heizan
Band IV, Spalte 916
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heizan red. v. VII (prät. hiaz, hiazum,
part.prät. giheizan), im Abr und weiteren Gl.,
T, OT, O, MH, MF, G, L, GS, WM, WH, Ph,
NBo, NMC, NCat, Ni, Nm, Ns, Nps, Npg,
Npw: heißen, nennen, bezeichnen (als), auf-
fordern, gebieten, veranlassen, bestimmen,
vorschreiben, (im Pass.) genannt werden,
benannt sein, bezeichnet werden; acciperi,
appellare, -ri, asserere, canere, cogere,
commonēre, confitēri, credi, dare, decerne-
re, definire, determinare, dicere, dici, excita-
re, ferri, flagitare, interpretari, iubēre, loqui,
mandare, memorare, moliri, nomen vocare,
nominare, -ri, nuncupare, -ri, perhibēri, pos-
cere, possidēre, praecipere, praedicare, red-
dere, testari, vocabulum esse, vocare, -ri,
vocitare, -ri
, sâlîg heizan selig preisen,
glücklich preisen; beatum dicere, benedice-
re, felicem iactare
, (mit) anderemo namen
heizan mit einem Beinamen belegen; cog-
nominare
, (ioman) mit imo gangan heizan
jemanden mit sich nehmen; aliquem assu-
mere
, ioman fona toufî heizan Christianum
werdan jemanden durch die Taufe zum
Christen machen; aliquem per aquam rege-
nerationis Christianum instituere
Var.:
präs. hez-; -cz-; prät. heaz, hiez-; -zz-, -zc-;
part.prät. -hezz-; -en, -in. Mhd. heizen
(prät. hiez, md. auch heiz, apokopiert hie)
st. v. heißen, befehlen, nennen, genannt
werden, verheißen, geloben
, nhd. heißen
st. v. genannt werden, nennen, gebieten, be-
deuten
.

Ahd. Wb. 4, 868 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 375; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 531; Schützeichel6 155; Starck-Wells
265. 821. 850; Schützeichel, Glossenwortschatz 4, 249;
Seebold, ChWdW8 158; Graff 4, 1077 ff.; Lexer 1,
1226; 3, Nachtr. 233 f.; Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 8 (ac-
ciperi). 46 (appelare). 58 (asserere). 72 (benedicere).
86 (canere). 111 (cogere). 112 (cognominare). 119
(commonēre). 131 (confitēri). 158 (credi). 169 (dare).
172 (decernere). 177 (definire). 189 (determinare).
193 f. (dicere). 236 (excitare). 260 (ferri). 267 (flagi-
tare). 310 (iactare). 349 (interpretari). 358 (iubēre).
381 (loqui). 390 (mandare). 399 (memorare). 411 (mo-
liri). 431 (nomen vocare). 432 (nominare). 436 (nuncu-
pare). 480 (perhibēri). 501 (poscere). 502 (possidēre).
507 (praecipere). 508 (praedicare). 559 (reddere). 663
(testari). 717 (vocabulum esse, vocare). 718 (vocitare);
Dt. Wb. 10, 908 ff.; Kluge21 301; Kluge24 s. v.; Pfeifer,
Et. Wb.2 526 f. Braune-Reiffenstein 2004: §§ 349.
352.

Das Verb ist gemeingerm. Es entsprechen: as.
hētan st. v. heißen, befehlen, nennen, einen
Namen geben, genannt werden
, mndd. hēiten
(prät. hēt, part.prät. [ge-]hēten) st. v. dss.,
häufig mit sw. Prät. hē(i)tede; andfrk. hētan*
(überliefert ist etan) st. v. heißen; vocare,
mndl. heeten st. v. heißen, befehlen, ver-
ordnen, genannt werden
, nndl. heten dss.;
afries. hēta st. v. nennen, heißen, nfries. hjitte
st.sw. v. befehlen, gebieten, auftragen,
genannt werden, als Namen haben
; ae. hā-
tan st. v. heißen, befehlen, verheißen, ver-
sprechen, nennen, genannt werden
; ru-
neninschr. 3.sg.präs. haite heiße (Lan-
zenschaft von Kragehul; vgl. Krause 1971: Nr.
47), haitika heiße ich (Brakteat II, Seeland;
vgl. Krause 1971: Nr. 81), part.prät. haitinaz
(Stein von Kalleby, um 400; vgl. Krause
1971: Nr. 43); aisl. heita st. v. nennen, rufen,
heißen, versprechen, drohen
, nisl. heita, fär.,
nnorw. heita, ält. dän. hētœ, ndän. hede, ält.
schwed. hēta, nschwed. heta, hetta; got.
haitan (prät. haihait, part.prät. haitans) red. v.
VII nennen, rufen, (im Pass.) heißen; καλεῖν
< urgerm. *χatan-.

Urgerm. *χatan- ist ein sogenanntes verbum
impurum (mit wurzelauslautendem Konso-
nant), dem die verba pura (mit wurzelaus-
lautendem Langvokal) gegenüberstehen.

Wegen ihres oftmals übereinstimmenden Wurzelvo-
kalismus haben diese Verben gemeinsame Präterital-
formen herausgebildet; z. B. aisl. prät. grera zum ver-
bum purum gróa keimen; ae. blēow blies zu
blāwan, cnēow erkannte zu cnāwan, sēow säte zu
sāwan, blēow blühte zu blōwan; as. oarseu säte
zu *oarsaian superseminare, mndl. sieu säte zu
sa(e)yen, crieu krähte zu cra(e)yen, wieu wehte zu
wa(e)yen, grieu wuchs zu gro(e)yen (KS Matzel
1990: 38 ff. 90. 98 ff.).

In der Regel sind Reduplikationssilben im
Germ. geschwunden. Bei den red. Verben
wird die Beibehaltung der Reduplikationssilbe
damit begründet, daß Präs. und Prät. oftmals
den gleichen Wurzelvokal haben: *χe-χat /
*χatan- gegenüber *(e)-at ich biß / Präs.
*etan-. Doch ist die Begründung für die
Beibehaltung der Reduplikation komplizierter,
wie die ablautenden red. Verben zeigen: got.
letan, lailot, lailotum, letans ( lâzan).
Bammesberger (1986: 5867) vermutet als
Ursache, daß Wurzeln wie *χat- nicht ins
Ablautsystem der st. Verben der Klassen I-
VI eingeordnet werden konnten. Wenn aber
zur Zeit der Bildung des Prät. von *χatan-
das ererbte reduplizierende Prät. urgerm.
*se-zō- säte des verbum purum urgerm.
*sē- säen ( sâen) im Gebrauch war, habe
als präteritale Entsprechung zum Präs.
*χatan- das Prät. *χe-χat hinzu gebildet
werden können (Weiteres s. u.).

Wie die Schreibungen zeigen, setzt das Prät.
ahd. hiaz urgerm. *ē2 fort. Wie aber urgerm.
*χe-χat zu nord- und westgerm. *χē2t mit
* ē2 hat werden können, ist umstritten. Nach
der Kontraktionstheorie handelt sich um ei-
nen Laut, der durch Kontraktion des Redu-
plikationssilbenvokals mit dem Wurzelvokal
entstanden ist (Evidenz dafür, daß dieser
Laut auf Laryngaleinfluß beruht, fehlt; s. E.
Polomé, in Bammesberger 1988: 401 zu
Recht gegen L. A. Connolly, PBB 101
[1979], 129). Es wurde also weitgehende
Dissimilation oder Ausfall des Anlautskon-
sonanten des Stammes angenommen, wobei
die vokalischen Stämme das Vorbild abge-
geben hätten: urgerm. *e-ak > *ē2k ( ei-
gan1
haben, besitzen); *e-auk > *eok (
ouchôn vermehren). Eine entscheidende
Rolle hätten hier die im Nord- und West-
germ. auftretenden Reste einer Kontraktion
gespielt (ae. hātan, heht).

In eine andere Richtung geht der Ansatz von
reduplikationslosen Formen im Nord- und
Westgerm., die neben den reduplizierten im
Got. weitergelebt hätten. So nahm Brug-
mann, Grdr.2 1, 203) für ae. hēt neben got.
haitan ein Prät. *hēit und für aisl. hljōp, ae.
hlēop neben got. hlaupan ( loufan
laufen) ein Prät. *hlēup und damit einen
Ablaut *ai/ē bzw. *a/ē an. Doch stieß die
Annahme eines solchen Ablauts zu Recht auf
Kritik, ebenso wie C. Karstiens (1921:
§ 62 f.) Postulat eines zu *ē2 parallelen *ō2
(van Coetsem 1956: 4774). Eine morpholo-
gische Deutung legt demgegenüber R. D.
Fulk (PBB 109 [1987], 159178) vor: Nach-
dem aufgrund des Vernerschen Gesetzes die
wortinternen Wurzelanlaute einiger Präterita
in ihren Reduplikationsstrukturen verfremdet
worden waren (Typ *he-gait statt *he-hait;
*se-zlǣp statt *se-slǣp), sei nach dem Mu-
ster der vokalisch anlautenden Verben des
Typs *e-aik erkannte zu(?), *e-auk mehrte
regelhaft ein *e vor dem Wurzelvokal des
Präsensstammes eingefügt worden, also *hl-
e-ōp. Hinzu kommt die Infix-Theorie, die
eine Reanalyse von urgerm. *hegait hieß zu
*h+eg+ait (Bech 1969: 9 ff.) oder *he+ga+it
(van Coetsem 1990: 87 f.) vorsieht. Th. Ven-
nemann, PBB 116 (1994), 172 ist jedoch zu-
zustimmen, wenn er derartige Zerlegungen
für problematisch hält und eine lautgesetzli-
che Erklärung grundsätzlich einer analogi-
schen vorzieht. So hat die Umgestaltung der
reduplizierenden Verben im Nord- und
Westgerm. sicher mit dem germ. Erstsilben-
akzent zu tun (Meid 1971: 97. 100 f., der die
Umgestaltung des reduplizierten Prät. im
Nord- und Westgerm. jedoch für einen pri-
mär morphologisch bedingten Vorgang hält).
Vennemann selbst folgt für seine Erklärun-
gen H. Lüdtke (Phonetica 1 [1957], 157
183), nach dem r in Präteritalformen wie
ahd. pleruzzun ( *bluozan opfern), ki-
screrot ( skrôtan schneiden), steroz (
stôzan stoßen), ae. leort ( lâzan lassen),
aisl. slera ( slahan schlagen), aisl. gnera
(aisl. gnúa zerreiben) ein durch das Verner-
sche Gesetz bedingter Hiattilger ist (ähnlich
R. D. Fulk, PBB 109 [1987], 175). Doch un-
terscheidet sich Lüdtkes und Vennemanns
Analyse dadurch, daß Vennemann nicht mit
Ausfall des Wurzelkonsonanten rechnet. Un-
ter der Annahme, daß die germ. Verben VII
urspr. reduplizierend waren, postuliert er
vielmehr folgende Schritte: Verners Gesetz,
Einführung des Initialakzents (*he.gai.ta
hieß; *he.glau.pa lief); Reduktion der
mehrgliedrigen Wurzelanlautkonsonanten
mit Hangversetzung; Reduktion der Zweit-
silben; anglische Synkope (westsächs. hēt vs.
angl. heht); Verallgemeinerung des z-Inlauts
mit Rhotazismus von *z zu R; Brechung von
e vor R + Labialvokal; Synkope der Zweit-
silben (*he.Rit > *heRt; *hleo.Rup >
*hleoRp); Verlust von *R zwischen e, eo und
Konsonant unter Ersatzdehnung (vgl. got.
mizdo, ae. mēd, angl. meord Lohn); Zu-
sammenfall des *R mit *r (z. B. pleruzzun).
Auch wenn etliche Zwischenschritte nicht
bezeugt sind, hat Vennemanns Analyse den
Vorteil, daß sämtliche Formen abgeleitet
werden können.

Zwar rechnet O. Höfler (FoL 4 [1970], 110120),
vergleichbar der Vennemannschen These, mit einem
Verkürzungssprung unter möglichster Beibehaltung
des Gesamtklangbildes (also Ersatz vom *héhait
durch *hēt), dieses Phänomen beruhe aber auf einem
unabhängigen Fortschreiten paralleler Entwicklungs-
tendenzen innerhalb eines Raumes, folge also nicht
dem Wellen-Schema, sondern dem Entfaltungssche-
ma.

Urgerm. *χatan- hat eine trans. und eine in-
trans. Variante: ich rufe vs. ich werde ge-
rufen, heiße
. Wegen des auf *o weisenden
Wurzelvokalismus setzt die Vorform von
trans. *χatan- ein vorurgerm. redupliziertes
Präs. *ke-kod-mi ich rufe in iterativer
Funktion fort; vgl. uridg. *dhe-dhoh1-mi tue
( tuon). Da im Germ., von Onomatopoeti-
ka wie bibên beben, zittarôn zittern (s.dd.)
abgesehen, im Präs. keine reduplizierten
Verben fortleben, muß die reduplizierte
Form zum Prät. umgebildet und ein neues
trans. thematisches Präs. *kod-e/o- hinzuge-
schaffen worden sein.

Die intrans. Variante beruht auf einem vor-
urgerm. Medio-Passiv *kod-h2a ich werde
gerufen, heiße
. Sie erscheint in awestnord.
heite, runennord. ha(i)te-ka, haite, haitika,
aschwed. hæti, ags. 1.3.sg.ind.präs.prät.
hātte, 3.pl.ind.präs.prät. hātton, mndl., mndd.
hette wird/werden genannt, heißen, wur-
de(n) genannt, hießen
. Diese Formen sind
offensichtliche Überreste einer auch im Vor-
urgerm. weiter verbreiteten medio-passiven
Diathese. Nur das Gotische hat noch im Ind.
und Opt.Präs. einem Paradigma zuzuordnen-
de Flexionsformen: ind. -ada, -anda, opt.
-aida, -aindau: 1.sg.ind. fraqimada, 2.sg.ind.
haitaza; 1.pl.ind. þreihanda, 2.pl.ind. tiu-
handa; 1.sg.opt. fragibaidau, 2.sg.opt. hai-
taizau; 1.pl.opt. bigitaindau, 2.pl.opt. fraqi-
maindau. Auch die got. Imperative liugan-
dau und lausjadau gehören zum Medio-
Passiv (R. Lühr, MSS 37 [1978], 109120;
dies., Sprachw 33 [2008], 307327).

Gegenüber dem ablautenden Themavokal im
Präsens (*e/a) ist dieser Vokal im Medio-
Passiv durchgängig *-a-. Während man frü-
her dieses *-a- als Vokalausgleich nach dem
*-a- der Endung erklärt hat, hält G. Klingen-
schmitt (KS Klingenschmitt 2005: 441 f.)
diese Ablautstufe für alt. Er verweist dafür
auf das Fehlen der Palatalisierung eines Ve-
lars im Wurzelauslaut in ai. media tantum:
ai. lokate- sieht, ákate zweifelt, ist
ängstlich
, lāghate vertraut < *ko- etc.
(: Aktiv pácati kocht, bäckt < *péke/o-),
ferner auf das westtoch. Präs. (mä)rs[e]trä
(gerund I märselle) vergißt < vorurtoch. me-
dium *merso- oder *mso- (Klingenschmitt
1982: 108 Anm. 3).

Fick 3 (Germ.)4 64; Seebold, Germ. st. Verben 246 ff.;
Heidermanns, Et. Wb. d. germ. Primäradj. 272; Holt-
hausen, As. Wb. 33; Sehrt, Wb. z. Hel.2 255 f.; Berr, Et.
Gl. to Hel. 189; Wadstein, Kl. as. Spr.denkm. 192;
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1, 302 f.; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. 2, 261; Quak, Wortkonkordanz zu
d. am.- u. andfrk. Ps. u. Gl. 47; Quak, Die am.- u.
andfrk. Ps. u. Gl. 200; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 3,
240 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 239; Suppl. 67;
Vries, Ndls. et. wb. 255; Et. wb. Ndl. F-Ka 426 f.; Holt-
hausen, Afries. Wb.2 43; Richthofen, Afries. Wb. 812;
Fryske wb. 9, 22; Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries.
Spr. 2, 80; Dijkstra, Friesch Wb. 1, 527; Holthausen, Ae.
et. Wb. 150; Bosworth-Toller, AS Dict. 511; Suppl. 510;
ME Dict. s. v.; Vries, Anord. et. Wb.2 220; Bjorvand,
Våre arveord 370 f.; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 198;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 1, 777 f.; Holthau-
sen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 110; Falk-Torp, Norw.-dän.
et. Wb. 1, 388; Nielsen, Dansk et. ordb. 177; Ordb. o. d.
danske sprog 7, 1008 ff.; Torp, Nynorsk et. ordb. 207;
Hellquist, Svensk et. ordb.3 350; Svenska akad. ordb.
s. v.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 236 f.; Lehmann, Gothic
Et. Dict. 171 f. H. Tiefenbach, BNF 6 (1971), 397
(Rezension zu Seebold, Germ. st. Verben).

Eine vorurgerm. *kod- entsprechende Wz.
sieht man nur im Iran. Wegen sogd. /sēδ-/,
osset. sid-/sed- rufen ist der Wurzelansatz
*ed- mit * (zu Unrecht abgelehnt von
Seebold, Germ. st. Verben 247).

Eine Wz. auf -d (d-Präs.?), *ked-, begegnet außerhalb
des Germ. in air. cid-, z. B. in Glossen cisse invecta,
pass.konj. as-cesar exseri (Pedersen [190913]
1976: 2, 490 f.). Doch ist die Zugehörigkeit umstrit-
ten.

Die zugrunde liegende Wz. gilt als eine Er-
weiterung der Wz. uridg. *ke-/ki-. Trifft dies
zu, ist der Wurzelansatz *e-/i-. Die uner-
weiterte Wz. lebt dann in lat. ciēre in Bewe-
gung setzen, bewegen, erschüttern
, ciērī in
Bewegung treten, sich bewegen, wanken
,
Adj. (eigtl. Part.Perf.Pass.) citus schnell,
beweglich
fort. ciērī ist dabei ein Fortsetzer
des Kausativs uridg. *oe/o- mit Umfor-
mung des Wurzelvokalismus nach citus. Die
zu trans. rufen von urgerm. *χatan- pas-
sende Bedeutung jemanden rufen erscheint
auch im Latein (Liv. 22, 14, 17 non homines
tantum, sed foedera et deos ciebamus nicht
nur Menschen, auch Bündnisse und Götter
rufen wir an
; Liv. 5, 47, 4 ad arma ceteros
ciere die übrigen zu den Waffen rufen);
vgl. ae. Caedmon Hēt tōsomne sīne lēode Er
rief sein Volk zusammen
.

Eine andere Wurzelerweiterung begegnet in
uridg. *eh2-/*ih2-: gr. aor. κίατο bewegte
sich
(< *kih2eto), impf. ἔκιον ging (urspr.
thematischer Wurzelaor.), gr. κῑνέω setze in
Bewegung, vertreibe, schüttele
< uridg.
*ih2-nu- (Harðarson 1993: 192 f.; anders
Strunk 1967: 114 f.: *ἔκιϝ-ον).

Weitere Verwandte hat man gesehen in: ai.
1.sg.inj./konj. cyávam unternehme (oder
Neubildung zum medialen Präs.), 3.sg.
präs.med. cyávate gerät in Bewegung, bewegt
sich, unternimmt etwas
, apers. akt. iyava-
gehen, marschieren, jav. š́saiti setzt sich in
Bewegung
, ai. Kausativ cyāváyati
erschüttert, vertreibt, reduplizierter Aor. cuc-
yau, av. š́auuaitē sie unternehmen; gr. hom.
ἔσσυτο, σύτο stürmte los, Hesych. σύθι
ἐλθέ; arm. aor. cogan sie gingen; alb. syen
bestürmt, fällt an. Wegen der Palatalisierung
in arm. cogan < *keto und alb. syen <
*ku-n-e- ist aber der Ansatz eines Labiove-
lars vorzuziehen: uridg. *ke- sich in (ra-
sche) Bewegung (sowohl Fort- als auch Hin-
und Herbewegung) setzen
(J. L. García Ra-
món, FS Untermann 1993: 125139; Gotō
1987: 142 ff.; KS Narten 1995: 104 Anm. 50;
M. Kümmel, HS 111 [1998], 195 ff.). Diese
Wz. kommt aber als Basis von urgerm.
*χatan- nicht in Frage, da sich bei einer Wz.
*ke- im Got. *ƕei- ergeben hätte.

Nicht gesichert ist der Anschluß an ai. ce- in
Bewegung sein, sich rühren
(ant-,
aceat).

Nach einem anderen Vorschlag gehört ur-
germ. *χatan- zu der in einer frühsabell. In-
schrift (]matas udmom ni hvidas ni kait[) be-
legten Präventivform ni kait[sis] zerschlage
nicht
(mit analogischer Restitution des denta-
len Okklusivs als t vor s) neben ni hvidas du
mögest nicht zerbrechen
; vgl. lat. ne faxis tu
das nicht!
. Unter einer Grundbedeutung
einhauen verbindet H. Rix (HS 111 [1998],
253 f.) das Verb mit lat. caedere und got. hai-
tan, wobei sich im Germ. eine Bedeutungs-
entwicklung zu mit einer Marke versehen,
bezeichnen, benennen
vollzogen habe. Ob
die urspr. Bedeutung von daraus rekon-
struiertem uridg. *kh2ed- schlagen, drük-
ken
oder markieren war, läßt er offen.
Komposita mit urgerm. *χatan- deuten je-
doch eher auf ein urspr. Verb der Bedeutung
rufen; ahd. Hildebrandlied urhettun
Herausforderer, ae. ōret(t)a Kämpfer <
*uz-χatian- (Lühr 1982: 386. 467).

Walde-Pokorny 1, 362; Pokorny 538 f.; LIV2 321. 348;
Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. 1, 399; ders., Et. Wb. d.
Altindoar. 1, 550 f.; Bartholomae, Airan. Wb.2 1714 f.;
Frisk, Gr. et. Wb. 1, 862 f.; 3, 129; Chantraine, Dict. ét.
gr. 536 f.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 213 f.; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.4 119 f.; Hübschmann, Arm.
Gr. 485 f.; Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. C-97 f.; Dict.
of Irish C-203. Klingenschmitt 1982: 277 (mit Ansatz
*keto für arm. cogan); E. Green, IJAL 51 (1985),
425427.

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