hosa
Band IV, Spalte 1162
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hosa f. ōn-St., nur in Gl., seit dem 9. Jh.:
Beinkleid, Strumpf, Gamasche, weicher
Schuh, Stiefel; caliga, ocrea, periscelis, zan-
ca
Var.: -uo-; -z-. Der Diphthong in huosa
in Gl. 3,686,25 (Berlin, Ms. lat. 8° 73, 11. Jh.)
und huosun (Florenz, Plut. 16. 5, Ende des
12. Jh.s; P. Scardigli, in Bergmann 1987: 1,
593) ist eine seltene Graphie für /o/; s. Brau-
ne-Reiffenstein 2004: § 32 Anm. 7. Mhd.
hose sw. f., nur im Pl., Bekleidung der Beine
vom Schenkel oder Knie an (samt Füßen),
Strumpf, Hose
, frühnhd. hose f. Hose,
Strumpf
, ält. nhd. in den Stand der geflickten
Hosen kommen sich verheiraten (männli-
cherseits, aus Haushaltsgründen wurde be-
schädigte Kleidung ausgebessert, belegt vom
17. Jh. an), mdartl. osächs., thür., berlin. höl-
zernes Gefäß, Maß für die Butter
(16.
18. Jh.), thür. Gefäß zum Wassertragen (Be-
leg von 1783), nhd. Hose f. Kleidungsstück,
das den Körper von der Taille abwärts und die
Beine einzeln bedeckt, Unterhose, Schlüpfer
,
fachspr. (und mdartl.) pl. starke Beinbefiede-
rung bei Vögeln
, besonders ausgebildete
Muskelpartie am Schenkel der Hinterhand bei
Pferden
, Pollentracht an Hinterbeinen von
Bienen
. Mdartl. finden sich andere Bedeu-
tungen: schweiz., bad., schwäb., bair., rhein.,
hess., thür., schles. Hülle, Blatthülle, Frucht-
hülse
, meckl. diminutiv Höschen n. Fisch-
korb, Reuse
(vgl. die Bedeutungen im Nndl.
und Engl.; s. u.). Außerdem ist Hose in zahl-
reichen Wendungen belegt wie: die Hosen an-
haben der Herr im Hause sein (meist auf eine
Frau bezogen)
, die Hosen gestrichen voll ha-
ben Angst haben, jemandem die Hosen
strammziehen jemandem Schläge auf das Ge-
säß geben
, sich auf die Hosen setzen fleißig
lernen
, die Hosen herunterlassen Farbe be-
kennen
, in die Hose(n) gehen schief gehen,
Jacke wie Hose sein einerlei sein, von den
ersten Hosen an von früher Kindheit an, tote
Hose sein impotent sein, übertragen nichts
los sein
; mdartl. thür. dos kost mich Sock un
Hus das kommt mich teuer zu stehen. Die
Bedeutung Wind-, Wasserhose ist aus dem
Ndl. übernommen (1. Beleg 1629; Kluge
1911: 381 f.).

Ein anderes Wort für Hose ist ahd., mhd. bruoh,
frühnhd. bruch (s. bruoh¹). Ursprünglich wurde damit
die Hose um Hüfte und Oberschenkel bezeichnet, also
eine kurze Hose. An ihr wurden urspr. die Beinlinge (=
Hosen) befestigt. Als die bruch im 18. Jh. aus der Mode
kam, wurde das Wort durch Hose verdrängt.

Ahd. Wb. 4, 1278 f.; Splett, Ahd. Wb. 1, 403; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 563; Schützeichel⁶ 167; Starck-Wells
286; Schützeichel, Glossenwortschatz 4, 400 f.; Berg-
mann-Stricker, Katalog Nr. 52. 151; Graff 4, 1049 f.;
Lexer 1, 1344 f.; 3, Nachtr. 247; Götz, Lat.-ahd.-nhd.
Wb. 480 (periscelis); Dt. Wb. 10, 1837 ff.; Kluge²¹ 318;
Kluge²⁴ s. v.; Pfeifer, Et. Wb.² 558. Schweiz. Id. 2,
1692; Ochs, Bad. Wb. 2, 775; Fischer, Schwäb. Wb. 3,
1831; Schmeller, Bayer. Wb.² 1, 1180; Müller, Rhein.
Wb. 3, 842; Christmann, Pfälz. Wb. 3, 1188; Maurer-
Mulch, Südhess. Wb. 3, 734; Spangenberg, Thür. Wb. 3,
231 f.; Frings-Große, Wb. d. obersächs. Mdaa. 2, 399 f.;
Bretschneider, Brandenb.-berlin. Wb. 2, 721; Mitzka,
Schles. Wb. 1, 563; Wossidlo-Teuchert, Meckl. Wb. 3,
813. Heyne 18991908: 3, 260262. 282284;
Kaufmann, ZDPh 40 (1908), 386396; Röhrich 2004:
2, 746749.

Ahd. hosa mit a-Brechung hat in weiteren
west- und nordgerm. Sprachen Entsprechun-
gen: as. hosa sw. f. Strumpf, Stiefel [Art
Jagdschuh]
, mndd. hōse, hāse f. Bekleidung
der Beine und Füße
, fast nur im Pl. (seit dem
16. Jh. entwickelt sich das urspr. zweiteilige
zu einem einteiligen Kleidungsstück), in
Wendungen wie de hōsen bēven em die Knie
zittern ihm
, dat herte valt in de hōsen das
Herz rutscht in die Hosen
; mndl. hōse (hoos-
se, teilweise auch hāse) f. Beinbekleidung,
lange Strümpfe, Stiefel
, nndl. veraltet, mdartl.
hoos Köcher, Überzug, Fischkorb, Windho-
se
; nfries. hoas f. Hose, auch Wind-, Was-
serhose
(benannt nach der trichterartigen
Form); ae. hosu f. (hosa m.?) Beinbeklei-
dung, Strumpf, Hülse, Fruchtschale
, pl. ho-
sen, hoses, me. hōse (hoise) Beinkleidung mit
Füßen oder ohne Füße, Schlauch, Hülse,
Fruchtschale
, ne. hose Schlauch, koll. pl.
Kniestrümpfe; aisl. hosa f. Hose, Klei-
dungsstück vom Spann bis zum Knie, langer
Strumpf
, nisl., fär., norw. hosa, adän. hosæ,
dän. hose, aschwed., schwed. dial. hosa Bein-
kleid, lange Strümpfe
; langob. osa sw. f. für
hosa Hose: < urgerm. *χusōn-.

Wie auch die mdartl. Belege nahelegen, sind
die charakteristischen Bedeutungsmerkmale
von urgerm. *χusōn- etwas umhüllend, un-
ten geschlossen
, dann auch aus einem festen
Stoff wie Leder, Leinen gefertigt
.

Fick 3 (Germ.)⁴ 96; Holthausen, As. Wb. 36; Wadstein,
Kl. as. Spr.denkm. 194; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. 2, 1, 361; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 2,
305 f.; 6, 160; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 3, 609 f.;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 261 f.; Suppl. 72; Vries,
Ndls. et. wb. 267; Et. wb. Ndl. F-Ka 457; Fryske wb. 9,
42 f.; Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. 2, 46 f.;
Dijkstra, Friesch Wb. 1, 530; Holthausen, Ae. et. Wb.
171; Bosworth-Toller, AS Dict. 554; Suppl. 561; ME
Dict. s. v.; OED² s. v.; Vries, Anord. et. Wb.² 250; Bjor-
vand, Våre arveord 398 f.; Jóhannesson, Isl. et. Wb.
818; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 2, 45 f.; Holt-
hausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 124; Falk-Torp, Norw.-
dän. et. Wb. 1, 421 f.; Ordb. o. d. danske sprog 8, 477;
Torp, Nynorsk et. ordb. 222; Hellquist, Svensk et. ordb.³
118 (s. v. byxa). 364. 372; Svenska akad. ordb. s. v.;
Bruckner, Spr. d. Langob. §§ 18. 106. Falk 1919:
125 f. 127 f.; J. Knobloch, Sprachw 9 (1984), 208 Anm.
3; Brunner 1965: 278 Anm. 1; Griepentrog 1995: 87
(zum bedeutungsmäßigen Unterschied von *χusōn- ge-
genüber *brōkiz > ahd. bruoh); Ch. Wanzeck, RGA² 15,
131133.

Das Wort wurde noch vor 400 n. Chr. wahr-
scheinlich von römischen Soldaten, denen die-
se Art der Beinkleidung unbekannt war, als
vulg.lat. hosa f. (neben hossa und osa, ossa
ohne anl. h-, da das lat. h nicht mehr gespro-
chen wurde; vgl. Brüch 1913: 140 f.; Sofer
[1930] 1975: 110) aus dem Westgerm. ent-
lehnt (Sofer [1930] 1975: 138). Wegen der
fehlenden a-Brechung des Belegs husas in den
Reichenauer Gl. 1, 1038 wurde got. Ursprung
vermutet (Kluge²¹ 318), doch handelt es sich
eher um eine graphische Eigenart des Glos-
senschreibers. Klein-Raupach 19681972: 2,
181 nehmen an, daß sich hinter husas eine
diphthongische Lautung des Wz.-Vokals ver-
birgt, da sich klass.lat. [ɔ], vulg.lat. [O] seit
dem 5. Jh. zu [uo] und schließlich zu afrz. [ue]
entwickelt.

In den roman. Sprachen erscheint das west-
germ. Lehnwort als: ital. uosa, afrz. huese,
nfrz. housseau, prov. oza, akatal. hoses, katal.
oza, aspan. huesa, aport. osa Beinbekleidung,
Stiefel, Gamasche
.

Isidor von Sevilla, Origines 19, 34, 9 (Osas puto ab os
primum factas, et quamvis nunc ex alio genere, nomen
tamen pristinum retinent Osas [= akk.pl., nom.pl. osae]
sind, wie ich meine, ursprünglich aus os gemacht, und
obgleich jetzt von anderer Art, behält man dennoch das
frühere Wort bei
) leitet das germ. Wort volksetymolo-
gisch aus lat. os Bein, Knochen, Hartes ab.

Aus dem Engl. stammen kymr. hos, hosan,
korn. hos Hose, Strumpf.

Die weitere Herkunft des Wortes ist schwie-
rig. Falls die Ausgangsbedeutung von urgerm.
*χusōn- Schlauch ist (im Engl. seit 1399 be-
legt; s. o.), könnte das Wort ein vorurgerm.
Abstraktum *úsah₂- Aufblasung fortsetzen
(freundlicher Hinweis von S. Neri). Diese Ab-
strakta (Typ gr. φυγή) flektierten urspr. wohl
proterodynamisch, so daß letztendlich von
uridg. *és-h₂-/*us-éh₂- auszugehen ist. In
urgerm. *χusōn- wäre die Ablautstufe der sw.
Kasus verallgemeinert. Als semantische Paral-
lele ist balg Schlauch, Sack, Schote < ur-
germ. *ali- Anschwellung (< vorurgerm.
*bhólhi-) vergleichbar, das von belgan <
urgerm. *ele/a- (< vorurgerm. *bhélhe/o-)
abgeleitet ist.

In diesem Fall ist eine Verbindung mit gr.
κύστις f. Blase, Schlauch, Säckchen < vor-
urgr. *us-tí- möglich: Das gr. Wort ist von
einem urspr. amphidynamischen Wz.-Präs.
uridg. *és-/ *us- schnauben, schnaufen,
seufzen
abgeleitet, das in ai. vasiti schnaubt,
schnauft, zischt
fortgesetzt ist (mit Umbil-
dung nach bedeutungsnahem ániti atmet für
zu erwartendes *vásti); vgl. auch aisl. hvæsa
sw. v. zischen, schnauben < *χēs-e-.

Bei einer Segmentierung *ku-sah₂- läge eine
Ableitung mit dem Suffix *-sah₂- (zu solchen
Bildungen vgl. ahd. hahsa Haxe, lat. coxa
Hüfte, ai. kákā- f. Achselgrube des Pfer-
des
; Krahe-Meid 1969: 3, § 113, 1) von vor-
urgerm. *ke- verbergen vor. Doch ist diese
Verbalwz. nur in der erweiterten Form uridg.
*kedh- verbergen (LIV² 358 f.), fortgesetzt
z. B. in gr. κεύθω verberge, verhehle, nach-
weisbar.

Eine schwundstufige Ableitung *kudh-sáh₂- > (von
*kedh- verbergen) ist lautlich nicht möglich, da ur-
germ. *χussō- zu erwarten wäre.

Eine Verbindung mit der Sippe von hût < urgerm.
*χūđi- (aus einem verallgemeinerten Gen.Sg. *kuh₃tés)
ist aufgrund des Ani-Charakters von hosa schwierig.

Walde-Pokorny 2, 551; Pokorny 953; LIV² 341; Mayr-
hofer, K. et. Wb. d. Aind. 3, 401; ders., Et. Wb. d. Altin-
doar. 2, 677; Frisk, Gr. et. Wb. 2, 56; Chantraine, Dict.
ét. gr. 603; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 660; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 300; Thes. ling. lat. 6, 3,
3019; Niermeyer, Med. Lat. lex.² 1, 653; Du Cange² 4,
236; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 4631; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.³ Nr. 4195; Wartburg, Frz. et. Wb. 16,
228 f.; Dict. of Welsh 1899. Persson 1912: 1, 181; O.
Schlutter, ZDW 14 (1912/13), 159 f.; Gamillscheg 1969:
529; Klein-Raupach 19681972: 2, 111. 143 f.

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