-al
Band I, Spalte 131
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-al, ein Suffix, das ahd. und im Germ. über-
haupt fast ausschließlich dazu diente, Adjektive
mit der Bed. Neigung, (tadelhafte) Gewohn-
heit
zu bilden, wurde meist an Verbalstämme
angefügt und zwar mit Endbetonung, wie sich
aus der vorwiegenden Tiefstufe des Wurzelvo-
kals und gram. Wechsel des darauffolgenden
Konsonanten sowie aus der Akzentuierung
griech. Gegenstücke schließen läßt (s. u.): ahd.
trunkal trunksüchtig (s. d.), ae. flugol fugitivus,
flüchtig
, anord. þagall (neben þgull) schweig-
sam
; jedoch mit Ausgleich zugunsten des
stimml. Reibelauts got. skaþuls schädlich u. a.
Das Suffix war in älterer Zeit über das ganze
germ. Sprachgebiet verbreitet, wobei der Vokal
im Got. fast immer, auch im Anord. vorwiegend
auf -u- lautete, im Westgerm. beinahe aus-
schließlich auf -a-, nur gelegentlich auf -i-; Ab-
leitungen auf -il wie ahd. kragil schwatzhaft,
durhil durchlöchert, luzzil klein sind sehr
vereinzelt. Wie weit dieser Vokalwechsel in al-
tem Ablaut (-ol-: --: -el-, s. Braune, Ahd. Gr.13
§ 64 Anm. 2) oder späterem phonologischem
Wandel und analogischem Ausgleich (s. No-
reen, Urg. Lautlehre 62 f.; ders., Aisl. Gr.4
§ 173, 1) begründet ist, läßt sich kaum entschei-
den; jedenfalls spielt alter Stammauslaut kaum
eine Rolle, da meist Verbal-, nicht Nominal-
stämme zugrundeliegen. Vgl. got. sakuls streit-
süchtig
, slahuls (auch -als) zum Schlagen ge-
neigt
; aisl. gjfull (selten gjafall) freigebig, hu-
gall achtsam (flá-hugull hinterlistig), frull
umherstreifend (ferill Reisender); ae. slāpol
schlafsüchtig; ne. nur noch fickle (me. fikel,
ae. ficol) unbeständig; afries. schamel arm;
mndl. behag(h)el stolz, übermütig; as. wankol
unstät; ahd. swîgal schweigsam, forahtal
furchtsam, âgezzal vergeßlich, dazu von No-
minalstämmen etwa wortal verbōsus, sprâchal
beredt, disertus, âzal gefräßig, edax; gerade
im Ahd. erscheinen vielfach Ableitungen auf -al
neben einfacheren Bildungen oder solchen auf
-ar und ohne ersichtlichen Unterschied der
Bed., wie wankal neben wank, forahtal neben
forahtîg, -lîh, ferner dunkar neben dunkal, wak-
kar neben wachal u. a. Aber schon im Mhd.
verlieren sich viele dieser Adjektive, außer etwa
âgezzel vergeßlich, stechel stechend, wankel
schwankend (neben wanc) oder werden durch
Ableitungen auf -sam, -haft u. ä. verdrängt. Nur
wankel- blieb in Zss. wie wankelmütig bis ins
Nhd. lebendig; dazu etym. so undurchsichtige
Formen wie nhd. steil (aus ndd. steigel mit spi-
rant. Aussprache des intervok. -g-), ahd. steigal
(s. d.).

Kluge, Nom. Stammbildung3 § 19 f.; Grimm, Dt. Gr.a
II, 97 f.; Graff II, 13 (Übersicht); Wilmanns, Dt. Gr.
II § 321; Henzen, Dt. Wortbildung2 § 127; Weinhold,
Mhd. Gr.2 § 269.

Auch außergerm. fehlt es nicht an Entsprechun-
gen in Form und Bedeutung: so gr. τροχαλός
im Kreise laufend (zu τρέχω laufe), mit
Dehnstufe) φειδωλός sparsam, schonend; lat.
crēdulus leichtgläubig, querulus zu klagen ge-
neigt
, bibulus trunksüchtig (-ulu- wohl aus
*-elo-), daneben mit -ē- oder -ā-: crūdēlis
grausam (zu crūdus), līberālis freigebig (zu lī-
ber); vgl. lit. skupuolélis Geizhals (zu skupúoti
geizen); hierher gehören auch die im Verbal-
system gebräuchlichen -l-Bildungen des Arme-
nischen, wie beroł tragend, des Slavischen wie
aksl. dlalъ gearbeitet (habend), russ. byl ist
gewesen
sowie des Tocharischen A (auf -l)
kärsnāl zu wissend-, B (auf -lle) tärkanalle zu
entlassend-
.

Brugmann, Grdr.2 II, 1 § 264 Anm.; Wackernagel,
Aind. Gr. II, 2 § 693; Schwyzer, Gr. Gram. I, 483 ff.;
Leumann, Lat. Laut- u. Formenlehre § 283 (s. auch B.
Zucchelli, Studi sulle formazioni in -lo non diminu-
tive, Parma, 1969); Leskien, Nom.bildung im Lit. 494.
Meillet, Esquisse de l’Arménien classique2 127 ff.;
Meillet-Vaillant, Slave commun2 262; W. Thomas, Die
tocharischen Verbaladjektive auf -l: eine syntaktische Un-
tersuchung (Berlin, 1952).

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