bilîban
Band V, Spalte 1228
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bilîban st.v. I (prät. bileib, bilibun,
part.prät. biliban), in Gl. 1,736,23 (Ende des
8. Jh.s, alem.); 2,308,59 (Ende des 8./Anfang
des 9. Jh.s, alem.), in der Sam (1,113,24) und
weiteren Gl., I, T, OT, B, GB, MH, O, Oh,
Os, L, TC und MGB: bleiben, zurückblei-
ben, verharren, übrig bleiben, aufhören, ein
Ende haben, wegbleiben, fehlen, sterben;
cessare, deesse, deficere, desistere, destitere
[= desistere], occumbere, remanēre, residē-
re
, part.prät. zurückgeblieben; residuus,
biliban wesan tot sein Var.: präs. pi-, pl-,
be-; -lip-, -lib-, -leib-, -liu-; prät.sg. -leip,
-leiph, pl. -lip-. Bereits im 9. oder 10. Jh.
finden sich erste Fälle für die Elision des
unbetonten Präfixvokals (Gl. 1,622,40: part.
prät. nom.sg.m. blibenar). Mhd. belîben,
blîben st.v. bleiben, verharren, unterbleiben,
unterlassen werden
, belîben lâzen unter-
lassen
, frühnhd. beleiben, bleiben sich auf-
halten, verweilen, verharren, beharren, fort-
dauern, übrig bleiben
, phras. etw. bleiben
lassen etw. unterlassen, nhd. bleiben st.v.
einen Ort nicht verlassen, verharren, einen
Zustand beibehalten, etw. nicht ändern, übrig
sein
, in präp. Funktionsverbgefügen wie in
Verbindung bleiben.

Ahd. Wb. 5, 885 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 531; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 96; Schützeichel7 199; Starck-Wells
372. 851; Schützeichel, Glossenwortschatz 6, 67;
Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 296 (II). 777. 895;
Seebold, ChWdW8 189; ders., ChWdW9 509; Graff 2,
47; Lexer 1, 172 f.; Frühnhd. Wb. 4, 581 ff.; Diefen-
bach, Gl. lat.-germ. 491 (remanere). 494 (residere);
Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 100 (cessare). 175 (deesse).
176 (deficere). 565 (remanēre); Dt. Wb. 2, 90 ff.; Klu-
ge21 83; Kluge25 s. v. bleiben; Pfeifer, Et. Wb.2 148.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. bilīvan st.v. I bleiben, negiert ausblei-
ben, unterbleiben
(Hel), mndd. blīven, be-
līven (prät. blē[i]f, blēven, part.prät. [ge-]
blēven) bleiben, verbleiben, übrig bleiben,
werden
, dōt blīven sterben; andfrk. bilīvan
st.v. I bleiben, verbleiben (a. 9011000),
frühmndl., mndl. bliven bleiben, ausbleiben,
übrig bleiben, sterben
, nndl. blijven weiter
bestehen, ausharren, durchhalten
; afries. bi-
līva, blīva st.v. I bleiben, übrig bleiben, be-
stehen bleiben, sterben
, nwestfries. bliuwe
st.v. bleiben, weiter bestehen, einen Zustand
beibehalten, übrig bleiben, sterben
, sater-
fries. blieuwe bleiben, nnordfries. blüuwe
bleiben; ae. belīfan (prät. bilāf [daneben
irreguläres bilæf, bileaf vielleicht durch den
Einfluss des vom st. Verb abgeleiteten Kau-
sativs belǣfan zurücklassen, zurückbleiben],
bilifon, part.prät. bilifen) st.v. I bleiben, fort-
bestehen, übrig bleiben
, me. bilīven dss.: <
urgerm. *i-līe/a- bleiben, eigtl. haften,
kleben
, wohl mit Verallgemeinerung der
Form mit grammatischem Wechsel.

Ob auch got. bilaif (got. Kalender: gaminþi
marwtre þize bi Werekan papan jah Batwin
bilaif Gedächtnis der Märtyrer um Wereka,
den Presbyter und Batwins?
) hierhergestellt
werden kann, ist unwahrscheinlich. Nach
dem gegenwärtigen Erkenntnisstand ist die
Form nicht sicher als verbale oder nominale
Form bestimmbar (nach E. A. Ebbinghaus,
JEGPh 77 [1978], 187; S. Suzuki, HS 106
[1993], 134; Lühr 2000: 145 u. a. handelt es
sich bei bilaif um die 3.sg.prät. zu einem Inf.
*bileiban übrig bleiben, nach Braune-Hei-
dermanns 2004: §§ 56 Anm. 1. 172 u. a. *bi-
leifan; Nominalform nach von der Gabe-
lentz-Loebe 1843: XVIII. 64; H. Schmeja,
PBB 120 [1998], 355367: akk.sg. bilaif für
*bi-hlaif als Nebenform zu ga-hlaifs*, ga-
hlaiba* Genosse, eigtl. der das Brot mit
einem anderen gemeinsam hat
[Possessiv-
komp.], Bammesberger 1990: 98; Casaretto
2004: 90 u. a.: vielleicht Rückbildung zum
sw.v. I bilaibjan* übrig lassen).

Aus dem Mndd. wurde das Verb ins Nord-
germ. entlehnt: aisl. blífa bleiben, werden,
adän. bliffue bleiben, werden, ertrinken, um-
kommen
, ndän. blive bleiben, werden,
nnorw. bli bleiben, werden, ertrinken, um-
kommen
, aschwed. blīva, nschwed. bli,
bliva bleiben, werden.

Wie die Belege in den Einzelsprachen zei-
gen, ist nur das mit *i- präfigierte Verb,
nicht aber ein Simplex urgerm. *līe/a- fort-
gesetzt.

Zu den hierher gehörigen Kausativbildungen
got. bi-laibjan übrig lassen usw. s. leiben.

Fick 3 (Germ.)4 368; Seebold, Germ. st. Verben
326 f.; Tiefenbach, As. Handwb. 246; Sehrt, Wb. z.
Hel.2 334; Berr, Et. Gl. to Hel. 242; Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. 1, 1, 296; Schiller-Lübben, Mndd.
Wb. 1, 359; ONW s. v. bilīvan; VMNW s.v. bliven2;
Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 1, 1302 ff.; Franck, Et.
wb. d. ndl. taal2 71; Vries, Ndls. et. wb. 64 f.; Et. wb.
Ndl. A-E 327; Boutkan, OFris. et. dict. 244; Hof-
mann-Popkema, Afries. Wb. 51; Richthofen, Afries.
Wb. 640; Fryske wb. 2, 379 ff.; Dijkstra, Friesch Wb.
1, 197 f.; Fort, Saterfries. Wb. 81; Sjölin, Et. Handwb.
d. Festlnordfries. XXVIII; Holthausen, Ae. et. Wb.
202; Bosworth-Toller, AS Dict. 82; Suppl. 76; ME
Dict. s.v. bilīven v.; OED2 s. v. belive v.1; Jóhannes-
son, Isl. et. Wb. 954; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske
sprog 1, 156; Holthausen, Falk-Torp, Norw.-dän.
et. Wb. 83; Nielsen, Dansk et. ordb. 56; Ordb. o. d.
danske sprog 2, 820 ff.; Torp, Nynorsk et. ordb. 30;
NOB s.vv. bli, blive; Hellquist, Svensk et. ordb.3 79;
Svenska akad. ordb. s. v. blifva; Feist, Vgl. Wb. d. got.
Spr. 91; Lehmann, Gothic Et. Dict. B-56. 58. Mar-
key 1969 (ausführlich zum Nordgerm., synchrone und
diachrone Beschreibung des Lehnworts bliva, zum
Vorkommen des Verbs in den germ. Sprachen).

Urgerm. *-līe/a- < vorurgerm. *-lépe/o-
hat die Wz. uridg. *lep- kleben, haften
bleiben
zur Grundlage; die urgerm. Form
erklärt sich durch Übertragung des -- aus
Formen, die Verners Gesetz unterlagen. Vor-
urgerm. *-lépe/o- setzt ein in anderen idg.
Sprachen nicht bezeugtes vollstufiges the-
mat. Präs. fort. Die urspr. Präs.bildung des
Uridg. war nach Ausweis von ai. rimpáti
beschmieren, (an-)kleben, betrügen und lit.
lìmpu, lìpti kleben bleiben ein n-Infix-Präs.
uridg. *li-né/n-p- (das Ai. zeigt die auch bei
einigen anderen urspr. athem. n-Infix-Bil-
dungen beobachtbare Thematisierung, z.B.
ktáti zur Wz. kart- schneiden oder inváti
neben inóti zur Wz. 2ay- treiben, drängen).
Zur Kausativbildung uridg. *lop-ée- kle-
ben lassen, liegen lassen, übrig lassen
s.
leiben.

Ausgehend von der urspr. Bed. haben sich in
anderen idg. Sprachen verschiedene Neben-
bed. entwickelt:

Der uridg. Ausgangsbed. kleben, haften
bleiben
steht die Bed. liegen bleiben, übrig
bleiben
nahe, die in ahd. bi-lîban sowie got.
bi-laif blieb (falls dazugehörig und so zu
interpretieren; s. o.), bi-laiban bleiben, aisl.
lifa übrig bleiben, leben, got. lifan leben
und toch. B lipa blieb übrig, lipetär bleibt
übrig
bezeugt ist.

Die baltoslaw. Sprachen zeigen weitgehend
die urspr. Bed.: lit. limpù, lìpti, lett. lìpu, lipt
kleben bleiben, klebrig sein, aksl. pri-lьpe
(Aor.) blieb kleben, pri-lěpiti ankleben;
im Baltoslaw. erhält die Wz. teilweise die
übertragene Bed. sich einschmeicheln, freund-
lich tun oder sein
wie in dt. sich an jmdn.
(her-)anschleimen sich einschmeicheln, mit
jmdm. freundlich tun
, z.B. in lit. liptùs
klebrig, schleimig, freundlich, leutselig,
lett. lipu, lìpt kleben, anhaften, sich an-
schmiegen, einschmeicheln
, russ. l’nút’ an
etw. kleben, sich einschmeicheln
.

In den indoiran. Sprachen hat die Wz. eine
Bed.verschiebung von klebrig sein zu dre-
ckig, schmierig, ölig sein
erfahren. Daneben
zeigt ai. rep-/rip- schmieren, ölen, ankleben,
schmutzig sein
häufig die übertragene Bed.
betrügen < *anschmieren mit demselben
semantischen Wandel wie in dt. jmdn. an-
schmieren jmdn. betrügen, z.B. in ai. ríp- f.
Betrug, ai. ripú- adj. betrügerisch (Werba
1997: 228). Diese übertragene Bed. hat sich
in den iran. Sprachen durchgesetzt: mpers.
frēftan, npers. fi-rēftan, osset. fæ-līvyn, fi-
levun betrügen, npers. rēv Betrug. Im Ai.
hat nur die r-Variante diese sekundäre Bed.;
die jüngere ai. Wz.form lep-/lip- (mit urspr.
dial. Anl. l-) samt ihren Ableitungen bedeu-
tet ausschließlich ölen, schmieren, salben, an-
kleben, beschmieren, beschmutzen
; in den
ai. Fortsetzern der Wz. liegt somit ein Fall
von sekundärer semantischer Spaltung vor.

Eine Bed.verengung auf klebrig sein, kle-
ben
und weiter zu fett(ig) sein, vor Fett
glänzen
zeigen Fortsetzer dieser Wz. außer
im Germ. (s. lebara) nur noch im Gr.: Gr.
λιπαρός adj. fett, fettig, schmierig, vor Fett
glänzend
, λιπάω glänze vor Fett oder Öl,
λιπαίνω öle, schmiere, salbe sind inner-
gr. Ableitungen (Schwyzer, Gr. Gramm.2 1,
480 f. 723 f. 732 f.) vom Adv. gr. λίπα ölig,
fettglänzend
(seit Homer) < akk.sg. uridg.
*lip- oder Koll. uridg. *lip-h2 (Meissner
2006: 63 f.) eines Wz.nomens, das in ai. rip-
f. Schmutz, Betrug (s. o.) bezeugt ist; ferner
gr. λίπος n. Fett, Talg, λιπόω glänze vor
Fett
. Nach de Vaan (Et. dict. of Lat. 345)
u. a. gehört vielleicht noch lat. lippus Adj.
having watery or inflamed eyes; triefäu-
gig, mit tränenden Augen
(Bed.einengung
von *verschmiert auf verschmierte Augen
habend, triefäugig
) mit unklarer Geminate
-pp- hierher (Walde-Hofmanns [Lat. et. Wb.
1, 434 f.] Herleitung aus urital. *lip-o- ist
aus lautlichen Gründen nicht möglich; vgl.
Sommer-Pfister 1977: 168). Nach Meiser
[1998] 2010: § 88, 5 ist -pp- als expressive
Geminate
erklärbar.

Walde-Pokorny 2, 403 f.; Pokorny 670 f.; LIV2 408f.
(*lep-); NIL 520 ff. (*lep-); Mayrhofer, KEWA 3,
60 f. (rip-); ders., EWAia 2, 460 (rep); Cheung, Et.
dict. of Iran. verb 308 (*rap); Horn, Grdr. d. npers.
Et. Nr. 643. 829; Hübschmann, Pers. Studien Nr. 829;
Frisk, Gr. et. Wb. 2, 126 f.; Chantraine, Dict. ét. gr.
642 (λίπα); Beekes, Et. dict. of Gr. 1, 864 (λίπα); Wal-
de-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 434 f. (lippus); Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.4 644 (lippus); de Vaan, Et. dict.
of Lat. 345 (lippus); Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr.
5075; Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 161 f.; Berneker,
Slav. et. Wb. 1, 711 ff. 754 f.; Trubaëv, t. slov. slav.
jaz. 14, 217 ff. (*lěpiti). 225 ff. (*lěpъjь); Derksen, Et.
dict. of Slav. 273 (*lěpiti, *lě̑1). 274 (*lě̑1). 297
(*lьnti); Et. slov. jaz. staroslov. 715; Vasmer, Russ.
et. Wb. 77; ders., t. slov. russ. jaz. 2, 543; Fraenkel,
Lit. et. Wb. 375 (lìpti); Smoczyski, Słow. et. jz. lit.
357 f. (lìpti1); Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. 2,
474 f.; Karulis, Latv. et. vārd. 1, 539; Windekens, Lex.
ét. tokh. 56; Adams, Dict. of Toch. B 555. Lühr
2000: 145 f.; Sommer-Pfister 1977: 168.

S. leiben, lebara.

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