dîhsilaAWB, -ala f. ō-St.: ‚Deichsel, temo‘ 〈Var.:
thihsila, dihsila, dihsela, dihsile, diheselle,
dichsil, thihsla, disla, deihsela, spätahd. dinsil;
die Belege mit Bindevokal -i- sind in der
Mehrzahl〉. — Mhd. dîhsel, disle st.f., frühnhd.
(seit 1482) deichsel, nhd. Deichsel. Während
das Wort im Ahd. und Mhd. st. flektiert, be-
gegnet dial. auch die sw. Deklination (obd.);
auch mask. und neutr. Genus kommt dial. vor
(alem., rhein.); seit a. 1556 der deichsel. Dial.
Nebenformen sind: deis(s)el, dis(s)el; vor allem
im Ndd., Ostmd. (Luther deistel), Rhein. und
älteren Schwäb. deistel, distel. Im Falle von
schles. dechsel, dessel liegt Vermengung mit
nhd. Dechsel f. ‚Beil, Hacke, Haue, Krumm-
haue, ascia‘ vor, dessen Lautformen anderer-
seits teilweise durch das Wort Deichsel beein-
flußt sind (→ dehsala). Kontaminationsformen
mit Wörtern für ‚Axt‘ sind auch bair. deichs,
deichsen, deiß, deiße; vgl. mhd. dehs, vorwie-
gend ahd., bair. dehsa, mhd., steir. dehse
(s. d. d.); und wohl auch bair. (um Regensburg)
eichsn, eichsel; vgl. bair. achs (→ ackus). In
schwäb., südhess., thür. geigsel, geissel, süd-
hess. gêschel ‚Geisel, Deichsel‘ deutet der g-
Anlaut auf Verschmelzung mit dem Wort Gei-
ßel. Die Gabeldeichsel hatte ehemals eine
weite Verbreitung.
Splett, Ahd. Wb. I, 1213; Starck-Wells 99. 799; Graff
V, 124; Schade 102; Lexer I, 432; Diefenbach, Gl.
lat.-germ. 576 (temo); Dt. Wb. II, 908; Dt. Wb.² VI,
562 f.; Kluge²¹ 125; Kluge²² 131; Pfeifer, Et. Wb.
264; Hiersche, Dt. et. Wb. D-66 f.; Schmeller, Bayer.
Wb.² I, 25. 484; Grimm, Dt. Gr.a III, 455; Wilmanns,
Dt. Gr. II § 213, 4; O. Kieser, Forschungen u. Fort-
schritte 37 (1963), 90 ff.; zu nasalierten Formen s.
E. Sievers, PBB 38 (1913), 324 ff.
Ahd. dîhsila, -ala entsprechen as. thīsla, (mit
Beeinflussung durch die Vorform von mndd.
dessel, desel, decel, des(e)le ‚Dechsel, Queraxt,
Krummbeil, -haue‘) thêhsala (auch ‚Beil, Axt‘),
thessalia st. sw. f. (?), mndd. dīsle, dīssel, dīsel(e),
dīstel (disse) f. ‚Deichsel‘; mndl. dissel, diessel,
dessel (zu e s. o.) m.; ae. ðīxl, (mit jüngerem χs-
Schwund) ðīsl(e) f.; aisl. þísl f., nisl. þísl,
aschwed. pl. þīstlar (mit t-Einschub zwischen s
und l), ält. nschwed. tisl, tistel, nschwed. dial.
(östergötl.) tissel ‚Deichsel‘; vgl. nschwed. dial.
tist(e) ‚Zugriemen‘, ndän. tist ‚Riemen, um zu
verbinden‘. Daß aisl. þísl usw. aus dem Ae. ent-
lehnt ist (J. Sverdrup, IF 35 [1915], 162), ist we-
gen östergötl. tissel unwahrscheinlich.
Ahd. dîhsila, -ala beruht auf urgerm. (*þenχslō
>) *þīχslō ‚Zugstange‘, einer Gerätebezeich-
nung, die mittels des Suffixes *-sla- von einer
Wz.-Form (*þenχ- >) *þīχ- ‚ziehen‘ abgeleitet
ist (Krahe-Meid, Germ. Sprachwiss. III § 90).
Eine Vorform mit einem bindevokalhaltigen
Suffix *-sala/ sila- kommt wohl nicht in Frage
(nur bei Ableitungen von Verben der 1. sw. Kl.
ist eine Suffixform -isal lebendig; → âhtisal; s.
Wilmanns, Dt. Gr. II § 213, 3. 4). Entweder ist
der Vokal zwischen s und l ein Sproßvokal (vgl.
amsala neben amsla, ahsala neben ahsla, s. d.),
oder urgerm. *þeχs-alō(n-) ‚Axt‘ (→ dehsala)
mit ererbtem Wz.-Auslaut *-s, aber bindevokal-
haltigem Suffix hat das Vorbild für den Binde-
vokal in ahd. dîhsala, as. thēhsala, thessalia ab-
gegeben. Der überwiegende Bindevokal -i- bei
ahd. dîhsila (s. o.) legt die Vermutung nahe, daß
der Mittelvokal an den Vokal der Stammsilbe
assimiliert wurde; vgl. Otfrid scīnintaz für scī-
nentaz (s. Braune, Ahd. Gr.¹⁴ § 67).
Fick III (Germ.)⁴ 179 (jedoch: *þenhs[i]lô); Holthau-
sen, As. Wb. 77; Gallée, Vorstud. z. e. andd. Wb.
339 f.; Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 231; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 434; Schiller-Lüb-
ben, Mndd. Wb. I, 526 f.; Verdam, Mndl. handwb.
138; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 119; Vries, Ndls. et.
wb. 119; Holthausen, Ae. et. Wb. 366; Bosworth-Tol-
ler, AS Dict. 1062; Suppl. 729; Suppl. II, 61; Vries,
Anord. et. Wb.² 611; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 440;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 315 f.; Falk-
Torp, Norw.-dän. et. Wb. 1265; Torp, Nynorsk et.
ordb. 788; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 1191; Noreen,
Aschwed. Gr. § 335.
Da in den idg. Sprachen weitere Wörter für
‚Deichsel‘ mit einer Grundbedeutung ‚Zugstan-
ge‘ existieren, ist anzunehmen, daß schon die
Indogermanen den Wagenbaum kannten. Sofern
man für lat. tēmō, -ōnis m. ‚Deichsel, lange
Stange‘ (vulg.lat. tīmōne [mit dial. ī anstelle von
lat. tēmone] > ital. timone ‚Steuerruder‘, frz.
12. Jh. timon ‚Deichsel, Ruderpinne‘) von einer
Vorform *tenk-smō und für apreuß. teansis (ge-
schrieben teausis) ‚deysel [Pflugdeichsel]‘ von
einer Vorform *tenksi̯o- und nicht von Ableitun-
gen der Wz. *ten-s- ‚ziehen‘ auszugehen hat
(s. u.), kann man diese Wörter zusammen mit
urgerm. *þenχslō von der Wz. uridg. *tenk-
‚ziehen‘ (→ ding) herleiten (aus dem Mhd.: russ.
dýšlo, poln. dyszel, ukrain. dýšel’). Möglich er-
scheint aber auch die Herleitung von einer
gleichbedeutenden Wz. *tengh- und damit als
Vorformen *tengh-smō (ital.), *tenghsi̯o- (balt.)
und *tengh-slā (germ.). Auch wenn eine solche
Wz.-Form von den für das Uridg. aufgestellten
Wurzelstrukturregeln abweicht, auf ein *tengh-
deuten: av. θanjaiieni ‚ich lenke (den Wagen)‘,
θanjaiiente ‚ziehen (den Wagen) [von Rossen]‘,
part. θaχta- < *θang- ‚ziehen‘, auch ‚einen Bo-
gen spannen‘ (mit Umsprung der Aspiration im
Vorurar.: *tengh- > *theng- > *thang- > θang-),
wobei sich anlautendes θ auch analogisch aus-
breiten konnte (av. θanuuan-, θanuuar- ‚Bogen‘,
apers. θanuvan-iya- ‚Bogenschütze‘ mit sekun-
därem θ anstelle von *danvan-; vgl. aind. dhá-
nuḥ ‚Bogen‘). *tengh- oder *teng- liegt vor in:
slav. *tęgnǫ, *tęgnǫti in serbo-kroat. -tégnuti
‚ziehen‘, slav. *tęgǫ, *tęšti in ksl. rastęgǫ, rastęšti
‚distrahere‘ (aruss. tęgo ‚ἰμάς, lorum‘). Weitere
zugehörige Bildungen sind: aksl. tǫga ‚συνοχή,
περίστασις‘; lit. tingùs ‚träge, faul, lässig, lang-
sam bei der Arbeit‘ = aksl. *tęgъ in tęgostь ‚βά-
ρος‘.
Walde-Pokorny I, 727; Pokorny 1067; Mayrhofer, K.
et. Wb. d. Aind. II, 91; ders., Et. Wb. d. Altindoar. I,
773 f.; Bartholomae, Airan. Wb. 784 f.; Hoffmann,
Aufsätze zur Indoiranistik I, 329; Walde-Hofmann,
Lat. et. Wb. II, 658; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴
680; Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 318; Miklosich, Et.
Wb. d. slav. Spr. 350 f.; Vasmer, Russ. et. Wb. I, 386;
III, 166. 148; Fraenkel, Lit. et. Wb. 1098; Trautmann,
Apreuß. Spr.denkm. 447 (jedoch: apreuß. teansis <
*tenso- oder *tensi̯o-; s. o.; anders Joh. Schmidt, Idg.
Vokalismus I, 165 f.: wegen der Lesarten apreuß. tean-
sis und teausis sei nicht zu entscheiden, ob eine Wz.
*tans- oder *tus- vorliegt); E. Zupitza, BB 25 (1899),
89 (jedoch mit uridg. Anlaut *th wegen des anlauten-
den θ im Av.); Gamillscheg, Et. Wb. d. frz. Spr.³ 849;
Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 9427; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.³ Nr. 8625; H. Schuchardt, Die roman.
Lehnwörter im Berberischen (Wien, 1918), 52.
Dagegen verbindet H. Osthoff, IF 8 (1898), 36
ahd. dîhsala usw. mit got. þeihs ‚Zeit‘ (ebenso
Brugmann, Grdr.² II, 1, 243) und geht für das
germ. Wort für ‚Deichsel‘ wie für lat. tēmō von
einer Grundbedeutung ‚Sich-Erstreckendes,
Hervorstreckendes‘ (urgerm. *þīχ-s-lō, *þīχ-s-
laz) aus. Auch wenn dieser Anschluß lautlich
möglich ist und das Nebeneinander eines vorur-
germ. *tenk-s-lā und vorurital. *tenk-s-mō in
lett. rusla ‚Art rotbrauner Farbe‘ < *rudh-s-lā
und ahd. rosamo ‚Röte‘ < *rudh-s-mō(n-) eine
Parallele hat, dürfte eine Grundbedeutung ‚zie-
hen‘ für ‚Deichsel‘ vorzuziehen sein.
Anders Hellquist, Ark. f. nord. fil. 7 (1891), 160 f.
Anm. 3: ahd. dîhsala beruhe auf einer nasalhaltigen,
lat. tēmō dagegen auf einer nasallosen Vorform (*tek-
smō), deren zugrundeliegende Wz. auch in aind. ták-
ṣati ‚behaut‘ vorliege (vgl. Curtius, Grundzüge d. gr.
Et.⁵ 219; Zupitza, Germ. Gutturale 188). Für das Ne-
beneinander von e und i in den Vorformen von lat.
tēmō und ahd. dîhsala verweist H. Schweizer,
Zfvgl.Spr. 3 (1854), 343 auf den Wechsel von e und i
in mhd. kresen und krîsen ‚kriechen‘. Wieder anders
Specht, Ursprung d. idg. Dekl. 102: lat. tēmō < *tens-
mōn; verfehlt Vaniček, Et. Wb. d. lat. Spr. 99: zu gr.
τάσσω ‚ordne‘ — wegen τᾱγός ‚Anführer, Gebieter‘
(→ denken) und der möglicherweise zugehörigen
Wörter lit. pa-togùs ‚bequem, gefügig, gefällig‘, su-
tógti ‚sich trauen lassen, sich verheiraten, sich verbin-
den‘ ist eine Wz. mit einem auslautenden g anzuneh-
men (Frisk, Gr. et. Wb. II, 845 f. 859 f.).