ahil
Band I, Spalte 105
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ahil(?) m. a-St.(?) (nur einmal belegt, Gl. 1,
603, 43, Clm. 19440 Tegernsee, 10./11. Jh.)
Ähre, spica. Im Mhd. begegnet keine entspre-
chende Form, aber nhd. Achel in landschaftli-
cher Geltung (s. u.).

Ahd. Wb. I, 68; Stark-Wells 18; Graff I, 134; Ade-
lung, Gr.-krit. Wb. d. hd. Mda. I, 159 (Agen); Dt. Wb.
I, 162; Wb. d. dt. Gegenwartsspr. I, 88; Kluge21 11
(Ähre).

Es mag wohl sein, daß ahd. ahil nur eine Ver-
schreibung ist für ahir (s. Ahd. Wb. I, 68). Da-
für spricht das siebenfache Zeugnis von For-
men mit -r in parallelen Hss., Gl. 1, 603, 435
(obwohl Steinmeyers Anm. zeigt, daß in einem
Falle ehir aus *ehil korrigiert ist), dafür spricht
das gemeinsame Lemma spica = Ähre, statt
palea oder festūca (obwohl sich die Bedeutun-
gen sehr nahestehen) und dafür spricht der nur
einmalige Beleg für ahil im Ahd. sowie das völ-
lige Fehlen einer mhd. Entsprechung (obwohl
das bei dem vorwiegend literarischen Charakter
unserer hochmittelalt. Überlieferung kaum ver-
wundert). Andererseits ist nicht zu verkennen,
daß Formen mit -l heutzutage mundartlich
noch in breiter Streuung begegnen, daß im
Engl. formal verwandte und bedeutungsmäßig
identische Gegenstücke mit -l-Suffix vertreten
sind und daß, wenngleich weniger ausgedehnt
und oft mit anderem Sachgehalt, auch in ande-
ren idg. Sprachen wie slav., arm., lat. und kelt.
verwandte Bildungen mit -l- auftauchen.

Im Germ. ist wohl eine Grdf. *ahila-/*aila-
(mit gram. Wechsel) anzusetzen, wovon einer-
seits ae. egle, -an ear of grain, spica, arista, fe-
stuca, glumula
, me. eile (eigle), ne. ail sowie
ndd. agel, egel, andererseits ahd. ahil abzuleiten
sind (s. F. Holthausen, Zfvgl.Spr. 70 [195152],
201); in der obd. (-bair.) Form ahil des 10./11.
Jh.s verhinderte germ. -h- die Umlautwirkung
des folgenden -i- (s. Schatz, Ahd. Gr. § 51).

Fick III (Germ.)4 7; Holthausen, Ae. et. Wb. 89
(egl[e]); ders., PBB 45 (1921), 299; Bosworth-Toller,
AS Dict. 244; Suppl. 184; ME Dict. EF, 44; OED I,
196 ( ail).

Außergerm. gehören hierher aus dem Slav.
aksl. osla (= ἀκόνη) Schleifstein, russ. osëlok,
auch oslá dss., poln. osła, osełka, dazu
bulg. osíl Granne; arm. asełn (gen. asłan) <
*a-lōn, *a-l Nadel; andere -l-Ableitungen,
zu einer -u-Erweiterung der Basis *a-
(**H2e-) spitzig, scharf, sind lat. ac-uleus
Stachel (von Tier oder Pflanze), vgl. anord.
(soð-)áll Fleischgabel (< *ah-walō) (< *a-
olā) und ae. awel kleine dreizinkige Gabel (<
*aw- mit gr. Wechsel); kymr. ebill Bohrer,
abret. epill, mbret. ebil, nbret. ibil Stift, Nagel
(< urkelt. *ak--īlio-) und akymr. ocoluin,
mkymr. agalen, (h)ogalen, mbret. hygoulen,
nbret. higolen Schleifstein (< urkelt. *āk-u-
lēnā mit Dehnstufe). Anstatt freikonstruierter
Ableit.silben wäre auch an Zss. mit einem zwei-
ten Wortelement zu denken (Hamp brieflich).

Walde-Pokorny I, 29; Pokorny 19; Benveniste, Origi-
nes 5 f.; Miklosich, Et. Wb. d. slav. Spr. 227; Traut-
mann, Balt.-Slav. Wb. 15; Vasmer, Russ. et. Wb. II,
281; Meillet, tudes sur l’étym. du v. slave 419;
Hübschmann, Arm. Gr. 421; ders., Arm. Stud. I, 20;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 11 (aculeus); zu
anord. -áll, ae. awel: Zupitza, Germ. Gutturale 63; H.
Weyhe, PBB 30 (1905), 134; O. B. Schlutter, Anglia
30 (1907), 245 f.; 40 (1916), 352 ff.; Vries, Anord. et.
Wb.2 6; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 12 f. Fick II
(Kelt.)4 5; Dict. of Welsh 47 (agalen). 1155 (ebill);
Henry, Lex. ét. du breton mod. 163 (higolen). 172
(ibil); Pedersen, Vgl. Gr. d. kelt. Spr. I, 412. 543.

Die heute in landschaftlicher Umgangssprache weit-
verbreitete Wortform Achel wird meist mit ahd. ahil
identifiziert. Dabei ist aber ein Doppeltes zu beden-
ken. Das Ausbleiben des Umlauts setzt neben ahd.
ahil eine Variante mit -al oder -ul-Suffix voraus, ge-
nau so wie neben urg. *ahiz (> ahir) ein *ahaz und
*ahuz anzunehmen war ( ah1; vgl. lat. ac-ul-eus,
Pokorny 19). Und zweitens: intervok. ahd. -h-, das
dem germ. Reibelaut entspricht, also nicht aus germ.
-k- verschoben wurde, ist nhd. weitgehend verstummt
(vgl. nhd. weihen, zehn) und hat höchstens in Teilen
des Obd. seine Aussprache als Hauchlaut (noch selte-
ner als Reibelaut) bewahrt. So bleibt zur Erklärung
des intervok. -ch- in nhd. Achel nur der Hinweis auf
die verschärfende Wirkung der Ableitungssilbe mit
Liquida oder Nasal, hier -il/-el; demgemäß wird,
worauf wohl H. Paul zuerst hingewiesen hat (Dt. Gr.
§ 89, 2 und 141 Anm.) zwar mhd. morhe zu nhd.
Möhre [mø:rǝ], aber mhd. morhel zu Morchel mit
-ch-.

Was die gegenwärtige mdartl. Verbreitung von achel
im einzelnen anbelangt, so hat schon Adelung (1774)
beobachtet, daß diese Form besonders in Niedersach-
sen zu Hause sei (s. auch Jungandreas, Ndsächs. Wb.
I, 24), aber darüber hinaus melden die Mda.wbb. von
heute (oft in Konkurrenz mit Ail, Eil, Agen u. a.) den
Gebrauch von achel für West- und Ostpreußen
(Frischbier, Preuß. Wb. I, 13; Ziesemer, Preuß. Wb. I,
77), das nordöstl. Brandenburg (Bretschneider, Bran-
denb.-berlin. Wb. I, 92 ff.), das westl. Mecklenburg
(Wossidlo-Teuchert, Meckl. Wb. II, 696 mit Karte),
die Altmark (nördl. von Magdeburg, s. Kück, Lüneb.
Wb. I, 38 f.), Schlesien (Mitzka, Schles. Wb. I, 25) und
das Obersächsische (Müller-Fraureuth, Wb. d. ober-
sächs. Mdaa. I, 9. 11), während im Westmd. und Obd.
immer stärker allerlei Varianten von Agen damit kon-
kurrieren, so in Kurhessen, wo achel für die gröbere
Getreidegranne gilt, āne (< agen) für die feinere
(Vilmar, Id. von Kurhessen 2 f.), weiterhin im Südhes-
sischen (Maurer-Mulch, Südhess. Wb. I, 168 f.), in der
Pfalz, wo westlich von Mannheim ein größerer achel-
Bezirk zwischen ahn- und graan-Gebiete einge-
sprengt ist und einmal das verräterische achel-agen
für Gerstengranne notiert wird (Christmann, Pfälz.
Wb. I, 118. 143 f. mit Karte S. 149 f.); dagegen wird
vorwiegend agen neben gelegentlichem achel regi-
striert von Müller, Rhein. Wb. I, 78; Kranzmayer,
Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. I, 109 f.; Schatz, Wb. d.
Tirol. Mdaa. 9; Schöpf, Tirol. Id. 6; Schmeller, Bayer.
Wb.2 I, 47; Jutz, Vorarlb. Wb. I, 55; Fischer, Schwäb.
Wb. I, 115 f. (agnen und aglen, aber im frk. Norden
achel); Martin-Lienhart, Wb. d. els. Mdaa. I, 20;
Schweiz. Id. I, 127 (den beiden letzteren zufolge kein
achel).

Im Hinblick auf diese breite Streuung von achel
geht es nicht an, die heutige Lautgestalt des
Wortes auf ein verhochdeutschtes ndd. aggel
zurückzuführen (s. bei Weigand, Dt. Wb.5 I, 19;
Kluge21 11, auch anderwärts) und die tatsächli-
che Existenz eines ahd. ahil und mhd. *ah(h)el
gewinnt an Wahrscheinlichkeit (s. o.).

S. auch ag, aga, agana, ah1, horn, ehir.

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