ezzan¹
Band II, Spalte 1184
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ezzan1 [-ss-] st. v. V essen, speisen, mandu-
care, (com)edere, gustare, vesci, c(o)enare
;
(auf)fressen, abweiden, grasen, (de)pascere,
-pasci
; übertr. in sich aufnehmen, begreifen,
accipere
; verschlingen, zerfressen, innerlich
verzehren, zugrunde richten, consumere
; an-
dere gram. Formen: 1. 3. sg. prät. âz, auch az
(s. u.), 2. sg. prät. âzze (zweimal), 1. pl. prät.
âzumes u. a. (bei Notker stets â-). Mhd. ez-
zen [-ss-]; andere gram. Formen: 1.3. sg.prät.
âz, aber auch az (s. u.) (s. Paul, Mhd. Gr.23
§ 249 Anm. 3), part. prät. gezzan [-ss-] (ebd.
§ 55). Nhd. essen, prät. āß, āßen, part.prät.
gegessen.

Ahd. Wb. III, 470 ff.; Splett, Ahd. Wb. I, 193; Schütz-
eichel4 105; Starck-Wells 135. 805; Graff I, 524 ff.;
Schade 155 f.; Lexer I, 718; Benecke I, 759; Dt. Wb.
III, 1160 ff.; Kluge21 175 f.; Kluge22 190; Pfeifer, Et.
Wb. 379.

Ahd. ezzan hat lautgerechte und, wie bei einem
so elementaren Begriff des menschlichen Lebens
zu erwarten, altererbte Entsprechungen in sämt-
lichen germ. Dialekten: as. etan, mndd. ēten;
andfrk. eton (s. Helten, Aostndfrk. Psalmenfrg.
23 [Ps. 58, 16] und 41 [Ps. 68, 10]), mndl. ēten,
eiten, etten, nndl. ēten; afries. eta und mit
Übertritt in die I. Kl. st. v. īta (verursacht durch
Angleichung an 2. 3. Sg. Präs. mit -i-, so Helten,
Aostfries. Gr. § 6γ. 272 Anm. 1, oder, weil der
Vokal der 1. 3. Sg. Prät. westfries. ē < urg. ǣ
[Kl. V] mit westfries. ē < urg. ai [Kl. I] zusam-
menfiel, so N. O. Heinerts, IF 35 [1915],
305 f.), nfries. ytten; ae. etan, me. ēten (3.
Sg.Prät. ēt, āt), ne. eat; anord. eta (s. u.),
nnorw. eta, ndän. æde (von Tieren), nschwed.
äta; got. itan.

Fick III (Germ.)4 24; Seebold, Germ. st. Verben 179 f.;
Holthausen, As. Wb. 17; Sehrt, Wb. z. Hel.2 108;
Berr, Et. Gl. to Hel. 103; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 621; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I,
748; Verdam, Mndl. handwb. 169; Franck, Et. Wb. d.
ndl. taal2 159; Vries, Ndls. et. wb. 162; Holthausen,
Afries. Wb.2 51 (īta); Richthofen, Afries. Wb. 717;
Holthausen, Ae. et. Wb. 94; Bosworth-Toller, AS
Dict. 259; Suppl. 195; ME Dict. E-F, 271 ff.; OED2
V, 41 ff.; Oxf. Dict. of Engl. Et. 298; Vries, Anord. et.
Wb.2 106; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 53; Holthausen,
Vgl. Wb. d. Awestnord. 53; Falk-Torp, Norw.-dän. et.
Wb. 1411; Torp, Nynorsk et. ordb. 91; Ordb. o. d.
danske sprog XXVII, 1157; Hellquist, Svensk et.
ordb.3 1449; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 296 f.; Leh-
mann, Gothic Et. Dict. I-29.

Auch die Verwandten von ahd. ezzan in den an-
deren idg. Sprachen bestätigen meist seine Ur-
tümlichkeit, ja, im Aind., Griech., Lat., Slav.,
Balt. und Heth. ist die ursprl. athematische
Konj. weitgehend erhalten: aind. 1. 3. sg. präs.
ádmi, átti; gr. inf. ἔδμεναι, 1. sg. präs. (älter)
Konj. ἔδομαι (als Futur gebraucht), 2. sg. imp.
ἔσθι; lat. 2. 3. sg. präs. ēs, ēst, inf. ēsse; aksl.
1. sg. präs. jamь (< *ēdmi), bulg. jam, russ.
poln. jem; (ält.) lit. 1. sg. präs. mi, lett. ę̄mu
(veraltet), apreuß. inf. īst (R. Hiersche,
Zfvgl.Spr. 94 [1980], 221 ff.); heth. 1. sg. präs.
et-mi < idg. *d-mi [**H1ed-] (von B. Hrozn
zuerst mit idg. *ed- identifiziert, Mitt. d. dt.
Orient-Ges. 56 [1915], 28; zur Flexion im Heth.
s. Oettinger, Stammbildung d. heth. Verbums
89). Doch ist die Neigung, das Wort den the-
mat. Verbalstämmen anzugleichen z. T. be-
stärkt durch Homonymie mit Formen, die der
Wz. *es- sein [**H1es-] entstammen weitver-
breitet, daher gr. ἔδω, lat. edō, lit. (heute) du
fresse, lett. ę̄du u. a.; nur spärliche Reflexe der
Wz. *ed- finden sich im Iran. (ersetzt durch av.
xvar-, khotansak. hvar- usw.; jungav. āiti be-
deutet nicht er soll essen; s. Bartholomae,
Airan. Wb. 58); arm. owtem ich esse (als Neu-
bildung < *ōd-ee-, s. Klingenschmitt, Altarm.
Verbum 157. 193 Anm. 38); osk. edum essen,
im Kelt.: air. ci-ni estar (Konj.) obgleich er
nicht ißt
, kymr. esu, ysu (< *ed-tu-) vorare
(s. Pedersen, Vgl. Gr. d. kelt. Spr. II, 274.
558 f.).

Das Nebeneinander von *ē und *e im Präs. Sg. deutet
auf ein athematisches Wurzelpräsens mit ē-Dehnstufe
im Sg. und e-Vollstufe im Pl.; zu diesem Typ s. J. Nar-
ten, in Kuiper-Festschrift 9 ff.

Walde-Pokorny I, 119 f.; Pokorny 287 ff.; Mayrhofer,
K. et. Wb. d. Aind. I, 28; ders., Et. Wb. d. Altindoar.
I, 61 f.; Frisk, Gr. et. Wb. I, 444 f.; Boisacq, Dict. ét.
gr.4 216; Chantraine, Dict. ét. gr. 312 f.; Walde-Hof-
mann, Lat. et. Wb. I, 392 f.; Ernout-Meillet, Dict. ét.
lat.4 191 f.; Sadnik-Aitzetmüller, Handwb. z. d. aksl.
Texten 7. 212 (Nr. 15); Trautmann, Balt.-Slav. Wb.
66; Berneker, Slav. et. Wb. I, 272 f.; Vasmer, Russ. et.
Wb. I, 398; Fraenkel, Lit. et. Wb. I, 124 f.; Mühlen-
bach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. I, 577; Trautmann,
Apreuß. Spr.denkm. 348; Tischler, Heth. et. Gl. 117 f.;
Puhvel, Hittite Et. Dict. II, 315 ff. Bartholomae,
Airan. Wb. 59; Hübschmann, Arm. Gr. I, 485; Buck,
Gr. of Oscan and Umbrian § 36, 1; Fick II (Kelt.)4 29.
Windekens, Le tokharien 316 f. vergleicht toch. A
nätsw- verhungern mit dem Adj. gr. νῆστις nicht es-
send, fastend
, wobei er für -w- auf gr. hom. ἐδητύς
Speise (nur gen. -τύος) verweist; doch ist die Herlei-
tung des toch. Wortes aus *n-ed-t- ungegessen kei-
neswegs zwingend; vgl. demgegenüber vor allem toch.
B mätsts-).

In dem wesentlich später bezeugten Germ.
wird das Wort seit Anfang der Überlieferung
wie ein themat. Verbum der V. st. Kl. behandelt:
*etan- : *ǣt- (s. u.): *ǣtum- : *etan-. Nur in ei-
nem Punkte scheint auch hier ein altertümlicher
Zug bewahrt: germ. ǣ-, der Stammvokal des
Plur. Prät. in Kl. V, dessen Herkunft noch im-
mer umstritten ist und bald als Dehnstufe von
idg. e-, bald als Kontraktion der Perfektredu-
plikation eines mit Vokal anlautenden Verbums,
also < *e-e(d)-, erklärt wird, ist analogisch
schon sehr früh auf den Sg. Prät. übertragen
worden, vgl. gr. ἐδ-ηδ-ώς Part. Perf. Akt. mit
sekundärer Reduplikation, lat. ēdī ich habe ge-
gessen
: got. frēt (doch wohl < *fra-ēt), anord.
át (dementsprechend noch ndän. aad, nschwed.
åt), ae. ǣt (ēt), me. ēt, eet(te), ne. ate, eat,
afries. ēt, mndd. at und āt (ayt) und ahd. âz.
Dieser analogische Ausgleich geht also auf ur-
germ. Zeit zurück (ja, er griff im Anord. sogar
auf den Vokal des Präs. über, spätaisl. éta, nisl.
jeta; ähnlich zuweilen auch ae. ē- im Präs. in
den Lindisfarne Gospels).

Dagegen besteht für Matzel, Gesammelte Schrif-
ten 4 ff. kein Zweifel, daß im Sg. langes ā wie in
ahd. âz usw. altererbt ist und dem langen ē von
lat. Sg. ēdī usw. ich aß unmittelbar entspricht.

Andererseits muß die analogische Längung von
ahd. az zu âz teilweise nachträglich wieder
rückgängig gemacht (oder von vornherein auf-
gehalten?) worden sein in Anlehnung an ähnlich
geformte st. Verben der V. Kl. wie saz, maz,
vergaz: so scheint Otfrid durchgehend nur az zu
verwenden (s. Braune, Ahd. Gr.14 § 343 Anm. 5)
und, wie K. Zwierzina im einzelnen nachgewie-
sen hat, war auch im Mhd., etwa bei Wolfram,
Wirnt, Gottfried, Konrad v. Würzburg u. a., die
kurzvokalische Form entweder allein oder ne-
ben âz im Gebrauche (ZfdA. 44 [1900], 12 ff.).
Diese Doppelheit macht sich außerdem bei den
mit -j- gebildeten verbalen Ableitungen vom
Wortstamme germ. *at- (*ǣt-) bemerkbar (s.
ezzen, âzen).

Zu idg. -ē- im Prät. starker Verben s. die Lit. (einschl.
laryngaltheoretischer Spekulationen) bei Leumann,
Lat. Laut- u. Formenlehre § 435 Anm. 3; zur analogi-
schen Längung des Sg. Prät. s. Braune-Ebbinghaus,
Got. Gr.18 § 176 Anm. 3; Franck, Afrk. Gr.2 § 186;
Campbell, OE Gr. § 743.

S. auch frezzan.

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