huon
Band IV, Spalte 1260
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huon n. a-St., in Gl. seit dem 1. Viertel
des 9. Jh.s, bei O: Huhn, Hühnchen; pullus,
wildiz huon wildes Huhn; volucris (Gl.
1,648,67, Clm. 22201, 12. Jh.; zur Überset-
zung vgl. Matzel 1957: 35) Var.: hon, hun,
-ua-, -ow-; nom.pl. honir. hunt in Gl.
3,459,3 (Paris, Lat. 9344, um 1000/11. Jh.,
mfrk.; vgl. auch rebhount [Gl. 3,459,4 in
derselben Hs.], rebhunt [Gl. 3,24,26, Cod.
14745, 14. Jh., obd.] rebahuon Reb-
huhn
) ist mit einem etymologisch nicht be-
rechtigten -t gebildet. Mhd. huon, hôn st. n.
(pl. hüener) Huhn, auch zur Verstärkung
der Negation nicht ein huon überhaupt
nichts
, in Vergleichen zur Bezeichnung der
Orientierungslosigkeit als ein toubez huon,
nhd. Huhn n. Haushuhn, mdartl. schweiz.
hu(e)d, pl. hüender (neben huen, hüener),
rhein. hont (neben regelrechtem huhn) mit
unetymologischem -t (s. o.; Schweiz. Id. 2,
1370; Müller, Rhein. Wb. 3, 901), in zahlrei-
chen Redewendungen (z. B. die Hühner mel-
ken wollen etwas Vergebliches unternehmen
wollen
, mit den Hühnern zu Bett gehen sich
zeitig schlafen legen
, da lachen [ja] die
Hühner das ist unsinnig, lächerlich).

Ahd. Wb. 4, 1381 f.; Splett, Ahd. Wb. 1, 351; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 571; Schützeichel6 171; Starck-Wells
293; Schützeichel, Glossenwortschatz 4, 451; Berg-
mann-Stricker, Katalog Nr. 610. 681. 752; Graff 4, 958;
Lexer 1, 1391; 3, Nachtr. 252; Dt. Wb. 10, 1875 ff.;
Kluge21 282 (s. v. Hahn); Kluge24 s. v.; Pfeifer, Et. Wb.2
560. Suolahti [1909] 2000: 228. 231; Neuß 1973:
108 f.; RGA2 15, 202204. Friedrich 2006: 230 f.;
Röhrich 2004: 2, 751 ff.

Das ahd. Wort hat in weiteren westgerm.
Sprachen und im Nordgerm. Entsprechungen:
as. hōn st. n. Huhn, mndd. hōn, hn n.
Haushuhn, Henne; andfrk. im Beinamen
Honre-crop Hühnerkropf (a. 1070; s. F.
Debrabandere, Leiegouw 22 [1980], 49),
mndl. hoen n. (pl. hoenre, hoener) Huhn,
nndl. hoen n. Huhn; ae. nur in ON wie Hens-
brōc, heute Henbrook, Worcestershire (Ur-
kunde a. 770, mit Kürzung aus *hēns; vgl.
Brunner 1965: § 288 Anm. 8).

Im Nordgerm. ist das Wort ein Pluraletantum:
aisl. hœns n. a-St. (< s-St.; vgl. Darms 1978:
129), hœnsn, hœsn (mit Schwund von n vor s;
vgl. Noreen [1923] 1970: § 299, 4) Hühner,
nisl. hœnsni, norw. høns, dän. høns, nschwed.
höns Hühner.

Ahd. huon usw. < urgerm. *χōnan- gehört zu
ahd. hano Hahn (s. d.) und seinen Verwand-
ten.

Anders E. P. Hamp, NTS 28 (1974), 6 Anm. 2, der mit
nicht überzeugenden Argumenten urgerm. *χōna- (An-
satz *χōni-) von *χanan- ( hano) trennt und zu lat.
ciconia f. Storch und russ. kanjúk, kánja Weihe
stellt.

Von der Wortbildung her ist urgerm. *χōnan-
eine dehnstufige Bildung, eine Vddhi-
ableitung, zu *χanan-. Da n-Stämme bei der
Vddhibildung von der Schwundstufe des Suf-
fixes aus thematisiert werden (vgl. ai. pūán-
m. Name eines Gottes mit hochstufigem -an-
: pauá- zu pūán- gehörig mit schwund-
stufigem -n-; Wackernagel [18961964]
195487: 2, 2, 125), ist zunächst *χōn-n-a- zu
erwarten. Mit Vereinfachung der Geminata
nach Langvokal ergibt sich urgerm. *χōnan-.

Nach Bammesberger 1990: 176 f. wäre aus urgerm.
*χōn-n-a- mit Osthoffscher Kürzung *χanna- entstan-
den, doch tritt eine Vokalkürzung gemäß Osthoff nur
vor Resonant + Konsonant ein, nicht aber vor Doppelre-
sonant.

Für die Vddhiableitung urgerm. *χōnan- n. ist
eine kollektive Bedeutung Hausgeflügel an-
zunehmen (vgl. demgegenüber *χannōn- f.
als die zum *χanan- [Hahn] Gehörige
henna). Der Pl. ahd. huonir und das Plurale-
tantum aisl. hœns < urgerm. *χōniz- weisen
auf einen *-iz/az-St. Dieser muß aber erst se-
kundär gebildet sein, da Dehnstufe und s-
Stamm nicht miteinander vereinbar sind. Die
Pluralflexion ist bei diesem Kollektivbegriff
wohl dann aufgekommen, als das junge Ein-
zeltier der Gattung Hausgeflügel bezeichnet
wurde. Dabei war ein Anschluß an die n.
*-iz/az-St. zur Bezeichnung von Jungtieren
naheliegend (vgl. ahd. lamb : lembir, kalb :
kelbir; s.dd.). Die Bedeutungsverschiebung
vom Kollektiv zum Singulativ ist also der
Grund für einen Übertritt in die *-iz/az-
Stämme. Die urspr. Form des Stammes war
urgerm. *χōnan- n. (vgl. Darms 1978: 131).

Fick 3 (Germ.)4 69 f.; Holthausen, As. Wb. 36; Wad-
stein, Kl. as. Spr.denkm. 24. 29. 32. 37. 39. 193; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1, 348; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. 2, 293; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 3, 475;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 255; Vries, Ndls. et. wb.
260; Et. wb. Ndl. F-Ka 441; Vries, Anord. et. Wb.2 278;
Bjorvand, Våre arveord 418; Jóhannesson, Isl. et. Wb.
191; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 2, 160; Holt-
hausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 139; Falk-Torp, Norw.-
dän. et. Wb. 1, 453; Nielsen, Dansk et. ordb. 174 (s. v.
hane); Ordb. o. d. danske sprog 8, 1250 ff.; Torp, Ny-
norsk et. ordb. 239; Hellquist, Svensk et. ordb.3 395;
Svenska akad. ordb. s. v. Walde-Pokorny 1, 351; Po-
korny 526. M. Leumann, IF 61 (1952), 9 f.;
Kuryłowicz 1956: 159; Krahe-Meid 1969: 3, § 61; W.
Schenker, PBB 93 (Tübingen, 1971), 4658; Darms
1978: 124133; Bammesberger 1990: 176 f.; KS Schle-
rath 2000: 2, 762 f.

Weiteres zur Etymologie s. hano.

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