flahs
Band III, Spalte 348
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flahs m. a-St., zuerst um 800, in Mons.
Frg., bei Notker und in Gl. (3, 558, 25 vnser fra-
wen flahse graciosa als Grundwort in der Be-
zeichnung für das Leinkraut [Linaria vulgaris
L.]): Flachs, Docht, byssus, linum Var.: -chs,
-x, -s, ulas. Wie die Varianten zeigen, tritt
vereinzelt Assimilation von hs zu ss,
ausl. s ein; vgl. Gl. 3, 149, 51 flas linvm
(12. Jh.) und s. Braune, Ahd. Gr.15 § 154
Anm. 5. Mhd. vlahs st.m., md. flas, nhd.
Flachs.

Ahd. Wb. III, 941; Splett, Ahd. Wb. I, 241; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 298; Schützeichel5 113; Starck-Wells
162. 810. 845; Schützeichel, Glossenwortschatz III,
195; Graff III, 771; Schade 202; Lexer III, 385; Be-
necke III, 335; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 332 (li-
num); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 79 (byssus). 377 (li-
num); Dt. Wb. III, 1100 f.; Seebold, Germ. st. Verben
198 f.; Kluge21 201; Kluge24 297; Pfeifer, Et. Wb.2
349; Marzell, Wb. d. dt. Pflanzennamen II, 1322 f.;
Hoops Reallex.2 58 ff.

Das Wort ist nur im Westgerm. bezeugt: as. flas,
mndd. vlas n.; mndl., nndl. vlas; afries. flax n.,
nwestfries. flaegs, nostfries. flæchs n.; ae. flæx,
fleax (es-Stamm) n., me. flex, flax, vlex, flox,
ne. flax: < westgerm. *flaχsa-, eigtl. Geflecht
als Bezeichnung für die blaublühende Pflanze.
Doch war der Flachs nicht nur den westgerm.
Stämmen bekannt. Die den Germanen gemein-
same Bezeichnung ist vielmehr urgerm. *līna-
m.n. Lein, die auch bei anderen europäischen
Indogermanen begegnet; vgl. gr. λίνον Flachs,
Faden
, lat. līnum n. Flachs, air. līn dss., lit.
lìnas Flachsstengel, aksl. lьnъ Flachs; lîn.

Die Anfänge der Flachskultur in Ägypten rei-
chen bis ins 4. Jh. v. Chr. zurück; unabhängig
davon hat sich in Europa bereits in neolithischer
Zeit eine Flachskultur entwickelt (speziell zur
Webtechnik vgl. Plinius, Nat. Hist. 19, 8; Taci-
tus, Germ. 17). Spuren finden sich in vorge-
schichtlichen Ansiedlungen des zirkumalpinen
Kulturgebiets, die zeigen, daß Flachs schon
während der Steinzeit in verschiedenster Weise
verwertet wurde, vor allem zu technischen
Zwecken (Fischnetze, Schnüre, Matten). Auch
der Ölgehalt der Leinsamen war schon bekannt,
denn Leinsamen wurden als Beimischung für
Brot verwendet. Daß die Leinkultur bei den
deutschen Stämmen auch im frühen Mittelalter
eine bedeutende Rolle gespielt hat, geht aus ei-
ner Stelle der Lex Salica hervor, wo Strafbestim-
mungen für den Diebstahl von Flachs festgelegt
waren.

Ae. flustrian flechten < *fluχstrō(ja)n- könnte auf ein
wie das Wort Flachs mit s-Suffix gebildetes Subst.
*fluχsa- Geflecht weisen, von dem ein ōn-Verb mit
r-Suffix abgeleitet wurde (vgl. ahd. sigirôn trium-
phare
; s. d.; anders F. Holthausen, IF 48 [1930], 254:
Ableitung eines Subst. *flu[h]stor Geflecht). Zwi-
schen s und r müßte dann wie auch sonst im Germ. (
swestar) ein Übergangslaut t eingeschoben worden
sein.

Fick III (Germ.)4 251; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 739; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. V,
266; Verdam, Mndl. handwb. 718; Franck, Et. wb. d.
ndl. taal2 746; Vries, Ndls. et. wb. 788; Holthausen,
Afries. Wb.2 28; Richthofen, Afries. Wb. 745; Doorn-
kaat Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. I, 502; Dijkstra,
Friesch Wb. I, 362; Holthausen, Ae. et. Wb. 107. 110;
Bosworth-Toller, AS Dict. 291; Suppl. 224; ME Dict.
E-F, 634; OED2 V, 1031; Oxf. Dict. of Engl. Et. 361;
Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 156; Lehmann, Gothic Et.
Dict. F-60.

Die Bezeichnung mit vorurgerm. *ploso- Ge-
flecht
, einer Ableitung auf -so- von der Wz. ur-
idg. *ple- flechten, zusammenwickeln, hat
wohl die verzweigenden Stengel der Pflanze als
Benennungsmotiv. Von der Wortbildung her ist
ahd. flaska (s. d.) vergleichbar, ebenfalls mit der
ursprl. Bedeutung Geflecht, und unter den idg.
Verwandten gr. πλοχμός Haarflechte, Locke
(< *πλοκ-σ-μος). Zum s-Suffix vgl. auch alb.
plaf Decke (< *plo-s-ko-), vielleicht auch lit.
plakinis Art Fischernetz; flaska.

Theoretisch könnte das Wort Flachs wie das Wort Fla-
sche auf die t-haltige Wurzelform *plet-, also auf
vorurgerm. *plotso- mit Assimilation von t an s, zu-
rückgehen. Doch da es sich bei dem Dentalsuffix um
ein verbbildendes Suffix handelt ( flehtan), liegt die
Annahme einer Ableitung von der unerweiterten Wz.
näher.

Walde-Pokorny II, 91; Pokorny 834 f.; Mann, IE
Comp. Dict. 952; Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. II,
370; ders., Et. Wb. d. Altindoar. II, 185; Boisacq, Dict.
ét. gr.4 793; Frisk, Gr. et. Wb. II, 557 f.; Chantraine,
Dict. ét. gr. 914 f.; Hofmann, Et. Wb. d. Gr. 274 f.;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II, 321; Meyer, Et.
Wb. d. alb. Spr. 343 (alb. plaf jedoch zu ahd. blaha;
s. d.); Demiraj, Alb. Et. 323 f.; Orel, Alb. et. dict. 331;
Fraenkel, Lit. et. Wb. 605.

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