âtum
Band I, Spalte 391
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âtum m. a-St. Atem, Hauch, (heiliger od. bö-
ser) Geist, spiritus
Var.: atam, -em, -im; hatem
(Gl. 1, 351, 30); adum (Isid.; Weiß. Kat. neben
atum); auch zweimal (12. Jh.) ât(e)mo m. n-St.
Mhd. âtem, âten (md. âdem); nhd. Atem,
Odem (s. u.).

Ahd. Wb. I, 688. 691 f.; Schützeichel3 11; Starck-
Wells 37; Graff I, 155; Schade 33 f.; Dt. Wb. I, 591 ff.
(Athem); VII, 1147 f. (Odem); Kluge21 34; Lexer I,
103. Zum unverschobenen d im Fränk. vgl. Franck,
Afrk. Gr.2 § 89, 2; zum Sproßvokal vgl. Braune, Ahd.
Gr.13 § 65 Anm. 1.

Das ahd. Wort setzt eine urg. Grundform
*ǣđma- voraus; auf *ǣþma- dagegen führen as.
āđom Atem, Geist; mndd. ādem, ātem (< *ād-
me mit t aus d vor m nach Sarauw, Nddt.
Forsch. I, 397; Lasch-Borchling, Mndd. Hand-
wb. I, 1, 14; vgl. auch ātmen neben ādemen at-
men
) zurück; desgl. mndl. adem, asem (āsem <
*āþþm- in den casus obliqui nach Franck, Et.
wb. d. ndl. taal2 10; Mndl. Gr. § 102, Anm. 3;
Meer, Hist. Gr. d. ndl. Spr. I, § 119, Anm. 2 [mit
Gemination vor m: vgl. H. Paul, Zfdt. Wortf. 1
(1901), 334; Hirt, Handb. d. Urgerm. I, § 64, 6];
anders Th. Frings, PBB 55 [1931], 312 f.: analo-
gisch zu wasem warmer Dampf); vgl. auch āse-
men neben ādemen atmen; afries. ēthma (m. n-
St.); ae. ǣðm Atem, Hauch. Das Wort ist im
Nord- und Ostgerm. nicht belegt.

Afries. omma (Holthausen åmma) mit derselben Be-
deutung, das früher aus *ǣþma hergeleitet wurde (so
Richthofen, Afries. Wb. 721; Helten, Afries. Gr. § 17.
48. 125λ), ist aus *an-ma- assimiliert und gehört zur
idg. Wz. *an(ǝ)- atmen, in got. *uz-anan aushau-
chen
; vgl. gr. ἄνεμος, lat. animus ( anado). Vgl.
Siebs, Gesch. d. fries. Spr. § 37, Anm. 1; Holthausen, A-
fries. Wb. 3; Pokorny 38.

Eine ahd. Form, die urg. þ voraussetzt, ist in
dem vom Subst. abgeleiteten Verb âdhmôn
(zweimal Isidor), âthmôn (Gl. 2, 611, 42, eine
fränk. Hs. aus dem 12. Jh.) zu finden (vgl. die
mndd., mndl., nndl. Formen oben und ae.
ǣðmian; s. auch K. Matzel, AfdA. 75 [1964],
100; ders., PBB 88 [Tübingen, 1966], 34 Anm.
12, der auch âdum bei Isidor auf -þ- zurück-
führt, was sehr zweifelhaft ist); sonst hat das
Ahd. immer âtamôn (âtomôn, âtemôn). Ob die
durch Luthers Einfluß in die gehobene Sprache
eingedrungene mdartl. Nebenform Odem (mit
mdartl. ō < ā: vgl. Kienle, Hist. Laut- u. For-
menlehre d. Dt.2 § 43; V. Moser, Frühnhd. Gr.
§ 75, 2; Weinhold, Mhd. Gr.2 § 80) md. d für t
(so V. Moser, a.a.O. § 143, Anm. 37; Dt. Wb.
VII, 1147 f.) oder d aus urg. þ hat (so Paul, Dt.
Gr. I, 324 [§ 203]; Wilmanns, Dt. Gr. I, § 23,
4 d; Wright, Hist. Germ. Gr. § 274), ist nicht si-
cher.

Pauls Versuch (Zfdt. Wortf. 1 [1901], 334), ahd. âtum
mit den anderen germ. Formen in Einklang zu brin-
gen, indem er das t < tt < þþ mit Gemination vor m
wie im Ndl. erklärt, überzeugt nicht.

Fick III (Germ.)4 24; Holthausen, As. Wb. 4; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 3; Berr, Et. Gl. to Hel. 17; Schiller-Lüb-
ben, Mndd. Wb. I, 15; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 14; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 10;
Vries, Ndls. et. wb. 8 f.; Richthofen, Afries. Wb. 721;
Holthausen, Afries. Wb. 22; ders., Ae. et. Wb. 13; Bos-
worth-Toller, AS Dict. 23.

Urverwandt ist aind. ātm (ātmán-) Hauch,
Seele, Selbst
, das idg. *ētmén- voraussetzt; die
germ. Wörter führen auf idg. *tmn-/-mn-
(afries. ēthma, spätahd./frühmhd. ât[e]mo),
*tm(n)-os (as. āđom, ae. ǣðm), *ētm(n)-ós
(ahd. âtum) zurück.

Zur Behandlung von idg. -mn- vgl. J. Schmidt, Kritik
d. Sonantentheorie 113 ff.; Hirt, Idg. Gr. I, § 289;
Brugmann, K. vgl. Gr. § 162, 4; zur Betonung vgl.
Schmidt, Kritik 115 ff. Andere nicht überzeugende
Deutungen von aind. ātm führt Mayrhofer, K. et.
Wb. d. Aind. I, 73 (ātm), 528 f. (tm, tmán-) an.

Hierher vielleicht auch air. athach (< *ǝt-āko-)
Hauch, Wind nach Fick II (Kelt.)4 8; Walde-
Pokorny I, 118; Pokorny 345; Mayrhofer I, 73;
Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. A99 f. (rappro-
chements suspects
).

Wie verlockend die Ähnlichkeit mit gr. ἀτμός
Dampf, Dunst, Rauch auch sein mag, so machen es
die Formen ἀετμόν τὸ πνεῦμα, ἄετμα φλόξ Hesych
fast sicher, daß ᾱ̓τμός (also mit langem ᾱ!) eine Kon-
traktion von *ἀϝετμός darstellt und zur Basis *(a)e-
gehört ( wâen, wint). So Frisk, Gr. et. Wb. I, 179 f.;
Chantraine, Dict. ét. gr. 134; Boisacq, Dict. ét. gr.4 97
(etwas zögernd); Walde-Pokorny I, 118. 221; Po-
korny 82; unsicher J. Schmidt, Kritik 100. Über-
raschenderweise stellt es Berr, Et. Gl. to Hel. ohne
Fragezeichen zu as. āđom!

Nach Kuiper, Notes on Vedic Noun Infl. 19 f., ist Ver-
wandtschaft mit gr. (hom.) ἦτορ Herz und av.
xvāϑra- (< *suātra-) Wohlbehagen möglich, was
ahd. âtum in Verbindung mit der Sippe von ahd. âdra
(s. d.) bringen würde. Sehr zweifelhaft, trotz der Zu-
stimmung von Kluge21 34 (nur ἦτορ).

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