irbarmên
Band I, Spalte 478
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irbarmên sw.v. III Var.: ar-; -parm-, -baram-,
-barim-, -param-, -parim- sich herablassen,
(j-n) bemitleiden, condescendere, compati, mise-
rere, miserari; (j-s) Mitleid erregen, (j-n) erbar-
men; (refl.) sich der Not (j-s) annehmen; (auch
unpers.) es erbarmt (mich j-s)
. Mhd. erbar-
men Erbarmen haben, bemitleiden; dauern
(mit dem Akk. des Erbarmenden und dem
Nom. des Bemitleideten); auch unpers. Nhd.
erbarmen Mitleid erregen, (refl.) sich erbar-
men
.

Ahd. Wb. I, 816 ff.; Schützeichel3 12; Starck-Wells
41; Graff I, 423 f.; Schade 24. 41; Lexer I, 608; Be-
necke I, 59 f.; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 136 (compas-
sio, -pati). 363 (misereri); Dt. Wb. I, 1134 ff. III,
701 ff.; Kluge21 170; Trübners Dt. Wb. II, 211.

Ahd. irbarmên zählt, wie das dazugehörige Adj.
armherz (s. d.) barmherzig = misericors noch
viel klarer beweist, zu den ahd. Lehnüberset-
zungen, mit deren Hilfe oft für gewisse Be-
griffe der christlichen Lehre zum ersten Mal
heimische Worte gefunden wurden: so wie im
kirchlichen Latein aus miser und cor ein Kom-
positum misericors barmherzig gebildet und
von dem Adj. miser ein Verbum miserere abge-
leitet worden war, so jetzt im Ahd. nach dem
Vorbild der lat. Zss. ein armherz (s. d.) und
nach dem Muster der Ableitung miserere ein
ahd. ir-b-armen, mit transitivierendem bi-, s.
Wilmanns, Dt. Gr. II § 106, und mit zusätzli-
chem (privativem?) Präfix ir-, s. Wilmanns II
§ 123, S. 157 Anm.

Das ahd. Wort hat in den meisten altgerm. Dia-
lekten Entsprechungen, die sich aber in den
Einzelheiten der Bildungsweise Präfix sowohl
wie Verbalklasse vielfach unterscheiden und
eben dadurch bestätigen, daß es sich in diesem
Falle nicht um Erbwörter handelt, die von einer
gemeinsamen Grundform abstammen, sondern
um individuelle Formationen, die im Zuge der
schrittweisen Christianisierung sich von Fall zu
Fall herausgebildet haben.

Aus demselben Grunde sind auch außergerm. Ver-
wandte so gut wie nicht zu belegen, vielleicht mit
Ausnahme des umstrittenen armen. oł-ormim er-
barme mich
, einer Verbalform, die A. Meillet (MSLP
10 [1898], 280) ohne Bedenken zu got. arms miser
stellte, mit Reduplikation der Stammsilbe und Dissi-
milation des ersten r zu ł. H. Pedersen erklärte sich
damit einverstanden, Zfvgl. Spr. 39 (1906), 408, ob-
wohl er noch im selben Artikel (S. 416) die Möglich-
keit andeutete, daß das armen. Wort zu gr. ἐλεαίρω
bemitleiden gehören könnte (vgl. Walde-Pokorny I,
184); vgl. auch Pokorny 306, der es, nicht ohne Fra-
gezeichen, unter der idg. Wz. *el-, *ol- vernichten,
verderben
notiert, zusammen mit armen. ełen Un-
glück
.

As. armōn sw.v. II arm, dürftig sein ist, wie auch
ahd. armên sw.v. III (inchoativ) arm werden, keine
Lehnübersetzung, sondern direkt vom Adj. arm und
seiner konkreten Bedeutung (s. d.) abgeleitet.

Nndd., mndl. erbarmen, auch ir-, derbarmen
(-bermen) gehen, wie mhd., auf ahd. irbarmên
zurück, soweit nicht Bildungen mit anderen
Präfixen wie etwa mndd. en(t)-, vor- oder
mndl. on(t)-, ver- an ihre Stelle getreten sind;
ae. earmian sw.v. II (< *arm-ōj-an-) sich er-
barmen
ist Lehnübersetzung nach dem Muster
von lat. miserere, wohl auch ae. of-earmian, eine
Zss. mit dem ae. Präfix of- (betont æf-, s. Sie-
vers-Brunner, Ae. Gr.3 § 51. 143), das lautge-
schichtlich dem ahd. ab(a) ab, von weg ent-
spricht (s. d.); aisl. erma (ohne Präfix) ist sw.v.
der I. Klasse (< *arm-j-an-) mit der Bed. für
arm halten, bedauern
, ein Verbum, das nur im
geistlichen Schrifttum begegnet; die neuskand.
Entsprechungen sind aus dem Niederdt. (sik
vorbarmen) entlehnt, so ndän. forbarme sig,
nschwed. förbarme sig, dazu (auch ohne Präfix)
nnorw. (for)barma seg und nisl. barma sér. Auch
das got. arman, neben ga-arman sw.v. III, ist
Lehnübersetzung nach dem Vorbild der Ent-
wicklung von miserere aus miser (nicht nach gr.
ἐλεεῖν, vgl. F. Kluge, PBB 35 [1909], 148 f.; zum
Einfluß des Lateinischen aufs Gotische s. M.
H. Jellinek, PBB 47 [192223], 446 f. und die
dort zitierten eingehenden Forschungen von
C. Jireek in Denkschriften d. Wiener Akad.,
Phil.-hist. Kl. 48, III S. 13 ff.).

Für sich stehen die mit ontf- beginnenden
mndd., mndl. und nndl. Formen, die wohl auf
älteres *af-, *ofarmen (oder -ermen) zurückge-
hen dürften: nach Schwund des anl. unbetonten
Vokals wurde die nicht mehr verstandene
Funktion des anl. f- durch die gleichbedeu-
tende Vorsilbe ont- ersetzt (ähnlich wie die für
das Mittelndd. bezeugte zwiefach transitivierte
Bildung bebarmen bejammern). So ergaben
sich konkurrierende Formen wie mndd. ent-,
untfarmen (-fermen), auch -varmen, -vermen,
mndl. ontfarmen, -faermen, -fermen und nndl.
ontfermen bemitleiden.

Walde-Pokorny I, 184; Pokorny 782; Holthausen, As.
Wb. 4 (armōn); Sehrt, Wb. z. Hel.2 35; Berr, Et. Gl. to
Hel. 36; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 535.
555. 578; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I, 161. 667 f.
701. 713; Verdam, Mndl. handwb. 165. 429; Franck,
Et. wb. d. ndl. taal2 34 f. 157. 472; Vries, Ndls. et. wb.
159. 486; Holthausen, Ae. et. Wb. 86. 186; Bosworth-
Toller, AS Dict. 234. 729; Suppl. 172; ME Dict. EF,
226 (ermen); Vries, Anord. et. Wb.2 104; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 947; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord.
52; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog I, 351; Falk-
Torp, Norw.-dän. et. Wb. 253; Torp, Nynorsk et. ordb.
17; Hellquist, Svensk et. ordb.3 257; Feist, Vgl. Wb. d.
got. Spr. 57.

Noch immer umstritten ist das Verhältnis der Präfix-
reste b- in ahd. ir-b-armen und of- bzw. f- in ae. of-
earmian bzw. mndd. mndl. nndl. ont-f-armen, -ermen.
Nachdem sich F. Kluge zweimal für ihre geschichtli-
che Identifizierung eingesetzt (Zfdt.Wortf. 8
[1906/07], 29 und PBB 35 [1909], 149) und trotz H.
Osthoffs wohlbegründeter Skepsis (PBB 18 [1894],
249. 251 ff.) ist Braune, Ahd. Gr.13 § 77 Anm. 3, noch
immer geneigt, die Herleitung des -b- in ahd. irbar-
mên aus germ. *a(a)- ernstlich in Betracht zu zie-
hen; auch Th. Frings hat sich ähnlich zustimmend ge-
äußert (Germania Romana I2 21 Fn. 2).

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