hart, herti
Band IV, Spalte 848
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hart, herti adj., seit dem 8. Jh. in Gl., B,
G, GB, bei N, O, in T, WH: hart, fest,
streng, drückend, schwer zu ertragen, schwer
fallend, schwierig, hart, herb, rauh, stark,
heftig; acer, asper, crudus, durus, ferreus,
grossus, indurescere (= hart werdan), lapi-
dosus, rigidus, strictus
Var.: -d-. Das
Schwanken zwischen a- und ja-Adj. ist da-
durch zu erklären, daß das Adj. ein ehemali-
ger u-St. (s. u.) war (vgl. Braune-Reiffenstein
2004: § 251 Anm. 1; zum Nebeneinander
von -herti und -hart in Namen der St. Galler
Vorakte vgl. ebd. Anm. 3). Mhd. hart, her-
te hart, grob, rauh, ausdauernd, hartnäckig,
gedrängt, dicht, drückend, anstrengend,
schwer, schmerzlich
, nhd. hart fest, keinem
Druck nachgebend, streng, scharf, heftig,
schwer erträglich
. Nhd. hart setzt mhd. hart
fort, das vor allem in nördlichen Quellen be-
legt ist, während die Form herte häufiger in
süddt. Quellen erscheint, wo sie sich dialek-
tal bis ins 17. Jh. hält (vgl. Dt. Wb. 10, 498).

Ahd. Wb. 4, 729 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 357 f.; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 520. 541; Schützeichel6 150. 159;
Starck-Wells 257. 272. 821; Schützeichel, Glossen-
wortschatz 4, 185 f. 303; Seebold, ChWdW8 154;
Graff 4, 1019 f.; Lexer 1, 1189. 1265; Götz, Lat.-ahd.-
nhd. Wb. 9 (acer). 57 (asper). 160 (crudus). 215 (du-
rus). 269 (ferreus). 332 (indurescere). 367 (lapido-
sus). 577 (rigidus); Dt. Wb. 10, 498 ff.; Kluge21 290;
Kluge24 s. v.; Pfeifer, Et. Wb.2 511.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. hard, mndd. hart, harde kühn, tapfer,
stark, hart, scharf, schwer
; andfrk. hart*
(-d-), mndl. hart, nndl. hard hart, fest, stark,
schwer, lästig, unangenehm
; afries. (nur
Adv.) herde fest, sehr ( harto), nfries.
hurd hart, nicht weich, kräftig, stark,
streng
; ae. heard, me., ne. hard hart, streng,
grausam, stark, kräftig, heftig, kühn
; aisl.
harðr (mit analogischem -a- statt lautgesetz-
lichem --; vgl. Noreen [1923] 1970: § 81 b),
nisl., fär. harður, nnorw. hard, aschwed.
harþer, nschwed., ndän. hård hart, rauh,
schmerzend, kühn, mutig, unbezwingbar

(aus dem Nordgerm. entlehnt als finn. harras
[gen. hartaan] fleißig; vgl. Thomsen 1870:
2, 176); got. hardus streng, hart; langob.
PN -ardus: < urgerm. *χarđu-.

Fick 3 (Germ.)4 78; Heidermanns, Et. Wb. d. germ.
Primäradj. 280 ff.; Holthausen, As. Wb. 31; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 220; Berr, Et. Gl. to Hel. 176 f.; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1, 238; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. 2, 210; Quak, Wortkonkordanz zu
d. am.- u. andfrk. Ps. u. Gl. 86; Quak, Die am.- u.
andfrk. Ps. u. Gl. 199; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 3,
167 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 232; Vries, Ndls.
et. wb. 237; Et. wb. Ndl. F-Ka 382 f.; Holthausen,
Afries. Wb.2 42; Richthofen, Afries. Wb. 810; Fryske
wb. 9, 149 ff.; Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries.
Spr. 2, 38; Dijkstra, Friesch Wb. 1, 523 f.; Holt-
hausen, Ae. et. Wb. 152; Bosworth-Toller, AS Dict.
521; Suppl. 523 f.; Suppl. 2, 40; ME Dict. s. v.; OED2
s. v.; Vries, Anord. et. Wb.2 210 f.; Bjorvand, Våre
arveord 346 f.; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 192 f.;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 1, 735;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 106; Falk-Torp,
Norw.-dän. et. Wb. 370; Nielsen, Dansk et. ordb. 201;
Ordb. o. d. danske sprog 7, 647 ff.; Torp, Nynorsk et.
ordb. 199; Hellquist, Svensk et. ordb.3 381; Svenska
akad. ordb. s. v.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 246 f.;
Lehmann, Gothic Et. Dict. H-43; Bruckner, Spr. d.
Langob. 264 f.; Kylstra, Lehnwörter 1, 83 f.

Urgerm. *χarđu- < vorurgerm. *kortú- ist zu
vergleichen mit gr. κρατύς, καρτύς stark,
kräftig
< *ktú- (komp. κρείσσων [< *kret-
ōn < *kret-is-on-], sup. κάρτιστος [< *kt-is-
tó- mit Wurzelvokalismus aus dem Positiv]).
Wegen des Wurzelvokalismus vorurgerm.
*-o- auf der einen und vorurgr. *-e-/-Ø- auf
der anderen Seite, wollte Strunk beide Wör-
ter aus morphologischen Gründen voneinan-
der trennen (K. Strunk, AcIr 5 [1975],
265 ff.; ders., MSS 34 [1976], 169 f.; gefolgt
von Heidermanns, Et. Wb. d. germ. Primär-
adj. 282; Mayrhofer, Et. Wb. d. Altindoar. 1,
408 f.), wobei er gr. κρατύς, καρτύς als altes
Subst. mit der Bedeutung magische Kraft
auffaßt. Dagegen spricht jedoch, daß sowohl
bereits bei Homer das deadjektivische Verb
καρτύνω stärke, befestige, herrsche als
auch die altertümliche Ablautstufe des
Komp. κρείσσων vorkommen (vgl. Lamber-
terie 1990: 1, 327). Nun steht aber neben
dem Adj. auch ein akrodynamisches Subst.
nom./akk. *krót-u-, gen. *krét-u-s Härte,
Kraft
, dessen Kasus obliquus in ai. krátu-
(magische) Kraft, Siegeskraft, Geisterkraft,
Energie
und aav., jav. xratu- Geisteskraft,
Willenskraft
, apers. xratu-, xraθu- (geisti-
ge) Kraft
fortgesetzt ist. Auch für das Germ.
ist so ein Subst. urgerm. *χarđu- Kraft,
Mut
(< vorurgerm. *kort-ú- mit einem aus
einem nachuridg. Adj. *kt-ú- stammenden
analogischen Akzent; *krót-u- hätte auf-
grund des Brugmannschen Gesetzes eine
Lautform mit indo-iran. -ā- ergeben) voraus-
zusetzen, da von einem solchen das Adj.
*χarđua- hart, trotzig > aisl. hrðugr mit
dem Possessivsuffix urgerm. *-ua- abgelei-
tet ist (zur Bildeweise vgl. Krahe-Meid
1969: 3, § 144). Es liegt somit die Annahme
nahe, daß das Adj. urgerm. *χarđu- den Vo-
kalismus analogisch nach dem Subst. er-
neuert hat (ähnlich auch bei der Ableitung
adj. uridg. *pélh1u- viel vom Subst. uridg.
nom./akk. *pólh1-u-, gen. *pélh1-u-s Viel-
heit
; filu). Auf Einfluß eines solchen
Subst., das die Grundlage für russ.-ksl.
kratъkъ, russ. korotkij, ukrain. korótkyi,
wruss. korotók, bulg. krátъk, serbo-kroat.
krátak, tschech. krátk, slowen. krátǝk, slo-
wak. krátky, poln. krótki, osorb. krótki,
ndsorb. krotki kurz (< *kortu-ko-; Erweite-
rung mit dem urspr. Diminutivsuffix *-ko-;
vgl. dazu etwa aksl. gladъkъ : ahd. glat
glatt [s. d.]; die unerweiterte Form er-
scheint in osorb. króti, ndsorb. kroty kur-
zer, kleiner Körper
[< *kort-ь-]) ist, ist
auch der Vokalismus von lit. kartùs bitter
(schmeckend)
zurückzuführen (ebenfalls
mit altem Adjektivakzent).

Andere Bildungen sind die n. s-St. gr. äol.
κρέτος Stärke, Kraft (< *krét-os-) und gr.
κράτος, κάρτος Stärke, Kraft (< *kt-os-
mit Wurzelvokalismus nach dem Adj.).

Die oben angeführten Wörter sind wohl Ab-
leitungen der Verbalwz. uridg. *(s)kret-
(oder *[s]kert- [?]) (zer-)schneiden (
skrintan). Die einzelsprachlichen Bedeutun-
gen lassen sich dann unter einer Grundbe-
deutung abgeschnitten vereinigen, aus der
die Bedeutungen scharf ( rauh, hart,
eigtl. mit scharfer Kante) sowie kurz her-
vorgegangen sind.

Abweichend Widmer 2004: 181, der zur Erklärung
der Formen mit -Vr- neben -rV- von Schwebeablaut
ausgeht.

Fern bleibt lat. curtus kurz, das zur Wz. uridg.
*ker- (ab-)schneiden, schnitzen gehört (< *k-tó-;
vgl. Meiser 1998: § 49, 2). Unklar ist die Zugehörig-
keit von ai. uka- scharf, beißend, das möglicher-
weise mit mi. Lautung für **kt- steht, aber auch dra-
vidischer Herkunft sein kann (vgl. Mayrhofer, K. et.
Wb. d. Aind. 1, 143; ders., Et. Wb. d. Altindoar. 1,
290).

Walde-Pokorny 1, 354 f.; 2, 577 ff.; Pokorny 531 f.
941 f.; LIV2 559 f.; Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. 1,
276; ders., Et. Wb. d. Altindoar. 1, 407 f.; Bartholo-
mae, Airan. Wb.2 535 f.; Brandenstein-Mayrhofer
1964: 125; Frisk, Gr. et. Wb. 2, 8 ff.; Chantraine, Dict.
ét. gr. 578 f.; Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 131; Berne-
ker, Slav. et. Wb. 1, 577; Trubaev, Et. slov. slav. jaz.
11, 101 ff.; Vasmer, Russ. et. Wb. 1, 633 Schuster-
ewc, Hist.-et. Wb. d. Sorb. 682 f.; Fraenkel, Lit. et.
Wb. 225. Bammesberger 1990: 262; Schaffner
2001: 586; Neri 2003: 212 ff.; Widmer 2004: 180 ff.

S. skrintan.

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