friunt
Band III, Spalte 583
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friunt m. kons. St., a-St., seit dem 8. Jh.:
Freund, Nächster, amicus, cognatus, proxi-
mus, sodalis
Var.: nom. sg. SH A vriwent
[13. Jh.], fruint, B frunt; akk.sg. Gl. 4, 32, 52
freund; gen.pl. Notker friiundo. Mhd.
vriunt, -des, auch vriwent st.m. Freund, Ge-
liebter, Verwandter
, nhd. Freund. Im Ahd.
und Mhd. sind noch Reste des alten kons. St.
erhalten, im Ahd. außer dem Nom. Pl. friunt
neben friunta auch der Dat. Sg. vriunt und im
Mhd. der Akk.Pl. vriunt neben vriunde (s.
Braune, Ahd. Gr.15 § 237 Anm. 1; Paul, Mhd.
Gr.20 § 179, 3; vgl. auch Williram 148, 2
nom. pl. fruiunt). Die Bedeutung Verwandter
(doch vgl. das mhd. Gegensatzpaar vriunt :
mâc) hat sich teils mdartl. und auch in nhd.
Blutsfreund gehalten.

Ahd. Wb. III, 1273 ff.; Splett, Ahd. Wb. I, 266; Köb-
ler, Wb. d. ahd. Spr. 331; Schützeichel5 141; Starck-
Wells 179. 812; Schützeichel, Glossenwortschatz III,
302; Seebold, ChWdW8 136; Graff III, 784 f.; Schade
227; Lexer III, 526; Benecke III, 411 f.; Diefenbach
Gl. lat.-germ. 30 (amicus); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb.
37 (amicus). 112 (cognatus). 536 (proximus). 615 (soda-
lis); Dt. Wb. IV, 1, 1, 161 ff.; Kluge21 218; Kluge24
316; Pfeifer, Et. Wb.2 374 f.

Das Wort kommt in fast allen germ. Sprachen
vor: as. friund m. Freund, Verwandter, mndd.
vrünt (vrent, vrönt, vrint, verint) m. Freund,
Vertrauter, Anhänger, (Bluts-)Verwandter

(vrünt gōdes Heiliger, Gläubiger, Christ);
mndl. vrient (vre[e]nt, vrunt) m. dss.; afries.
friond, friund m. Freund, Blutsfreund, Ver-
wandter
, nostfries. fründ Freund, Verwandter,
Helfer, Liebhaber
, nwestfries. frjeon m.
Freund; ae. frīond, frēond m. Freund, Liebha-
ber, Verwandter
, me. frẹ̄nd (nom. pl. älter
frẹ̄nd, auch freonden, frẹ̄ndes, freondes, vrīndes),
ne. friend Freund (mit Kürzung des Langvo-
kals nach den Komposita friendly, friendship,
aber historischer Schreibung; vgl. fiend;
fîant), pl. frendes, friends (aus dem ae. seltenen
und spät belegten Pl. frēondas); aisl. frændi m.
(Bluts-)Verwandter, Freund, Sippengenosse
(anstelle von *fríandi mit æ aus dem Nom. Pl.
frǽndr, älter fríendr; s. Noreen, Aisl. Gr.4
§ 422), nisl. frændi, nnorw. frende, aschwed.
frǽndi, nschwed. frände, ndän. frænde; got. fri-
jonds m. Freund, frijondi f. Freundin (nur
akk.pl. frijondjos; vgl. ahd. friuntin; s. d.). Die
Bedeutung Verwandter ist aus der altgermani-
schen Stammeseinteilung, in der die Familie die
kleinste sozial-biologische Einheit darstellte,
hervorgegangen; vgl. das Gegensatzpaar frǣndr
- fjándr Verwandter, Sippengenosse - Feind in
den anord. Gesetzen.

Das Wort beruht auf dem urgerm. Part. Präs.
Nom. Sg.m. *frijōnd-z < *frijōjand-z des Verbs
urgerm. *frijōjan- lieben, hold sein, wie es in
as. friohon, ae. frēogan, frīgan, aisl. frjá, got. fri-
jon fortgesetzt ist. Auch mhd. vrîen um eine
Frau werben
( mhd. vrîer m. Freier, Freiwer-
ber im Auftrag eines anderen
), mndd. vrien,
vrigen heiraten, umwerben, mndl. vriën, vri-
jen, nndl. vrijen freien, verlobt sein können
auf dieses Verb zurückgehen, wenn unter dem
Einfluß von as. frī (Ehe-)Frau (ae. frēo) eine
Bedeutungsspezialisierung stattgefunden hat.
Wahrscheinlicher ist aber eine denominale Ab-
leitung von der Fortsetzung des as. Substantivs
frī (Ehe-)Frau, die aus dem Mndd. über Lu-
thers in der Bibelübersetzung gebrauchtes freien
ins Hd. und Ndl. gelangt ist (Pfeifer, a. a. O.
372 f.; doch s. Kluge24 314 [mhd. vrîen usw.
heiraten mit Bedeutungsspezialisierung von ur-
germ. *frijō- freundlich behandeln]).

Im Falle des Subst. Freund spiegeln das Nord-
und Westgerm. zwei verschiedene Kasusformen
wider: Nachdem *ō vor *n + Kons. gekürzt
worden ist, ergab sich ein nordgerm. *friandan-
mit -and- z. B. aus dem Nom. Pl. *friand-iz
und ein westgerm. Nom. Sg.m. *friund-z mit
-und- aus dem Akk.Pl. *friund-unz. Dagegen
dürfte -o- in got. frijonds analogisch nach dem
Verb frijon eingeführt sein (R. Lühr, in Lautge-
schichte und Etymologie 255 Anm. 37).

Dagegen ist nach F. Mezger (Zfvgl. Spr. 79 [1965],
32 ff.) urgerm. *frijōnd- die Fortsetzung einer idg.
-nt-Bildung zu idg. *pri-ā, aind. priyā Gattin, auch
Geliebte
, germ. *frijō Frau, Gattin
. Doch auch
wenn es in den idg. Sprachen -nt-Bildungen zu Adjek-
tiven gibt (vgl. zusätzlich zu den von Mezger ange-
führten Belegen im Heth. Adjektivdoubletten wie ir-
mala-/irmalant- krank, assu-/assuwant- gut, sup-
pi-/suppiyant- rein usw. [s. Zeilfelder, Archaismus u.
Ausgliederung 181 f.], ferner aind. mahnt-, akk.sg.
mahm, av. mazånt- groß und den toch. Nom.
Akk.Pl. A -ant, B -enta der aus ntr. o-Stämmen
hervorgegangenen tocharischen a-Stämme mit Genus
alternans wie pl. ānta Schafe < *gwiōo-n-t-ǝ
[**gwioH3o-n-t-ǝ2] : *gwōo- [**gwioH3o-] le-
bendig
[s. G. Klingenschmitt, in Tocharisch 390]), ist
die von Mezger angenommene Ableitung abzulehnen,
da eine ā-stämmige Basis unmotiviert bleibt (vgl.
Lühr, Stud. z. Hildebrandlied 522 Anm. 3; Szemerényi,
Kinship Terminology 120 f.). So kann Mezgers Be-
gründung, warum das Wort im Germ. kein Kollektiv
ist, nicht überzeugen (urgerm. *frijōnd- bezeichne die
Verwandten, die Verwandtschaft
und nur selten den
einzelnen Verwandten).

Fick III (Germ.)4 246 f.; Holthausen, As. Wb. 23;
Sehrt, Wb. z. Hel.2 152; Berr, Et. Gl. to Hel. 138;
Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 242; Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. I, 1, 1016 f.; Schiller-Lübben, Mndd.
Wb. V, 545 f.; Verdam, Mndl. handwb. 751; Franck,
Et. wb. d. ndl. taal2 762; Vries, Ndls. et. wb. 804;
Holthausen, Afries. Wb.2 32; Richthofen, Afries. Wb.
766 f.; Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. I,
565; Dijkstra, Friesch Wb. I, 432; Holthausen, Ae. et.
Wb. 117; Bosworth-Toller, AS Dict. 335; Suppl. 266;
ME Dict. E-F, 884 ff.; OED2 VI, 192 f.; Oxf. Dict. of
Engl. Et. 377; Vries, Anord. et. Wb.2 145; Jóhannes-
son, Isl. et. Wb. 567; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske
sprog I, 497; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 74;
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 279 f.; Ordb. o. d.
danske sprog VI, 130 ff.; Torp, Nynorsk et. ordb. 135;
Hellquist, Svensk et. ordb.3 243; Svenska akad. ordb.
F-1703 ff.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 168; Lehmann,
Gothic Et. Dict. F-95. Scheller, Ved. priyá- 105 ff.;
Lühr, Egill 155.

Transponiert man das Part. Präs. ins Uridg., er-
gibt sich eine Vorform *priāónt-s [**priH2-
aH2-ónt-s]. Das zugrundeliegende Verb uridg.
*priāé/ó- [**priH2-aH2-é/ó-] sich als lieb er-
weisen
ist eine faktitive denominale Ableitung
auf *-ā- [**-aH2-], eigtl. sich lieb machen des
Typs heth. newahmi mache neu, von uridg.
*prió- [**priH2ó-] lieb ( frî, frîjatag). Das
Verb lebt nicht nur im Germ., sondern unter
den westidg. Sprachen auch in aksl. prijati, -aj
hold sein, beistehen, sorgen fort. Des weiteren
kann aind. priyāyá- an jmdm. seine Freude ha-
ben, gern haben, freundlich sein
ein Fortsetzer
sein; oder das aind. Verb ist unmittelbar zu
aind. prīti/prīī erfreut, erquickt, findet
an etwas Gefallen, genießt
( frî) gebildet wor-
den, und zwar analogisch nach dem Nebenein-
ander von aind. gbhāyá- < *-n̥̄é/ó- [**-H2-
é/ó-] und gbhnti ergreift, einer faktitiven
denominalen Ableitung auf *-ā- [**-aH2-]
(Lühr, a. a. O.).

Walde-Pokorny II, 86 f.; Pokorny 844; Mann, IE
Comp. Dict. 988 f.; LIV2 490; Fick I (Idg.)4 259.
484 f.; Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. II, 378 f.; ders.,
Et. Wb. d. Altindoar. II, 181 f. 189 f.; Uhlenbeck, K.
et. Wb. d. aind. Spr. 180; Boisacq, Dict. ét. gr.4 809;
Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 231; Miklosich, Et. Wb.
d. slav. Spr. 263 f.; Sadnik-Aitzetmüller, Handwb. zu
den aksl. Texten 290, Nr. 716; Vasmer, Russ. et. Wb.
II, 436 f.

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