahrung
gegenüber got. handugs weise
(R. S. Stocki, Slavs and Teutons. The Oldest Ger-
manic-Slavic Relations [Milwaukee, 1950], 55);
zum anderen wäre urgerm. *d wohl als d ent-
lehnt worden, wodurch sich aksl. *tysdi (lit.
*tūsundi/*tūundi) ergeben hätte. Und gegen
die Annahme einer Entlehnung des germ. Wor-
tes aus dem Slav. spricht: Bei einer Vorform ur-
slav. *tyxt’i wäre für *x kaum ein *s eingetre-
ten, sondern sicher urgerm. *χ (vgl. aksl. xyzъ
Hütte < urgerm. *χūsan) *y und * wären
allerdings durch *ū bzw. *an substituierbar.
Weiterhin hätte bei einem urslav. *tyt’i als
Ausgangspunkt * mit urgerm. *s wiedergege-
ben werden können; jedoch ist unklar, ob ur-
slav. * im Germanischen als *un erschienen
wäre (es sei denn, man hätte das aus dem Slav.
entlehnte Wort 1000 nach dem germ. Wort
100 [*χunđan] umgebildet); vgl. demgegen-
über aksl. kъn(d)zь Fürst < urgerm. *kunin-
gaz (Arumaa, Urslav. Gr. I § 65). Wäre schließ-
lich das balt. Wort 1000 aus dem Slav. hervor-
gegangen, so bleibt die Entwicklung von urslav.
*tyxt’i, *tyt’i zu lit. tkstantis usw. im Dun-
keln (ganz anders Stang, Lex. Sonderüberein-
stimmungen 59: Das Wort 1000 stamme aus
unbekannter Quelle, das sich in nach-ieur. Zeit
in einem bestimmten Sprachkreis verbreitet
hat.
).

4) 1000 ist im Balt., Slav. und Germ. erst ein-
zelsprachlich und damit unabhängig voneinan-
der aus *tūs- und dem Wort 100 zusammenge-
setzt. Für das Slav. erscheint diese Auffassung
möglich: Zwar hätte sich nach den Regeln von
Leskien, Handb. d. abulg. Spr.¹⁰ § 27 und Sheve-
lov, a. a. O. 188 aus *tyx- < *tūs- + *sti <
*tī zunächst *tyxsti ergeben müssen; vgl.
ksl. dъxnti atmen (zu lit. dùsti) mit x vor
Konsonant (n). Da jedoch im Slav. kein einziger
Fall von -xs- auftritt, kann bezeugtes tysti tat-
sächlich Repräsentant von urslav. *tyx + sti
gewesen sein (Pijnenburg, a. a. O. 103). Auch im
Germ. könnte 1000 einzelsprachlich mit dem
Wort 100 zusammengesetzt sein, sofern der
Schwund von anlautendem *h- im Komposi-
tionshinterglied gemeingerm. Alters ist (s. o.).
Jedoch kann für das Balt. von einer Grundform
mit o-Vollstufe, *tūs- + amti-, nicht ohne wei-
teres auf lit. tkstantis, lett. tūksto, tkstuotis
geschlossen werden (Pijnenburg, a. a. O.); s. u.
zu apreuß. akk. pl. tusimtons.

Die folgende Erklärung, nach der das Wort
1000 als germ.-baltoslav. Isoglosse auffaßbar
ist, geht von drei Gegebenheiten aus (R. Lühr,
Linguistica 33 [= op-Festschrift] [1993],
117 ff.):

a) Es gibt Lautformen, die das Wort hundert
enthalten können, andere aber nicht.

b) Suffixablaut findet sich, wenn man das Alt-
preußische mit einbezieht, in allen drei Sprach-
gruppen.

c) Die Auffassung, das Wort 1000 sei ursprl.
eine Zusammensetzung mit dem Wort 100 ge-
wesen und sekundär an die Partizipien des Präs.
angeglichen worden, überzeugt wegen der feh-
lenden semantischen Berührungspunkte zwi-
schen Partizipien des Präs. und Zahlwörtern
(Aitzetmüller, a. a. O.) nicht.

Anders z. B. Vondrák, Vgl. slav. Gr.² I, 423 (als Mög-
lichkeit); Comrie, a. a. O.: Die Fortsetzung von *tū(s)-
t- sei im Balt. und Slav. sekundär zum Part. umge-
deutet worden; vgl. urslav. *tyst- und *tyst- mit aksl.
gort-, gort- brennend; und urbalt. *tūant- sei als
Part. interpretiert worden, indem der Präsensstamm
*tūa- mit einem neuen Präsensstamm *tū-sta- ver-
mischt wurde. Ähnlich bereits Endzelins (Lett. Gr.
366) Ansatz *tū(s)-amt-, das, sobald es nicht mehr
als Kompositum empfunden wurde, volksetymolo-
gisch einem Partizip *tūant- (aus ide. tū-so-nt-) an-
geglichen
wurde. Auf den Präsensstamm urbalt. *tū-
a- deute dabei noch indirekt lett. tūskt (neben tūkt)
schwellen, fett werden. Weiterhin sei neben dem Prä-
sensstamm *tūa- < *tū-sō ein gleichbedeutender
Präsensstamm *tū-sta- aufgekommen, deren Konta-
minationsprodukt *tūta- die Bildung eines Part. *tū-
tant- 1000 ermöglicht habe. -k- in lit. tkstantis und
lett. tūksto schließlich stamme aus der gleichbedeu-
tenden Wurzelform *tūk- (lett. tûkstu ich schwelle,
werde fett
). Vgl. auch Osthoff-Brugmann, Morph.
Unters. V, 11; Walde-Pokorny I, 707; E. Fraenkel, IF
50 (1932), 98. Nach Comrie, a. a. O. ist ebenso k von
der Wurzel *tuk- (lett. tûkstu werde fett) bezogen,
-s- aber von den Verben auf -sta-.

Wahrscheinlicher ist die Annahme, daß dem
germ. und baltoslav. Wort 1000 ein substanti-
viertes Part. Präs. wegen des Suffixablauts und
der Lautfolge -nt- kommt am ehesten eine sol-
che Bildung in Frage zugrunde liegt, das we-
gen der Bezugsmöglichkeit auf das Wort 100
(1000 = 10 mal 100) nach diesem Wort umge-
bildet wurde.

Theoretisch könnte ein Vertreter des amphidynami-
schen
Typs *é-ont-s (vgl. gr. ἑκών), *u-t-és
(aind. uatás) wünschend vorliegen (dazu Rix, Hist.
Gr. d. Griech.² 123, 234).

Das aus dem Balt. entlehnte Zahlwort finn. tu-
hat, Gen. tuhannan 1000, in dem -h- höchst-
wahrscheinlich für balt. *-- (Vorform *tu-
amte-) und nicht für *-t-, *-st- steht (Stang,
Vgl. Gr. d. balt. Spr. 282), sowie die Herkunft
von balt. *-- aus uridg. *, *s oder *s (hinter
*ū) (Stang, a. a. O. 91 ff.) deuten als mögliche
Vorformen auf die Partizipialstämme vorurslav.
*tūont-, *tūt- und *tūsont-, *tūst-, vor-
urbalt. (lit., lett.) *tūont-, *tūsont- und *tū-
sont- (k in lit. tkstantis, lett. tũkstuotis läßt sich
auf sekundären Einschub vor Sibilant zurück-
führen; vgl. alett. tuustosch-; Stang, a. a. O. 109),
(apreuß.) *tūt-, *tūst- und *tūst- (apreuß.
tusimtons mit -m- als sekundäre Angleichung an
das Wort 100; vgl. lit. itas, lett. sìmts; Sheve-
lov, a. a. O. 91) und vorurgerm. *tūsont-,
*tūst-. Von diesen Transponaten scheiden die
Formen mit * und *s, *tūont-, *tūt- bzw.
*tūsont-, *tūst- als Vorform des Wortes
1000 aus, weil sie im Germ. zu Lautungen mit
*χ / bzw. *χs geführt hätten und in *þūsund-,
*þūsand- nicht das Wort hundert eingedeutet
sein kann (vgl. demgegenüber urgerm. *χun-
đan). Übrig bleibt so nur der Partizipialstamm
*tūsont-, *tūst-, wie er im Germ. nahezu regu-
lär fortgesetzt ist.

Wegen des i-Lautes im Ausgang (vgl. got. þū-
sundi, Pl. þūsundjos, aksl. tysti, tysti) dürfte
morphologisch am ehesten ein substantiviertes
Fem. auf *-ī (vgl. aind. bhárant-ī, gr. φέρουσα f.
tragend < *-ǝ [**-iH₂]) vorliegen, das im
Balt. in Angleichung an lit. deimtìs, -is f.
zehn (aksl. des) nach den i-Stämmen flek-
tiert wurde (lit. dial. tkstantis, -ies f.; dagegen
lit. tkstantis, -io m. nach dem Vorbild von
itas m. hundert; E. Fraenkel, Zfvgl.Spr. 43
[1910], 202).

Zwei Gründe sprechen dafür, daß die Bildung
im Germ. aufgekommen ist und sich von da aus
zu den Vorfahren der Balten und Slaven verbrei-
tet hat: Ein substantiviertes Part. auf *-ī ist in-
nerhalb der germ. und baltoslav. Sprachen nur
im Germ. nachweisbar (vgl. got. hulundi Höh-
le
, Frauenname ahd. Purgunt mit aind. bhat,
av. bǝrǝzaitī f. die Hohe, Starke, gall. Brigan-
tēs, air. Brigit; s. K. Brugmann, IF 33 [1913
14], 305 ff.; Krahe-Meid, a. a. O. III § 129).
Auch die der Partizipialbildung *tūsontī, *tūs-
tī zugrundeliegende Wurzel *tūs- erscheint in
dieser Form im Germ.: Aisl. þústr m. Feindse-
ligkeit, Zorn
im Sinne von (vor Zorn) Ange-
schwollensein
, nostfries. dūst Klumpen, Hau-
fen, wirre Masse, Knäuel, Wulst, Büschel,
Zotte
, nnorw. dial. tūst Büschel, Haarzotte,
Quaste
, tūsta f. Büschel, Knoten, Bündel z. B.
von Stroh, Bast, niedriger Baum mit buschiger,
weiter Krone, verworrene Masse
, nisl. þústa
Haufen, Masse < *tūs- schwellen + t (
dost² und s. F. Holthausen, IF 48, [1930], 257).
In der Form *tūs- [**tuH-s-] stellt sich die
Wurzel zu der in aind. táviī Kraft, Stärke, ta-
viá- stark, mutig, n. Kraft, av. tǝuui
Kraft, Körperkraft auftretenden Wurzelform
*teǝs- [**teHs-] (zu *H₂ s. u.); vgl. auch
aind. tavás- stark, kräftig, távas-vant- kräf-
tig
, av. paiti-tauuah- seine Kraft dagegen ein-
setzend
, aind. túvi-mant- kraftvoll, tuví-a-
ma- der stärkste (mit Kontamination von ta-
vi- und tuvi-). Sofern diese Wurzel, was aller-
dings nicht weiter belegt werden kann, auch als
Verbalwurzel verwendbar war und von ihr Par-
tizipien gebildet wurden, ergibt sich als Grund-
bedeutung von *tūstī, *tūsontī die Bedeutung
Anschwellende (Menge); Anschwellung, Hau-
fe
; vgl. die Bedeutung Menge von aksl. tъma
(russ. tьmá) 10 000, das wohl nicht von lit.
tùm(s)tas Haufen, Menge, (Amenà) tumstas
1000 (Fraenkel, Lit. et. Wb. 1136) zu trennen
ist (Aitzetmüller, a. a. O.).

Sadnik-Aitzetmüller, Handwb. zu den aksl. Texten
323b. Anders Vasmer, a. a. O. III, 162: Die Bedeutung
von aksl. tъma sei Lehnübersetzung aus turkotatar. tu-
man zehntausend, Nebel (B. Rosenkranz, Hist. Laut-
und Formenlehre des Altbulgar. [Altkirchenslav]. [Hei-
delberg, 1955], 107). E. Fraenkel, IF 50 [1932], 98
verweist weiterhin auf poln. chmura und gr. νέφος
Wolke, die ebenfalls große Zahlen, Unmengen be-
zeichnen.

Als zugehörig zu der Wz. *tūs- gelten weiterhin:
Germ. PN-Glieder wie Thus- in Thusnelda (vgl. aind.
Komposita mit tuvi- [s. o.] als Kompositionsform von
turá- stark, vermögend, reich; s. Schönfeld, Wb. d.
agerm. PN 238); ferner s-lose Bildungen wie: aind. ta-
vīti ist stark, hat Macht, av. tauu- im Stande sein,
npers. tuvān vermögend, mächtig; gr. τας groß (<
*te-u- [**teH₂-u-]; s. Beekes, Develop. of PIE La-
ryngeals 249; vgl. auch Peters, Idg. Laryngale im
Griech. 290 Anm. 243; anders Boisacq, Dict. ét. Gr.
945 f.: *-ú-); lat. tōtus ganz (< *toeto- [**to-
Heto-]), tōmentum Polsterung.

Walde-Pokorny I, 707; Pokorny 1083 f.; Mayrhofer,
K. et. Wb. d. Aind. I, 490 f. 514. 520; ders., Et. Wb. d.
Altindoar. I, 639. 663 (aind. tūa- Borte, Schmuck-
gürtel
, das traditionell als Quasten < Schwellungen
mit nnorw. dial. tūst usw. verbunden wird, ist nicht si-
cher erklärt; zur Bedeutung s. K. Hoffmann, Aufsätze
zur Indoiranistik III, 785); Bartholomae, Airan. Wb.
638 f. 649; Horn, Grdr. d. npers. Et. § 401; Boisacq,
Dict. ét. gr.⁴ 852. 945 f.; Frisk, Gr. et. Wb. II, 844.
861; Chantraine, Dict. ét. gr. 1084 f. 1097; Walde-
Hofmann, Lat. et. Wb. II, 689. 695 f. 715; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 694. 697 (jedoch Verbindung
von lat. tōtus mit got. þiuda usw. unter unbegründeter
Annahme einer dialektischen Entwicklung von *eu >
ō und Herleitung von tōmentum < *ton[d]-s-mentum,
zu tondeō schere).

Ob lett. tūska Geschwulst, tūsk’is Wassersucht
ebenso von der Wz. *tūs- herstammen, ist unsicher,
da die lett. Wörter eine sk-Ableitung von lett. tûkt
schwellen sein können (Pokorny 1084).

Eine mit dem Wort 1000 vergleichbare Bildung hat
man in toch. B tumane (-tumāne), tmāne (-tmane), A
tmā zehntausend gesehen und dies als Substantivie-
rung eines von der unerweiterten Wurzel *teǝ-
[**teH₂-] stark sein abgeleiteten mediopassivischen
Part. das, was angeschwollen ist betrachtet (Winde-
kens, Lex. ét. tokh. 143; D. Baumgartl, Zfvgl.Spr. 70
(1952), 245: zu aksl. tьma Finsternis); oder Entleh-
nung aus dem Iran. bzw. Türk.: Windekens, Le tokha-
rien I, 642; L. Isebaert, De Indo-Iraanse bestanddelen
in de Tocharische woordenschat [Diss. Leuven, 1980]
102 f. 118 bzw. A. Meillet, MSLP 17 [191112], 292 f.;
gegen die Annahme einer Entlehnung aus dem Türki-
schen: W. Winter, in Indo-European Numerals 127).
Bei dem toch. Wort handelt es sich jedoch um ein altes
Kultur- und Wanderwort, das sich in vielen asiati-
schen Sprachen, so außer im Toch. im Pers., Türk.,
Mongol., Tungus., Chines. findet und dessen Her-
kunft bis heute nicht sicher geklärt ist (Hinweis von
K. T. Schmidt; vgl. G. Doerfer, Türkische und mongoli-
sche Elemente im Neupersischen II [Wiesbaden, 1965],
641 f.).

Was nun die Sonderentwicklungen im Germ.,
Slav. und Balt. angeht, so erklärt sich -h- in aisl.
þúshund, aisl., runenschwed. þūshundrað als
Angleichung an das Wort 100 (vgl. aisl. þús-
hund, aisl., runenschwed. þūshundrað mit aisl.,
aschwed. hund-raþ) (vgl. Dieter, Altgerm. Dia-
lekte 782; Kluge²², a. a. O.).

Trifft der Ansatz eines Part. Präs. *tūsontī,
*tūstī auch für das Slav. zu, so kann -s- ebenso
auf Angleichung an das Wort 100 (aksl. sъto)
beruhen *s hätte x bzw. (*tyxt’i, *tyt’i)
ergeben (s. o.; Shevelov, a. a. O. 130; Arumaa,
a. a. O. I § 179; Pijnenburg, a. a. O. 102).

Gegenüber aksl. sъto 100, das nicht lautgesetzlich
aus uridg. *tóm herleitbar ist, erscheint die zu er-
wartende Lautung *sto in slav. *tyst’i (Aitzetmüller,
Abulg. Gr. § 58) *sto entspricht, von der Umbil-
dung nach der Nom./Akk.-Endung der neutralen o-
und s-stämmigen Substantive im Slav. und nach den a-
stämmigen Maskulina im Balt. abgesehen, lit. itas,
lett. sìmts. Von *tyst’i aus dürfte das *s auch in die
danebenstehende, ursprl. o-stufige Form *tyxt’i ein-
gedrungen sein und so ein *tyst’i ergeben haben. Zur
Erklärung der slav. Lautform von 100 (aksl. sъto) auf
der Basis von *sto hunt.

Uridg. * kann im Frühurslavischen zwar auch als
*um vertreten sein, doch stimmen das Balt. und Slav.
hinsichtlich der Vokalqualität der Fortsetzungen von
uridg. * und * sonst überein; vgl. aksl. dti, lit.
dùmti wehen, blasen, aksl. präs. dъm, apreuß.
dumsle Hornblase (Arumaa, a. a. O. I § 66). Zudem
erscheinen sonst palatale Reflexe von * und * hin-
ter der Fortsetzung von Palatalen (Shevelov, a. a. O.
86 ff.; Comrie, a. a. O. 784). Die Lautfolge *ty- war
möglicherweise volksetymologisch auf urslav. *tyjō
werde fett (aruss., russ.-ksl. tyti, tyju πιαίνεσθαι,
ukr. tty, tjê, skr. tȉti, tȉjê, tschech. tti, tyji, poln.
ty, tyj, osorb. ty usw.; Vasmer, a. a. O. III, 162) zu
beziehen und *tyst’i so als fettes, großes Hundert =
1000 interpretierbar (Vondrák, Vgl. slav. Gr.² I, 132.
423). Vgl. Miklosich, Et. Wb. d. slav. Spr. 370: Das
slav. Wort 1000 sei Part. Präs. von einem Verb tys,
das zu t [tyti] gehört. Dagegen M. Kawczyski,
Zfslav. Ph. 11 (1888), 607.

Da ebenso apreuß. tūsimtons (anstellte von *tū-
sint-) nach dem Wort 100 (*imtas) umgebildet
ist, ist wohl bereits in der Vorstufe des Balto-
slav. die schwundstufige Form *tūstī an das
Wort hundert angeglichen worden (H. Hirt, IF
6 [1896], 347).

Einer besonderen Erklärung bedarf -st- im
Balt., eine Lautfolge, die mittelbar jedoch eben-
so mit dem Wort 100 in Zusammenhang ge-
bracht werden kann.

Im Falle von lit. túkstantis, tkstantis, lett. tũkstuotis
fand eine Umbildung von *tūsantī (mit *s nach ū wie
in anderen Fällen; zum Problem s. Stang, Vgl. Gr. d.
balt. Spr. 94 ff.; s. aber Arumaa, a. a. O. III § 179) nach
dem Ordinale statt, das wegen der in älteren Gramma-
tiken angegebenen Ordinalia tkstinis und tūkstàsis
tausendster u. a. *tūsta- (mit späterem Einschub von
k vor s wie in lit. áuksas Gold < *aso-) gelautet ha-
ben kann. Neben dem Kardinale *tūsantis 1000 stand
ein Ordinale *tūsantas tausendster mit adjektivischer
Flexion; zu den Ausgängen vgl. lit. deimtìs zehn ne-
ben deitas zehnter. In Verbindung mit Substanti-
ven wurde das Ordinale *tūsantas nach dem Vorbild
*imtas hundertster zu *tūstas (s. o.) gekürzt; zu der-
artigen Verkürzungen bei Ordinalia vgl. urgerm. *te-
unþan- > ae. Lindisfarne teigða < -tegða in mehrsil-
bigen Wörtern (Sievers-Brunner, Ae. Gr.³ § 328) und
zur Haplologie von Silben, die aus Vokal und Nasal
bestehen, im Balt. vgl. vargõninkas neben vargõninin-
kas Organist mit Suffix -ininkas (Senn, a. a. O. 319).
Daneben dürfte die längere Form des Ordinale, *tū-
santas, weiter bestanden haben und unter dem Einfluß
von *tūsantas und den Vorformen der Ordinalia lit.
septiñtas, lett. septîtais siebter, atuñtas, lett. dial.
astūt(ai)s (Stang, Vgl. Gr. d. balt. Spr. 283 f.) die Form
*tūstas zu *tūstantas erweitert worden sein; vgl. mndd.
twelftende neben twelfte zwölfter (Lasch, Mndd. Gr.
§ 399) wohl nach dem Vorbild von teinde zehnter,
achteste, teinste, afries. achtunda ( ahtda). Schließ-
lich wegen des Gleichlauts von *imtas hundert,
hundertster
und *deimtis zehn, *deimtas zehnter
trat neben das Ordinale *tūstantas ein Kardinale
*tūstantis.

Ähnlich zur Übertragung von st aus dem Ordinale
tkstas äußert sich M. Gauthiot, BSLP 13 (1904),
XIX. Doch geht er für die Vorform ohne Berücksich-
tigung von *imtas hundertster von einer selbständi-
gen Bildung *tūs-to- aus, die unmittelbar vom Vorder-
glied *tūs- mit dem *-to- der Ordinalia gebildet sei.
Anders Leumann, a. a. O.: lit. veraltet tkstas als Ver-
kürzung aus tkstantas tausendste.

Weniger wahrscheinlich als die Herleitung von (k)st
aus dem Ordinale wäre die Annahme einer Beeinflus-
sung der Vorform von lit. tumstas 1000 (von lit. tùm-
tas Schar, Haufe; vgl. lat. tumulus Unruhe, Lärm,
Getöse
), da tumstas nur dialektal auftritt (Fraenkel,
Lit. et. Wb. 1140; ders., Balticoslavica 2 [Wilno,
1936], 60).

Zusammenfassung: Wegen des für ein Part. Präs.
typischen Suffixablauts *-ont-, *-t- bietet sich
als Grundform des germ. und baltoslav. Wortes
1000 eher ein Part. an als ein Zahlwort. Dabei
lassen sich aus den für das Germ. vorauszuset-
zenden Formen *tūsont-, *tūst- die einzel-
sprachlichen Vertretungen mitsamt ihren Um-
bildungen nach dem Wort 100, wie sie am
deutlichsten in aisl. þúshund, aisl., runen-
schwed. þūshundrað (vgl. aisl., aschwed. hund-
raþ), apreuß. tūsimtons (vgl. lit. itas, lett.
sìmts) auftreten, ableiten. Die Entsprechung des
balt. Wortes 100, urslav. *sto (mit Umbildung
nach der Nom./ Akk.-Endung der neutralen o-
und s-stämmigen Substantive), die entgegen
dem bezeugten Wort (aksl. sъto) den regulären
palatalen Vokal aufweist, hat wohl ebenso im
Slav. vorgelegen und ist in aksl. tysti (anstelle
von *tyti) eingegangen. Von tysti hat sich
-s- auf die Vorform *tyxti verbreitet. Im Balt.
können die bezeugten Ordinalia lit. tkstinis
und tūkstàsis auf ein neben dem Kardinale *tū-
santis vorhandenes Ordinale *tūsantas tausend-
ster
weisen, das in Verbindung mit Substantiven
nach dem Vorbild von *imtas hundertster zu
*tūstas verkürzt wurde. Die längere Form *tū-
santas müßte daneben weiter existiert haben,
*tūstas nach deren Vorbild und anderer Ordina-
lia mit der Lautfolge -ntas zu *tūstantas erwei-
tert worden und schließlich neben *tūstantas ein
Kardinale *tūstantis getreten sein. Gegenüber
dem Slav. wäre also im Balt. im Falle der Form
mit ursprünglich o-stufigem Suffix nicht die
ganze Lautform des Wortes 100 in das Wort
1000 übernommen worden, sondern nur ein al-
lein für das lit.-lett. Wort 100 charakteristi-
scher Lautstand: Im Zuge der Aufgabe des
Neutr. beim Subst. war der Ausgang *-tas des
Kardinale (gegenüber *-tom von *tóm) mit
dem des Ordinale zusammengefallen.

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Band II, Spalte 890

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