-ri
Band I, Spalte 326
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-ri, ein im Ahd. außerordentlich häufiges
Suffix, das meist zur Bildung von Nomina
agentis gebraucht wurde, statt der älteren ein-
heimisch-germ. Formen auf -ila (ahd. butil
Büttel), -an (ahd. boto Bote), -ja (ahd. hirti
Hirte) und -jan (ahd. becko Bäcker). Kein
Zweifel, daß es sich um Übernahme eines im
Lat. sehr beliebten Wortbildungselementes han-
delt, das, als ja-St. flektiert und, wie aus dem
Gotischen ersichtlich, zunächst in gelehrten
Lehnübersetzungen wie witoda-laisareis = νο-
μοδιδάσκαλος Schriftgelehrter, bokareis =
γραμματεύς Schreiber u. ä. Eingang fand (s.
Jellinek, Gesch. d. got. Spr. 163 f.) und ganz ähn-
lich im Ahd. durch Entlehnung von Kultur-
wörtern
einer besonders in Gewerbe- und Be-
rufsbezeichnungen sich immer mehr differen-
zierenden Zivilisation, so lat. monētārius >
ahd. munizzâri Münzer, molinārius > muli-
nâri Müller, tolonārius > zolonâri Zöllner,
camerārius > kamarâri Kämmerer und vielen
anderen heimisch wurde.

Gleichzeitig drangen aber auch neutrale Wort-
bildungen auf -ium mit konkretem Sachgehalt,
wie lat. cellārium, vivārium, spīcārium, trajectō-
rium in der Form. kellâri Keller, wîwâri Wei-
her
, spîchâri Speicher, trahtâri Trichter al-
lesamt als Mask. unter dem Einfluß der zahlen-
mäßig überwiegenden Nomina agentis ins
Ahd. ein und erwiesen sich, fast ebenso wie die
Nomina agentis, in der Folgezeit populär ge-
nug, um auch zu einheimisch-altdt. Sprach-
stämmen nominaler sowohl wie verbaler Art
analogische Erweiterungen wie wangâri pluma-
tium
, halsâri cervical zu entwickeln. Auch erga-
ben sich aus Fällen wie ahd. hafanâri Häfner
zu hafan oder fogalâri Vogelsteller zu fogal
durch falsche Abtrennung die Konglutinate
-nâri und -lâri, wie in ahd. gartinâri neben gar-
târi Gärtner oder mhd. velschelære neben vel-
schære Verleumder; sie gewinnen erst recht in
mhd. und nhd. Zeit an Produktivität. Relativ
spät dagegen und zahlenmäßig gering, auch
sehr kurzlebig waren die Fälle von movierten
Fem.ableitungen auf -âr(r)a wie lâchinârra
Ärztin, zuhtârra Erzieherin u. a., die sich ge-
gen eindeutigere Fem.bildungen auf -in oder
-se nicht behaupten konnten.

Diesem entlehnten ahd. -ri entspricht as. -ri,
-eri, mndd. -ēre; andfrk. -ere, mndl. -āre, -ere,
nndl. -aar; afries. -ere, auch -er und -re; ae.
(noch sehr selten, nur einmal in Beowulf 253:
-scēawēre) und me. -ēre (s. ten Brink, Anglia 5
[1882], 1 ff.), ne. -er; anord. mit Übergang in
die n-Dekl. -ari (anfangs ganz vereinzelt, in der
älteren Edda nur einmal bezeugt, Vluspá 40,
und gelegentlich noch als -ere nach der ja-Fle-
xion, s. Noreen, Aisl. Gr.4 § 402 u. Anm.); die
neueren skand. Formen bildeten sich meist un-
ter dt. Einfluß heraus.

Brugmann, Grdr.2 I, 763 f.; II, 1 § 118 (S. 195); Kluge,
Urgerm.3 § 19; ders., Nom. Stammbildung3 § 811. 77;
Grimm, Dt. Gr.a II, 119 ff. (mit reichem Material);
Wilmanns, Dt. Gr. II § 221 ff., bes. 227; Henzen, Dt.
Wortbildung2 § 98 ff.; Weinhold, Mhd. Gr.2 § 271;
Sütterlin, Gesch. d. Nom. ag. 77105; Schlüter, Suffix
-ja- 168 ff.

Diese Übersicht bestätigt, was schon der ahd.
und lat. Tatbestand nahelegte, nämlich die
ursprl. Länge des -ā-: bei Notker findet sich
der längebezeichnende Zirkumflex hier sehr
häufig (s. O. Fleischer, ZfdPh. 14 [1882], 162),
Otfrids Metrik spricht für langes -â-, soweit die
Hss. nicht -e- oder -i- überliefern; dazu kommt
die vielbezeugte Quantität von mhd. -ære (ne-
ben -er) sowie das lange -ā- in slav. Lehnwör-
tern aus dem Dt. (s. u.). Und doch sind Formen
mit kurzem Vokal, die im Laufe der dt. Sprach-
geschichte die Oberhand gewinnen, schon für
die älteren Zeiten nicht abzustreiten: so hat
Isid. nur -eri und -er, Tatian häufig -eri neben
-âri; in der Weiterentwicklung scheint sich die
Länge am besten obd. sowie im Westen des
Md. und Ndd. zu halten; je weiter nach Nor-
den und Osten, desto mehr überwiegt die
Kürze, die sich darum auch in der Hochsprache
durchgesetzt hat. All dies scheint die Annahme
zeitlich verschiedener Schichten der Entleh-
nung nahezulegen, und doch spricht auch vieles
für die schon von Grimm, Dt. Gr.a II, 120 f., vor
allem von H. Möller, Zur ahd. Alliterationspoe-
sie 142 ff. sehr überzeugend vertretene Theorie,
daß die Quantität des a- in -ri durch Art und
Zahl der vorausgehenden Silbe(n) bestimmt sei
(s. auch G. Roethe, Sitz.ber. d. Preuß. Akad. d.
Wiss. 1919, 791; Weinhold, Mhd. Gr.2 § 253; so-
wie die Lit. bei Henzen, a.a.O. 158 Fn. 12; kri-
tisch dazu Wilmanns, a.a.O.). Die Frage wird
noch weiter kompliziert dadurch, daß infolge
des unter bestimmten lautlichen Bedingungen
eintretenden Schwundes von inl. -w- (s. Wil-
manns, Dt. Gr. I § 122) alte Komposita mit
germ. *-warjōs pl., ahd. -wari mit den Ablei-
tungen auf -ri (< -ārius) konkurrieren, s.
Grimm, Gesch. d. dt. Spr. II, 781 Anm.; F. Kluge,
PBB 12 (1887), 378 f.

Noch mehr im Dunkeln liegt die Herkunft des lat.
Prototyps -ārius. Es sind vor allem osk. Belege wie sa-
krasias pl. = sacrāriae Tempelhüterinnen und (noch
immer umstrittene Formen wie) umbr. plenasier =
plenāriis (s. Buck, Gr. of Oscan and Umbrian § 254)
sowie inschriftl. lat. viasieis = viārius am Wege gele-
gen
(CIL I2 585, 12), die uns berechtigen, von einer
älteren Form -āsio- auszugehen und dieses Formans
mit dem alten Gen.Sg. (oder Loc.Pl.?) der ā-St. (=
-io-) in Verbindung zu bringen, s. W. Prellwitz, BB 24
(1899), 94 ff.; F. Stolz, IF 18 (1905/06), 443 Fn. 2;
Leumann, Lat. Laut- u. Formenlehre 300; zum Seman-
tischen E. W. Nichols, AJPh. 50 (1929), 40 ff.

Das lat. Suffix hat sich fast in allen roman. Sprachen
weitervererbt (s. Stauff, Le suffixe -arius dans les lan-
gues romanes [Diss.] Uppsala, 1896; Meyer-Lübke,
Gr. des langues romanes II, § 467), während der ent-
sprechende Wortausgang -āri im Slav. aus dem Dt.,
das lit. -ōrius (nicht lettisch!) seinerseits aus dem Alt-
slav. übernommen sein dürfte (so Miklosich, Vgl. Gr.
d. slav. Spr. II, 88 ff.). Das Kelt. zeigt besonders in Ei-
gennamen wie Lutārius eine wohl urverwandte Form
des Suffixes, dem kelt. -orio, -erio (außerdem -irio,
-urio) zur Seite stehen; doch macht sich auch hier in
der Folgezeit lat. Einfluß geltend, vermittelt durch
zahlreiche Entlehnungen wie air. notire (< lat. notā-
rius), jünger ir. cellóir (< lat. cellārius) und dann
auch zu einheimisch-kelt. Wortstämmen wie in air.
rec(h)t(a)ire steward, während lat. -ārium nur im
Brit. als Kollektivsuffix produktiv geworden ist: llyfr-
awr Bücher u. a., s. Pedersen, Vgl. Gr. d. kelt. Spr. I,
203 ff.; II, 51 f.; Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. R11 f.

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