flannênto
Band III, Spalte 351
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flannênto adv., nur bei Notker, Ps.: durch
wechselndes Mienenspiel, durch Verziehen des
Mundes, der Miene, ora contorquendo
daz
chit flannendo (Fides S. 570, 6). Das Hapaxle-
gomenon ist vom Part. Präs. eines nicht beleg-
ten sw. v. III *flannēn den Mund oder das Ge-
sicht verziehen
(vgl. ebenfalls bei Notker vor-
kommendes unmuodênto unermüdlich : sw. v.
III muadên ermüden) gebildet. Auf die Exi-
stenz eines sw. v. III weisen auch mdartl. Wör-
ter mit -a- wie obersächs., hess. flannen la-
chen
(Müller-Fraureuth, Wb. d. obersächs.
Mdaa. I, 339; Frings-Große, Wb. d. obersächs.
Mdaa. I, 635; Crecelius, Oberhess. Wb. 377).
Daneben hat wohl ein sw. v. I ahd. *flennen
(< urgerm. *flannjan-), mhd. *flennen existiert,
wie mhd. flennen-bühel (unser wîngarte, der
dâ liget in Wirzeburger mark an dem flennen-
bühel
[Ortsangabe]) und frühnhd. flenner
st.m. einer, der weint, heult, plorator (Diefen-
bach, Novum gl. lat.-germ. 295b) nahelegen
(zum Nebeneinander von sw. v. der I. und III.
Kl. vgl. ahd. winnen abweiden [3.Sg.Präs.
winit] neben winên [1.Pl.Präs. winemes];
J. Schatz, Sievers-Festschrift [1925], 364). Nhd.
flennen weinen (abwertend), auch mdartl.
(z. B. schweiz., obersächs., hess., rhein.;
Schweiz. Id. I, 1199 f.; Müller-Fraureuth,
a. a. O. 343; Frings-Große, a. a. O. 648; Crece-
lius, a. a. O. 388; Vilmar, Id. von Kurhessen
105 f.; Müller, Rhein. Wb. II, 598) sprechen
gleichfalls für ein sw. v. I. Daß ein solches Verb
weder im Ahd. noch im Mhd. belegt ist, liegt
wahrscheinlich an der rein umgangssprachl.
Verwendung des Wortes. Literatursprachl.
faßbar ist das Wort erst seit dem 16. Jh. Von
der Grundbedeutung den Mund verziehen,
öffnen
aus haben sich die mdartl. Bed. den
Mund zum Grinsen, Lachen
und den Mund
zum Weinen verziehen
entwickelt.

Ahd. Wb. III, 941 f.; Splett, Ahd. Wb. I, 1216; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 298; Schützeichel5 135 (flannēndo);
Graff III, 773; Schade 203; Raven, Schw. Verben d.
Ahd. II, 213; Lexer III, 387 (vlans). 399 (flennen-bü-
hel, vlenner); Benecke III, 336 (s. v. vlans); Götz,
Lat.-ahd.-nhd. Wb. 147 (contorquēre); Dt. Wb. III,
1726 (flannen). 1768 f. (flennen); Kluge21 205 (flen-
nen); Kluge24 300 (flennen); Pfeifer, Et. Wb.2 354
(flennen). Wilmanns, Dt. Gr. II § 62 (fälschlich zu
lat. plorare gestellt); H. Glombik-Hujer, Dt. Wortf. in
eur. Bez. 5 (1968), 1 ff.

In den germ. Sprachen gibt es zu dem vorwie-
gend mdartl. gebrauchten Wort kaum Verwand-
te, im Westgerm. ist lediglich nostfries. flenten
flennen, weinen, ein weinerliches Gesicht ma-
chen
überliefert. Für die beiden sw. v. *flennen
und *flannēn ist folgender Entwicklungsweg
möglich: Sowohl iteratives *flanneje/a- als auch
mit stativischem *-ēje/a-Suffix gebildetes *flan-
nēje/a- stammen von einem st. v. III *flinna-,
das neben dem st. v. I *flīna- steht (belegt in
nnorw., schwed. dial. flīna st. v. grinsen, die
Zähne zeigen
). Ausgangspunkt der Bildung
könnte ein vorurgerm. n-Infixpräsens [**pli-n-
H-]/[**pli-n-ǝ-] zu adj. [**pliH-no-] kahl,
bloß
sein. In ahd. *flīnan wäre dann die 1.,
2. Pl. vorurgerm. [**pli-n-ǝ] verallgemeinert
worden, während ahd. *flinnan die 3. Pl. vorur-
germ. [**pli-n-H-] voraussetzt (mit urgerm.
*-nn- < vorurgerm. *-nH-; zu weiteren paral-
lelen Fällen wie urgerm. *īna- gähnen, klaffen
neben *inna- klaffen machen oder urgerm.
*kīna- aufbrechen, keimen neben *kinna-
aufbrechen vgl. R. Lühr, Mü. Stud. z. Spr.wiss.
35 [1976], 7881).

Möglicherweise liegt aber in ahd. *flīnan und
*flinnan auch eine onomatopoetische Bildung
vor (wie bei urgerm. *rinne/a- Zähne flet-
schen
und *rīne/a- winseln, den Mund ver-
ziehen
; R. Lühr, a. a. O. 90 Anm. 43).

Verwandte Bildungen sind nnorw. flire kichern,
lachen
, nschwed. dial. flira kichern (mit itera-
tivem r-Suffix) und nnorw. flisa grinsen, die
Zähne zeigen
(mit intensivem s-Suffix).

Fick III (Germ.)4 252; Doornkaat Koolman, Wb. d.
ostfries. Spr. I, 570; Vries, Anord. et. Wb.2 131; Jóhan-
nesson, Isl. et. Wb. 574 f.; Fritzner, Ordb. o. d. g. nor-
ske sprog I, 441; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord.
66; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. I, 235. 237; Ordb.
o. d. danske sprog IV, 1188; Torp, Nynorsk et. ordb.
120; Hellquist, Svensk et. ordb.3 220; Svenska akad.
ordb. F-805.

Unmittelbare außergerm. Anschlüsse fehlen.
Eine Verbindung mit wahrscheinlich denomina-
tivem (onomatopoetischem) lat. plōrō weine
(Steinbauer, Et. Untersuchungen 212) ist wegen
des unterschiedlichen Wurzelvokalismus ausge-
schlossen. Winter (Evidence 103) sieht in lat.
plōrō ein urspr. -s-Präs. [**pleH3-s-], doch
würde man dann Flexion nach der 3. Konjuga-
tion erwarten; vgl. lat. vīsere sehen wollen, De-
siderativ zu lat. vidēre sehen (LIV2 666 f.).

Walde-Pokorny II, 93; Pokorny 834; Walde-Hof-
mann, Lat. et. Wb. II, 324; Ernout-Meillet, Dict. ét.
lat.4 516. R. Lühr, a. a. O. 7392 (zur Problematik
der germ. Resonantengemination); Persson, Beitr. z.
idg. Wortf. 805 Anm. 1.; Schulze, Kl. Schriften 443
Anm. 7.

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