billîh
Band II, Spalte 62
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billîh adj., nur an eíner Stelle spätahd. be-
legt in Williram 124, 6 und zwar in den Hss.
G, L, M (die Leidener Hs. A hat das viel häu-
figere bilithlich bilidlîh): angemessen, recht,
billig, einer Sache entsprechend, gemäß, pas-
send, geziemend
; aus bil- (s. u.) und -lîh
(s. d.). Viel öfter begegnet das Adj. billich im
Mhd. neben allerlei verwandten Formen wie
den Substantiven billîch st.m., billîche st. sw. f.,
billîcheit st.f. Gemäßheit, dazu billîchen
sw. v. angemessen finden. Das Wort wurde
noch bis ins 18. Jh. mit -ch geschrieben; da
aber ausl. -ich mit dem weithin spirantisch ge-
sprochenen ausl. -ig zusammenfällt, hat sich,
wie auch sonst, wenn das erste Wortglied auf
-l endet ( adallîh), die Schreibung billig
durchgesetzt (zuerst bei Caspar Stieler 1691).
Der Bedeutung nach bezieht sich das nhd.
Wort vorwiegend auf niedrigen Preis, weni-
ger häufig auf Angemessenheit, wie etwa
noch in der Wendung recht und billig = ju-
stum et aequum
oder, ungleich häufiger, in
dem negativen unbillig und seinen Ableitun-
gen.

Ahd. Wb. I, 1054; Graff III, 95; Schade 64; Lexer I,
276; Nachtr. 85; Benecke I, 119; Dt. Wb. II, 27 (=
aequus, probabilis); Kluge21 77; Kluge22 85; Pfeifer,
Et. Wb. 175 (billig). 1871 (Unbill); Trübners Dt. Wb.
I, 337.

Entsprechungen sind mndd. billīk, billich, bilk;
mndl. billijc, billic, bilc, nndl. billijk; (nfries.
billig, billīk dürfte Lehnwort sein). Das Engl.
hat nichts dergleichen, und skand. Formen wie
ndän. nschwed. billig, nnorw. billeg neben billig
sind aus dem Mndd. oder Nhd. übernommen.

Fick III (Germ.)4 269 (unannehmbar); Lasch-Borch-
ling, Mndd. Handwb. I, 1, 277; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. I, 336; Verdam, Mndl. handwb. 98;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 66; Vries, Ndls. et. wb.
59; Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. I, 166 f.;
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 74; Ordbog o. d. dans-
ke sprog II, 663 ff.; Norsk ordbok I, 612; Torp, Ny-
norsk et. ordb. 24; Hellquist, Svensk et. ordb.3 42;
Svenska akad. ordb. B2665 ff.

Schon J. Grimm, Dt. Mythol.4 I, 391 ff. u. Fn. 1;
III, 137, hat ahd. bil- mit dem ersten Glied der
mhd. Zss. bilwiz m.f.n. guter Genius, aber
auch Kobold (Lexer I, 277; Nachtr. 85; Benek-
ke I, 127) zusammengestellt, dem das mndd.
beel-, belewitte und das vielbezeugte ae. Adj. bi-
lewit unschuldig, rein; einfach, ehrlich; ruhig,
sanft, gnädig; aequanimus, mansuetus, mitis,
simplex, honestus
, me. in bilewhīt umgedeutet,
entsprechen (zustimmend W. Foerste, Trier-
Festschrift [1964] 127 f., der allerdings damit
auch die Wörter für Zwilling [s. u.], Sauerteig
[ billa], Schwert [ billi] und Hinterbacke
[ arsbille] verbindet [gegen derartige Spekula-
tionen s. Lühr, Stud. z. Hildebrandlied 662 ff.];
anders A. Wolf, Die germ. Sippe bil [Uppsala
Universitets Årsskrift, 1930]; W. Kaspers,
Zfdt.Spr. 20 [1964], 185 f. S. auch Holthau-
sen, Ae. et. Wb. 23; Bosworth-Toller, AS Dict.
101; ME Dict. AB, 857; OED I, 858 f. [bilew-
hit, veraltet]). Bald darauf trat K. Müllenhoff
(ZfdA. 12 [1865], 288 f. und noch einmal ZfdA.
23 [1879], 172 f.) für eine auf -i ausgehende
adj. Stammform bili- ein, während H. Zimmer
(AfdA. 1 [1876], 114) darin einen typischen Fall
des frühen Nebeneinanders von -i- und -a-
Stämmen erblickte, vielleicht, wie er meinte,
der Grund für das schwankende Bil(i)- und
Bel(e)- in Eigennamen wie Bilidrûd: Beletrûdis,
Piligart: Belegardis, Bilihilt: Belichildis u. a., de-
ren Bestimmungswort von Th. v. Grienberger
(ZfdA. 41 [1897], 345 f.) und anderen auf ein
nicht als Simplex belegtes germ. *bela-: *bili-
recht und billig, ebenmäßig, fair zurückgeführt
wurde (s. Förstemann, Adt. Namenbuch2-3 I,
303; Bach, Dt. Namenkunde I § 197 stellt diese
Eigennamen allesamt zu der Geräte- oder Waf-
fenbezeichnung ahd. billi [s. d.]).

Sieht man sich bei dem Fehlen aufschlußreicher
dt. oder germ. Zusammenhänge nach außer-
germ. Verwandten um, so bieten sich auch hier
nur wenige und wenig sichere Anhaltspunkte.
Zwar scheint gr. φίλος eigen, zugehörig;
freundlich, lieb
, wenn aus idg. *bhilo-, in for-
maler Hinsicht einem germ. *ila- durchaus zu
entsprechen; da jedoch für das griech. Wort (in
seiner attrib. Funktion) von einem objektiv-so-
zialen Begriff eigen, zugehörig, nicht von einer
subjektiv-gefühlsmäßigen Vorstellung freund-
lich, lieb
auszugehen ist
(Frisk, Gr. et. Wb. II,
1019), glaubt man im gräzistischen Lager den
Zusammenhang mit einem germ. Adj. der Bed.
angemessen, fair, recht aufgeben zu müssen,
und sucht statt dessen mit P. Kretschmer, IF 45
(1927), 267 ff. und mit wenig Wahrscheinlich-
keit nach etym. Herkunft aus protoidg. Sub-
stratelementen, eine Lösung, die natürlich für
germ. *ila- überhaupt nichts abwirft (s. M.
Landfester, Das griech. Nomen φίλος u. seine Ab-
leitungen [Diss. Tübingen] Hildesheim, 1966,
bes. 34 ff. mit Lit.).

So bleibt die Etymologie von gr. φίλος höchst
unsicher. Jedoch ist die Verbindung mit ahd.
billîh usw. wohl nicht ohne weiteres zu verwer-
fen, denn eine Bed.entwicklung von eigen, zu-
gehörig
zu entsprechend, angemessen scheint
noch glaubhafter als eine, die von einer ursprl.
Bed. lieb ausgeht. Man vergleiche z. B. nhd.
sich eignen (zu eigen) passend sein oder gehörig
gebührend, angemessen. Ja selbst bei gr. φίλος
verlief die Entwicklung offenbar nicht von lieb
zu eigen, sondern umgekehrt und diese Ent-
wicklung hat auch ihre Parallelen, wie z. B. a-
nord. sváss lieb neben got. swēs eigen (vgl. lat.
suus; s. S. Bugge, Zfvgl. Spr. 20 [1872], 43). So
wäre viell. das nicht genau gedeutete air. Wort
bil gut(?), vaguely laudatory, sowie die se-
mantisch undurchsichtigen, aber dem Altdt.
sehr ähnlich gebildeten Eigennamen des Galli-
schen wie Bil-bilis, Bil-caisi-o(n), Bil-iacus,
Bil-icos, Bil-icius u. a. (s. Holder, Acelt. Spr. I,
418 ff., bes. 422) auch hierher zu stellen.

Viell. läßt sich also Pokornys Ansatz idg. *bhi-
lo- (153 f.) als Grundform für gr. φίλος, air. bil
und ahd. billîh usw. rechtfertigen, aber mit der
ursprl. Bed. eigen und den sekundären Bedeu-
tungen entsprechend, angemessen und lieb.
Obgleich im Germ. die ursprl. Bed. verloren-
ging, schienen die beiden anderen noch lebendig
zu sein, die eine in billîh usw., die andere in
mhd. bilwiz, ae. bilewit usw. Ist bereits für das
Urgerm. ein *il-līka- entsprechend anzuneh-
men, stellt sich viell. anord. billingr, nnorw. bil-
ling Zwilling, Zwitter, eigtl. der (einem) Ent-
sprechende
, hierher (Lühr, a. a. O. 663).

Walde-Pokorny II, 185; Vendryes, Lex. ét. de l’irl.
anc. B-50; Dict. of Irish B-99 f.; Fick II (Kelt.)4 175.

Höchst zweifelhaft ist dagegen der wohl zuerst von F.
Detter, ZfdA. 42 (1898), 54 f. gewagte und bei Falk-
Torp, Norw.-dän. et. Wb. 74 befürwortete Versuch,
aus anord. billingr eine Grundform *bil- mit der Bed.
doppelt, gleich, entsprechend zu abstrahieren, die
auch von Vries, Anord. et. Wb.2 36 in Erwägung gezo-
gen und letzten Endes mit der idg. Wz. *bhi- beider-
seits von
( ) in Verbindung gebracht wird.

S. auch bilidi, bilidlîh.

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